Hausbesuche

Spielertrainer Rouven Meschede ohne eigene Schuhe

Rouven Meschede ist ein geselliger Mensch und grillt gerne mit Freunden auf seinem Balkon.
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Rouven Meschede ist ein geselliger Mensch und grillt gerne mit Freunden auf seinem Balkon.

Es ist eigentlich unvorstellbar. Kaum zu fassen. Und nicht zu glauben. Rouven Meschede, der vor einigen Jahren unter dem Trainerduo Arie van Lent/Daniel Thioune schon für RW Ahlen in der 3. Liga aufgelaufen ist und jetzt in seine dritte Saison als Spielertrainer des Fußball-Bezirksligisten SVE Heessen geht, besitzt kein eigenes Paar Fußballschuhe.

Hamm - Um nicht in Socken aufzulaufen, borgt er sich immer die ausrangierten Treter von seinen Teamkollegen. Derzeit trägt er die alten Schuhe von Innenverteidiger Dominik Giffey auf, der die gleiche Größe wie Meschede hat. „Wenn es passt, dann passt es. Fußballschuhe werden überbewertet. Und wenn man gebrauchte Latschen bekommt, sind die schon eingelaufen“, erklärt Meschede – und muss dabei selber ein wenig über sich schmunzeln.

Großer Erfahrungsschatz

Auch sonst ist der 30-Jährige, der in Hamm direkt neben der Polizeihauptwache wohnt und diesen Umstand sehr praktisch findet („Ich habe immer die Balkontür offen. Da ist noch nie was passiert.“), eher ein Coach der ungewöhnlichen Art. Während andere Übungsleiter ihr Training minutiös vorher am Computer planen, greift Meschede vielmehr auf seinen Erfahrungsschatz zurück und improvisiert auch schon mal während der Trainingseinheit. „Ich schaue dann immer, wie die Jungs drauf sind“, erläutert er. Und auch von einer genauen Analyse des Gegners durch Videostudium oder Beobachtung hält er nicht viel. „Man kann einen Gegner auch tot analysieren. Ich bin kein Freund davon, alles auf den Gegner auszurichten. Wir ziehen lieber unser eigenes Spiel durch“, meint er, der bereits im jungen Alter von 28 Jahren im Marienstadion das Traineramt übernommen hatte.

Doch seine Methode ist erfolgreich. Zumindest beim SVE bislang. Gleich in seiner ersten Saison in verantwortlicher Position führte er die Heessener aus der Kreisliga A in die Bezirksliga, wo er jetzt mit seinem Team im vorderen Bereich mitmischen will. „Wichtig ist mir, dass die Einstellung stimmt. Ich bin kein Freund von Schönspielerei, sondern setze darauf, dass Laufbereitschaft und Aggressivität da sind. Und die Jungs müssen den Mund aufmachen“, stellt er klar.

Für acht Wochen gesperrt

Er selbst lebt dieses emotionale Spiel vor, so, wie er es auch schon bei seinen Stationen vorher gemacht hat. Auch wenn er schon mal über das Ziel hinausschießt. Wie zum Beispiel zu seinen Zeiten in Ahlen, als im Herbst 2016 im Regionalliga-Heimspiel gegen die U23 von Borussia Mönchengladbach die Gäste in der 90. Minute das 3:2 erzielten, der Ahlener Co-Trainer vor Ärger hinter einer Plastikflasche hinterhertrat, dabei den Linienrichter traf, und der Schiedsrichter die Partie abbrach. Meschede, der nach einem Syndesmosebandriss im Sprunggelenk die Partie von der Tribüne gesehen hatte, eilte hinunter in den Spielertunnel und brachte seinen Frust über diese Entscheidung lauthals gegenüber dem Unparteiischen zum Ausdruck. „Ich habe ihn freundlich aufgefordert, wieder anzupfeifen“, sagt Meschede, der anschließend für seine nicht ganz passende Wortwahl für acht Wochen gesperrt wurde.

Im RWA-Trikot hatte er im September 2017 auch schon mal einen Linienrichter beleidigt und bei Eintracht Rheine in der Nachspielzeit als Affen bezeichnet. Dafür sah Meschede, der in Ahlen aufgrund seines enormen Kampfgeistes und seiner emotionalen Spielweise Publikumsliebling war, die Rote Karte und wurde für vier Wochen aus dem Verkehr gezogen. Die Wartezeit, ehe er wieder im RW-Trikot auflaufen durfte, nutzte er, um im Naturzoo von Rheine eine Tierpatenschaft zu übernehmen. Für das Jahr 2018 war er damit offizieller Pate für ein kleines Liszt-Äffchen.

Meschede fordert Disziplin und Respekt ein

Doch der SVE-Coach, der seit vier Jahren in Ahlen in einem Recyclingunternehmen arbeitet, ist im Laufe der Zeit ein wenig ruhiger und einsichtiger geworden, setzt in seinem Team auf Disziplin und fordert von seinen Akteuren den nötigen Respekt ein – gegenüber den eigenen Mitspielern, dem Gegner und dem Schiedsrichter. „Ich war früher wirklich kein gutes Beispiel, habe immer die meisten gelben und roten Karten kassiert. Jetzt achten wir darauf, dass nur unser Kapitän oder der Co-Trainer an der Außenlinie mit dem Schiri spricht“, sagt Meschede.

Außerdem gibt es innerhalb des Teams einen harten Strafenkatalog. Handys müssen eine Viertelstunde vor Trainingsstart in der Tasche verschwunden sein, die Bälle müssen alle aufgepumpt sein, Bier darf nicht verschüttet werden (kostet ansonsten fünf Euro), und natürlich werden auch Verspätungen bestraft. So waren alleine im Juli schon 400 Euro an Strafen zusammengekommen. „Bei 26 Mann im Kader ist das aber nicht viel“, meint der Coach, eher her hinzufügt: „Oder?“

Aber es ist nun mal ein anderer Job, den Meschede beim SVE zu verrichten hat als vorher, als er nur als Spieler aktiv war. „Früher habe ich meine Tasche gepackt, mich in die Kabine gesetzt und zugehört, was der Trainer sagt. Jetzt macht man sich schon seine Gedanken, was und wie man den Jungen etwas vermittelt“, sagt er und hat es nicht bereut, dass er mit 28 Jahren den Schritt in die Kreisliga A gegangen war, um dort als Spielertrainer zu arbeiten. „Am Anfang hatte ich noch leichte Zweifel, ob das alles funktioniert, zumal es ja ein großer Spagat ist, den man machen muss, um gleichzeitig Trainer und Spieler zu sein. Aber die Jungs haben das super aufgenommen, es klappt wirklich richtig gut.“

Gerne auch höherklassig als Trainer

Und mittlerweile macht ihm dieser Job so viel Spaß, dass er sich durchaus vorstellen kann, irgendwann später mal auch höherklassig eine Mannschaft zu coachen. „Diese Ambitionen habe ich definitiv. Die hatte ich als Spieler, die habe ich jetzt auch als Trainer“, stellt er klar. Allerdings muss er dafür erst einmal eine Trainerlizenz machen. Denn die besitzt er derzeit noch nicht. „Einen Führerschein habe ich, aber keinen Trainerschein“, meint er und hat sich fest vorgenommen, dies im kommenden Jahr anzugehen. „Ich wollte das schon früher machen, aber wegen Corona war das alles nicht so leicht.“

Aber erst einmal will er noch vier bis fünf Jahre selbst auflaufen und „so lange spielen, wie es geht“. Und dabei eben in der Doppelfunktion Erfahrungen sammeln. Denn noch fällt es ihm schwer, harte Personalentscheidungen zu treffen und Akteuren aus seinem Kader nach dem Abschlusstraining zu sagen, dass sie Sonntag nicht im Kader sind. „Natürlich weiß ich, dass ich nicht alle 26 Jungs zufriedenstellen kann. Aber der Freitag ist immer der schwierigste Tag für mich, wenn ich das Aufgebot bekannt gebe. Letztlich entscheide ich das aber nicht nach Sympathie, sondern es zählt das Leistungsprinzip. Die elf Spieler, von denen ich überzeugt bin, dass sie uns am besten zum Sieg verhelfen können, stelle ich auf“, betont er und sagt noch: „Es geht ja auch um meinen Trainerjob. Und wenn wir dann verloren haben, frage ich mich hinterher, was ich wohl falsch gemacht haben kann. Das beschäftigt mich enorm.“

Großer Ehrgeiz

Denn Meschede, der sich gerne Freunde auf seine Terasse zum Grillen einlädt und der auch gerne mal feiern geht, ist ehrgeizig, erwartet von sich selber und auch von seiner Mannschaft eine Menge. Er selbst setzt sich sogar so unter Druck, dass er sonntags vor einem Spiel nicht frühstücken kann. „Das konnte ich früher als Spieler schon nicht. Da ist die Anspannung bei mir zu groß. Am Platz esse ich ein Stück trockenen Kuchen und eine Banane, damit ich was im Magen habe. Aber mehr geht nicht“, verrät er, eher er noch eine weitere Marotte preisgibt. Denn während er nur ein einziges Paar Fußballschuhe hat, nennt er rund 40 Paar Sneaker sein eigen und hat hier jeden Tag die Qual der Wahl, welches Modell in welcher Farbe er anzieht. In Sachen Fußballschuhe ist dies ja beim ihm glücklicherweise deutlich einfacher.

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