Gegen den Fußball entschieden

Nachzügler spielt sich mit starker Vorhand ins Nationaltrikot

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Mit Kreativität und starker Vorhand: André Bertelsmeier hat es in die U15-Nationalmannschaft geschafft.

Anfangs schnürte André Bertelsmeier wie jeder andere noch seine Fußballschuhe. Inzwischen durchlebt das Tischtennis-Talent einen regelrechten Höhenflug in seiner neuen Sportart.

Hamm – Es ist Freitagabend, 17.50 Uhr – Trainingsschluss im Deutschen Tischtennis-Leistungszentrum (DTTZ) in Düsseldorf. Nur wenige Minuten später meldet sich André Bertelsmeier frisch geduscht zum Gespräch bereit.

Mit einem ähnlichen Tempo wie unter der Dusche hat sich der 14-Jährige Tischtennisspieler des TTTC GW Bad Hamm und von Westfalia Rhynern auch an der Platte innerhalb weniger Jahre bis in die deutsche Spitze seiner Altersklasse gespielt – und gehört neuerdings sogar zum festen Kader der U15-Nationalmannschaft.

„Wann ich zum Einsatz komme, weiß ich aber nicht“, sagt Bertelsmeier. der sich sehr über die Nominierung gefreut hat. Zwischen zehn und zwölf Spieler sind von Bundestrainerin Eva Jeler in den Schülerkader (NK II) des Deutschen Tischtennis-Bundes berufen worden. Wie groß die Chance Bertelsmeiers ist, tatsächlich in einem der zahlreichen internationalen Wettbewerbe das Nationaltrikot zu tragen, vermag sein Heimtrainer Dustin Gesinghaus aber nicht zu sagen.

„Da lässt sich die Bundestrainerin nicht in die Karten schauen“, sagt der Trainer, der auch auf Verbandsebene für seinen Schützling verantwortlich ist. „Aber die spielen fast monatlich Turniere wie die Cadet Open oder Junior Open – am Ende entscheidet der DTTB, wo er teilnimmt.“

Dennoch sieht der Coach die Nominierung als Meilenstein in der Karriere des 14-Jährigen an. „Dass er in den Nationalkader einberufen wurde, ist für ihn ein unfassbarer Erfolg und Bestätigung dessen, was er jeden Tag leistet“, lobt Gesinghaus den Offensivspieler. „Vor allem, wenn man bedenkt, wo er herkommt, dass er in einem kleinen Verein in Hamm die ersten Schritte gemacht hat – und jetzt spielt er in der Oberliga Mitte positiv, nachdem er vorher drei Ligen tiefer aktiv war.“

Fußball muss zugunsten der Tischtennis-Karriere weichen

Dabei hätte es ganz anders kommen können. Denn Bertelsmeier begann relativ spät, im Alter von neun Jahren mit dem Tischtennissport, spielte bei der Westfalia in Rhynern parallel Fußball. „Aber irgendwann wurde das zu viel“, sagt er. „Eine Zeit lang habe ich dann Fußball noch einmal in der Woche gespielt und Tischtennis viermal. Das hat sich dann überlappt, sodass ich mich entscheiden musste, was schwer war.

Aber nach einer gewissen Zeit ging es dann leicht.“ Was auch mit dem sich schnell einstellenden Erfolg zusammenhängt. „Ich habe relativ schnell in der C-Schüler-Klasse gespielt, habe mich dann in der U11 für die Westdeutschen qualifiziert“, erinnert sich der Rhyneraner. „Da bin ich zwar nicht so weit gekommen, habe aber gemerkt, dass das Spaß macht und ich etwas erreichen kann, weil ich einen großen Sprung gemacht habe und in den Kader des Westdeutschen Tischtennis-Verbandes (WTTV) gekommen bin.“ Dass die Entwicklung bei dem 14-Jährigen so rasend schnell gegangen ist, kommt für Gesinghaus nicht überraschend.

Der derzeitige GW-Coach Dustin Gesinghaus (rechts) wird seinen Trainerposten in Hamm ab dem 1. März abgeben, um einer Vollstelle als Bayerischer Verbandstrainer anzutreten.

Denn neben seinem großen Talent besitzt Bertelsmeier den nötigen Ehrgeiz. „Sein Pensum ist genau so, wie man es als jugendlicher Leistungssportler machen muss“, sagt der Coach. „Er ist sehr zielstrebig – auch an den Wochenenden ist es nicht so, dass man André zwingen müsste. Eher im Gegenteil ist es so, dass er mich immer wieder nach Trainingseinheiten fragt.“ Um sein Talent besser zu fördern, ist Bertelsmeier im Sommer nach Düsseldorf ins DTTZ gewechselt.

„Irgendwann“, sagt er, „ging es schulisch herunter, und ich habe überlegt, was ich dagegen machen kann. Darum hieß es, entweder das Training einzuschränken oder ins Internat zu gehen.“ Die Einladung vom WTTV lag vor, und nach einem einwöchigen Probetraining in Düsseldorf stand die Entscheidung. „Das war schon ein großer Schritt, dahin zu gehen“, sagt er. Aber mittlerweile habe ich mich daran gewöhnt.“ Auch an die täglichen Trainingseinheiten, die – mit Ausnahme des Montags – zusätzlich zum restlichen Tagespensum morgens um sieben Uhr angesetzt sind.

Aber da die Bettruhe am Abend um 22 Uhr schon früh angeordnet ist, hatte er auch dieses Problem schnell im Griff – so, dass er die Internatszeit jetzt voll genießen kann. „Das ist natürlich ein Abenteuer“, sagt er. „Jedes Jahr kommen da viele neue Spieler dazu, man macht sehr viel zusammen. Ich habe viele Freunde gefunden.“ Im Internat ist er der Jüngste, wohnt mit dem ein Jahr älteren An Duy Dang (TTC Lövenich) in einem Zimmer.

Sein Kumpel ist ihm einen Hauch überlegen

Der ist aktuell Westdeutscher Meister der Schüler. „In der persönlichen Bilanz steht es 3:2 für ihn“, sagt Bertelsmeier, der das in Zukunft gerne ändern und selbst den einen oder anderen Titel einfahren würde. Bei der westdeutschen Meisterschaft stand er zuletzt im Halbfinale, beim deutschen Top-48-Turnier qualifizierte er sich als Fünfter für das Top-12, bei dem er Mitte Februar den nächsten Coup landen kann. „Zudem ist er davor für die westdeutsche Schüler- und Herrenmeisterschaft qualifiziert“, sagt Gesinghaus, der die Entwicklung seines Schützlings weiter steil ansteigend erwartet.

„Man sieht ihn als 14-jährigen, was er ja auch ist – und am Ende entscheidet das biologosche Alter. Aber auch das Trainingsalter ist wichtig. Da hängt André den anderen Jungs um zwei, drei Jahre hinterher. Er hat die Möglichkeit, aufzuholen. Sein Weg ist nur ein bisschen weiter.“ Die Arbeit mit dem Nachwuchsmann macht seinem Trainer mächtig Spaß.

Nicht, weil er „eine starke Vorhand“ spielt. Nicht, weil „auch seine Rückhand kein toter Fleck“ ist: „Das ist kein Alleinstellungsmerkmal“, sagt der Coach. „Sondern, dass er deutlich mehr Ideen als andere in seine Altersklasse hat. Er hat die Kreativität, auch mal etwas anderes zu spielen, als nur die eine Schiene.“ Aktuell spielt Bertelsmeier für den TTC GW Bad Hamm in der Oberligamannschaft und in Rhynern in der Jugend-Bezirksliga.

Zudem feierte er zuletzt gegen den TTC Fortuna Passau sein Debüt in der 2. Bundesliga. Zwar ohne Sieg, aber mit knappen Niederlagen durchaus einen Achtungserfolg. „Das war sehr schön und super, mit solchen Top-Leuten zu spielen“, sagt er stolz. „Da habe ich sehr viel Erfahrung gesammelt. Die Gegner, die Spielklasse, die Atmosphäre. Man merkt, wie die Fans einen anfeuern. Da ist man immer motiviert und gibt alles – das würde ich immer wieder tun.“ Wird er wohl auch, wenn seine Entwicklung so weiter geht.

Bertelsmeier träumt von Duell mit großem Idol

„Seine Einstellung ist wahnsinnig gut, er lebt für den Sport, arbeitet jeden Tag fleißig, intensiv und zielstrebig“, lobt Gesinghaus. der sich aufgrund der starken Konkurrenz mit Prognosen dennoch zurückhält. „Für ihn geht es darum, jetzt hart zu arbeiten, um später den Luxus der Entscheidung selbst zu haben, ob er Profi wird. Aber wo die Grenze liegt, ist nicht absehbar.“

Daran, dass das sein Ziel ist, lässt der Rechtshänder jedenfalls keinen Zweifel aufkommen. „Natürlich will ich auch in der Jugend und bei den Herren in den Nationalkader kommen“, sagt der 14-Jährige, der Timo Boll als großes Vorbild nennt. „Timo hat sehr viel im Tischtennis erreicht, ist in seinem Alter noch immer einer der Spitzenleute im Tischtennis. Und er hat so viel Ballgefühl, dass er auch im hohen Alter noch gut sein wird.“ Dann könnte sich für Bertelsmeier eines Tages ein Traum erfüllen: ein Spiel gegen Boll in der Bundesliga.

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