Vorstandsvorsitzender der Sporthilfe

Thomas Berlemann: "Der SC Rote Erde war ein bisschen Heimat"

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Thomas Berlemann – gebürtiger Hammer – ist Vorsitzender der Deutschen Sporthilfe.

Seit dem 1. April ist Thomas Berlemann (56) neuer Vorstandsvorsitzender der Deutschen Sporthilfe. Im Interview spricht der gebürtige Hammer über die Corona-Krise und den neuen Job.

Herr Berlemann, als neuer Chef möchte man sich ja eigentlich gerne persönlich bei seinen Mitarbeitern vorstellen. Das funktioniert in Zeiten des Coronavirus aber nicht. Haben Sie Ihre neuen Kollegen überhaupt schon kennen lernen können? Wie haben Sie sich in Ihrem neuen Job eingefunden?

Ich bin schon im März, als es noch nicht so restriktiv war mit den Beschränkungen, für zwei Tage in Frankfurt gewesen, habe dort Zeit im Büro verbracht und den einen oder anderen kennen lernen dürfen. Mein Ziel war es natürlich, mit Beginn des April alle Mitarbeiter persönlich kennen zu lernen und sich als neue Teammitglieder zu begegnen. Das hat leider noch nicht stattgefunden, weil die gesamte Sporthilfe im Homeoffice ist. Da ich die letzten Jahre sowieso oft mit Videokonferenzen gearbeitet habe, fiel die Umstellung recht leicht. Wir haben die persönlichen Treffen erst einmal auf den virtuellen Kanal gelegt und werden das persönliche Treffen im Büro nachholen, wenn wir alle ein Stückweit zur Normalität zurückgekehrt sind.

Aber nicht nur im persönlichen Umgang mit den Kollegen läuft vieles anders. Auch für die 4000 Athleten, die von der Sporthilfe unterstützt werden, funktioniert derzeit nichts wie sonst. Die Athleten können sich in diesem Jahr nicht bei den Olympischen Spielen und auch nicht auf Wettkämpfen präsentieren, erhalten weder öffentliche Aufmerksamkeit noch Preis- oder Antrittsgelder. Ist die Sporthilfe, um den Athleten zu helfen, angesichts des Coronavirus wichtiger denn je?

Wir waren und sind für unsere 4000 Athleten ein wichtiger Partner. Es geht dabei nicht nur um monatliche Zuwendungen, uns ist genauso wichtig, dass wir die Sportler parallel zu ihrer sportlichen Karriere bestmöglich auf die Karriere danach vorbereiten, beispielsweise über Ausbildungsförderungen, Seminare, Zugänge zu Unternehmen und Mentoren aus der Wirtschaft. Das ist ein großer Teil des Förderkonzepts – und in diesen Zeiten werden wir hier zunehmend digitaler. Vergangenen Montag haben wir mit dem Format „Sporthilfe Elite-Talks“, einem interaktiven Webinar, damit angefangen, in Zeiten von Social Distancing Athleten unsere Weiterbildungsmöglichkeiten nach Hause zu bringen, was toll angenommen wurde. Dazu konnten wir schon vor der Verschiebung der Olympischen Spiele verkünden, dass wir alle zugesagten Förderungen auch einhalten, was bei Athleten für große Dankbarkeit gesorgt hat. Daher sage ich: Ja, wir sind relevant, auch und vor allem in diesen Zeiten. Und wir wollen mit neuen Angeboten und neuen Partnerschaften in den nächsten Jahren noch relevanter werden.

Was für die Aktiven gilt, gilt wohl auch für die Sporthilfe. Für ein Unternehmen, das sich größtenteils über Events und Spenden finanziert, muss es eine schwere Zeit sein. Müssen Sie daher jetzt besonders kreativ sein oder warten Sie einfach ab, wie sich das alles in der Zeit nach dem Coronavirus entwickelt?

Die Sporthilfe ist gut aufgestellt. Was die wirtschaftlichen Auswirkungen angeht, da sind noch nicht alle Konsequenzen vollständig absehbar, aber das ist ja in vielen Branchen und Wirtschaftszweigen so. Wir sehen zwar glücklicherweise viel Unterstützung durch die Bundesregierung, um Unternehmen jeder Größenordnung, die es benötigen, zu helfen. Aber was es genau bedeutet für die Unternehmen, für die Beschäftigten, das wissen wir heute noch nicht. Deswegen ist es schwer, eine Prognose abzugeben. Aber richtig ist, dass eine Krise auch immer neue Chancen bietet und Platz für neue Ideen schafft, auch für die Sporthilfe. Schon in meinen ersten Tagen im Amt habe ich mit meinen Kollegen spannende Ansätze und Ideen diskutiert. Ich denke, die Corona-Krise wird uns als Gesellschaft verändern. Wir sehen ja schon heute eine Renaissance der Solidarität, wir sollten schauen, wie wir diese guten Ansätze und Verhaltensweisen verstetigen und sie sich jeder einzelne, vielleicht aber auch Unternehmen, zu eigen machen. Wir sind in einer Turn-Around-Phase für Deutschland und der Spitzensport kann hier Vorbild sein.

Sie haben vor Ihrem Amtsantritt bei der Sporthilfe durch ihre verschiedenen Jobs im Managerbereich schon zahlreiche Erfahrungen gesammelt und manche Krise überstanden. Können Sie die jetzt gut einbringen? Oder ist Ihr neues Aufgabenfeld komplett neu?

Neu ist sicherlich das Umfeld. Ich freue mich vor allem darauf, viele der geförderten Athleten persönlich kennenzulernen, das liegt mir als ehemaliger Leistungssportler sehr am Herzen. Mit vielen Unterstützern der Sporthilfe, großen Konzernen aber auch vielen Mittelständlern wiederum habe ich in meiner beruflichen Karriere schon Kontakt gehabt. Von daher sind mir die Unternehmen als Arbeitgeber, als Partner, als Kunde sehr gut bekannt. Dazu werde ich von einem Team mit rund 40 sehr motivierten und qualifizierten Mitarbeitern unterstützt. Gemeinsam werden wir mit kreativen Ideen, dem Weiterführen von Bewährtem aber auch dem Beschreiten von neuen Wegen im Vertrieb, im Marketing und in der Athletenförderung die Sporthilfe in den nächsten Jahren weiterentwickeln. Da unterscheiden sich viele Mechanismen gar nicht groß von denen klassischer Unternehmen.

Was hat Sie überhaupt an dem Job gereizt?

Ich habe in den letzten Jahrzehnten für unterschiedliche Unternehmen im In- und Ausland gearbeitet. Die Sporthilfe war aber schon immer eine Herzensangelegenheit für mich. Denn ich war ja früher selbst geförderter Sportler und in meiner Zeit bei der Deutschen Telekom einige Jahre im Aufsichtsrat der Sporthilfe. Daher war ich ein bisschen im positiven Sinne vorbelastet. Den besten Sportlern Deutschlands zu helfen, ihr Potenzial auszuschöpfen und Erfolge für Deutschland zu feiern, dabei meine Erfahrung, mein Netzwerk und meine Expertise einzubringen, finde ich eine ganz spannende, aber auch sehr motivierende Aufgabe.

Die Liste Ihrer Vorgänger liefert einige illustre Namen wie Josef Neckermann oder Willi Daume. Ist dies eine Ehre für Sie? Oder eher eine Verpflichtung? Oder interessiert Sie das Gestern nicht, weil Sie nur nach vorne schauen?

Das sind natürlich sehr bekannte, prominente Namen, aber damit beschäftige ich mich – ehrlich gesagt – nicht so sehr. Weitaus wichtiger ist, dass die Sporthilfe eine Tradition, eine Kultur hat, die sehr werteorientiert ist. Das ergibt sich ja auch aus unseren Kernwerten „Leistung, Fairplay, Miteinander“. Das ist unser Credo, auf dem die tägliche Arbeit für die Sportler basiert – und wie wir auch mit unseren Partnern agieren.

Sie haben früher Wasserball gespielt und sich zu Schulzeiten darüber gewundert, dass Sie als Wasserball-Bundes- und -Nationalspieler weniger Geld von der Sporthilfe erhalten haben als einige Klassenkameraden, die in jungen Jahren auf Bezirks- oder Landesliganiveau Fußball gespielt haben, von ihrem Verein. Wollen Sie so etwas ändern?

Es gibt nun mal unterschiedliche Bekanntheitsgrade von Sportarten und Sportlern, die einen gewissen Marktwert haben. Wir sind dankbar für unsere Partnerschaften mit der Deutschen Fußball Liga und der Handball Bundesliga, die ihre Popularität nutzen, um auf die Sporthilfe und ihre Aufgaben aufmerksam zu machen. Unser Ziel ist es, die Athleten in den olympischen Sportarten insgesamt in der Breite so zu unterstützen, dass die deutsche Mannschaft bei Olympischen Spielen und Weltmeisterschaften stark vertreten ist. Daran werden wir weiter arbeiten.

Wie wichtig war für Sie in jungen Jahren die Unterstützung durch die Sporthilfe?

Ich habe von der Sporthilfe damals 150 Mark im Monat bekommen. Das war toll und hat mich stolz gemacht. Zu dieser Elite der geförderten Sportler zu gehören, war ein kleiner Ritterschlag.

Was haben Ihnen der Wasserball-Sport und Ihr Stammverein SC Rote Erde gegeben?

Man kann schon sagen, dass der SC Rote Erde für mich ein bisschen Heimat war. Ich war als Kind mit meinen Eltern und meinen Brüdern dort und bin mit dem Verein aufgewachsen. Das Klubleben des SC Rote Erde war immer besonders. Jedes Mal, wenn ich im Klubhaus war und mir eine Fanta geholt habe, habe ich die Pokale und Wimpel bestaunt, die Fotos der Vorbilder der großen Zeiten, als Hamm noch Rekordmeister im Wasserball war. Das waren Namen wie Lutz Nagy, Anton Hofmeister, Hansi Schepers, Serban Huber, der später mein Trainer war, Jochem Huth, Martin Jellinghaus oder Ludger Weeke nicht zu vergessen – Sportler aus zwei Generationen, die ich in Europapokalspielen bewundert habe. Das war etwas Besonderes, das ich auch erreichen wollte. Von daher war es schön, in die Fußstapfen meiner Idole treten zu können. Wir haben hart trainiert, man hat sich im Team jeden Tag gesehen, manchmal auch zweimal pro Tag, das hat zusammengeschweißt. Ich habe gelernt, was Teamgeist ist, gelernt zu kämpfen, mit Niederlagen umzugehen und wieder aufzustehen – das waren schon wichtige Dinge, die mich im Laufe meiner Sportkarriere, aber auch für das restliche Leben geprägt haben.

Und es sind Dinge, die jetzt wichtiger denn je zu sein scheinen: kämpfen und wieder aufstehen.

Genau, Sportler können hier Vorbilder sein für die gesamte Gesellschaft und Inspiration für den Weg aus der Krise. Sie zeigen dies bei Wettkämpfen und tagtäglich im Training. Ich hoffe, dass die Gesellschaft sich von diesem Spirit anstecken lässt und sich dabei weiterhin bewusst ist, dass diese Athleten förderwürdig sind. Denn nur mit einer guten Förderung werden wir auch in den nächsten Jahren und Jahrzehnten Erfolge feiern und uns mit den tollen Talenten und Top-Athleten freuen können. Wir als Sporthilfe wollen und werden mit voller Leidenschaft unseren Teil dazu beitragen.

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