Steven Kodra lebt in Albanien seinen Traum vom Profifußball

Steven Kodra während der Saisonvorbereitung im Sommer 2020 beim Oberligsiten Hammer SpVg.
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Steven Kodra während der Saisonvorbereitung im Sommer 2020 beim Oberligsiten Hammer SpVg.

Im Januar wurde Steven Kodra irgendwie alles zu viel in Deutschland. Seit November musste der 23-Jährige ohne seine große Liebe auskommen: den Fußball. Ein Cousin aus Albanien hatte die rettende Idee.

Hamm - Kurzerhand buchte Kodra ein Flugticket nach Tirana, absolvierte ein Probetraining beim albanischen Erstligisten KF Laçi und erhielt dort einen Profivertrag. Gute drei Monate später ist er immer noch in der albanischen Hauptstadt, fühlt sich pudelwohl – und das, obwohl er verletzungsbedingt noch kein Meisterschaftsspiel für seinen neuen Verein absolviert hat. Manchmal muss Steven Kodra kurz überlegen, um im Gespräch das richtige Wort zu finden. „Ich habe schon ein bisschen mein Deutsch verlernt“, sagt er. Gerade befindet er sich auf dem Weg vom Training nach Hause in seine Wohnung. Die befindet sich seit Ende Januar nicht mehr in Hamm, sondern in der albanischen Hauptstadt Tirana. Der Mittelfeldspieler, der zuletzt für die Hammer SpVg in der Fußball-Oberliga gekickt hat, gilt mittlerweile als Profi und kann so wieder das machen, was er am liebsten macht: Fußall spielen.

Saisonabbruch verdarb die Laune

Dabei war bei dem gebürtigen Hammer mit deutschem Pass und albanischen Wurzeln wie bei allen Amateursportlern Ende Oktober die Klappe gefallen. Die coronabedingte Unterbrechung der Saison, die mittlerweile im Abbruch der Spielzeit endete, hatte ihm mächtig die Laune verdorben. „Ich war unglücklich und habe versucht, eine Lösung zu finden“, sagt Kodra. „Erst habe ich angefangen, wieder individuell zu trainieren. Aber das ist nicht dasselbe wie mit der Mannschaft. Am 31. Dezember bin ich dann morgens aufgestanden, und irgendwie hat mein Gefühl gesagt, ich melde mich lieber beim Verein ab als darauf zu warten, bis wir wieder Training haben.“

Mit One-Way-Ticket nach Tirana

Als dann ein paar Tage später sein Cousin zu Besuch kam, der in Albanien lebt, war natürlich auch der Fußball ein Thema. „Er hat im Spaß gesagt, komm doch nach Albanien“, erinnert sich der Mittelfeldspieler. „Und ich im Spaß: ja klar, ich komme. Nach ein paar Tagen habe ich ihn angerufen und gesagt, es wäre schön, wenn er ein Probetraining organisieren könnte. Er hat gefragt, wann kannst du? Und ich: morgen.“

Einen Tag später stand Steven Kodra am Düsseldorfer Flughafen mit einem One-Way-Ticket nach Tirana in der Hand. Und wenig später auf dem Trainingsplatz des KF Laçi – aktuell Tabellenvierter der albanischen Superliga. „Ich habe ein-, zweimal mittrainiert. Die haben schnell gesehen, dass ich Fußball spielen kann, und dann am letzten Tag der Wechselfrist habe ich die Chance bekommen und einen Profivertrag unterschrieben.“ Anfangs wohnte er noch bei seinem Cousin, doch mittlerweile hat der Verein für ihn eine eigene Bleibe in der Hauptstadt organisiert. Dort lebt er seinen Traum vom Fußballprofi, trainiert täglich mit seinen neuen Kollegen, meist sogar zweimal.

Lange Verletzungspause verhindert Einsätze

Dass er bisher noch nicht in der ersten Mannschaft seines neuen Vereins eingesetzt worden ist, hat einen Grund. Denn am Tag, bevor sein Trainer ihn zum ersten Mal spielen lassen wollte, verletzte sich der Mittelfeldmann. „Da stand mir mein Ehrgeiz im Weg. Ich hatte eine lange Pause und dann ab Februar sofort voll und richtig hart mittrainiert“, sagt Kodra. „Irgendwann hat der Körper eine Reaktion gezeigt. Ich hatte Probleme mit der Leiste. Aber jetzt ist das auskuriert.“

Statt am 27. Februar in der Partie gegen den Tabellenzweiten Partizani auf dem Feld zu stehen, folgte eine lange Phase, in der er die Verletzung auskurierte und vor allem Geduld zeigen musste. Seine positive Stimmung hat er in der Zeit jedoch nicht verloren – obwohl er nur reduziert trainieren konnte und gar nicht spielen. „Ich bin ja auch hier, weil mich das Training fit hält. Training mit einer Mannschaft haben war wichtig, weil ich sonst durchdrehen würde“, blieb der 23-Jährige zuversichtlich. „Aber jetzt bin ich auf einem guten Weg und denke, dass ich in Kürze spielen werde.“

Premiere mit Tor in der U21-Mannschaft

Mitte der vergangenen Woche wurde er erstmals in der U21 eingesetzt. „40 Minuten war ich auf dem Platz und habe dabei ein Tor und drei Vorlagen gemacht“, ist er sich sicher, mit dieser Vorstellung „ein Ausrufezeichen gesetzt“ zu haben, „dass die sehen, dass ich was drauf habe“.

Bis zum Ende der aktuellen Saison ist sein Vertrag in Laçi datiert. Doch auch ohne Einsatz glaubt Kodra, dass er seinen Weg in Albanien fortsetzen kann. „Die wollen wahrscheinlich verlängern“, sagt er. „Weitere Verhandlungen folgen.“

Trotz seiner albanischen Wurzeln war Kodra bisher nicht oft dort – das letzte Mal vor sieben Jahren. Entsprechend spannend waren die ersten Schritte, als er im Februar in der Gewissheit nach Tirana kam, dass diese wuselige Stadt, die weit über 500 000 Einwohner zählt, nun auf unbestimmte Zeit seine Heimat sein würde. „Als ich angekommen bin, war ich erst einmal erschrocken, als ich gesehen habe, wie viel Action hier ist“, schildert Kodra seinen ersten Eindruck. „Hier gibt es keine Ausgangssperre. Alles ist geöffnet, auch die Restaurants – und die Fitnessstudios haben auf. Das ist sehr wichtig für mich. Von Corona merke ich hier nicht viel.“

Gute Trainingsbedingungen, intensive Einheiten

Mit einer Sieben-Tage-Inzidienz von aktuell 24,4 (im März war der Wert noch jenseits der 250er Marke) steht Albanien, das im Süden Europas zwischen Montenegro und Griechenland liegt, gut da – das Auswärtige Amt stuft das Land dennoch als Risikogebiet ein. Und auch wenn die Beschränkungen im Land moderat erscheinen – Fußball vor Fans ist dennoch wie im Rest Europas verboten. „Momentan ist das leider nicht erlaubt, nur ein paar Leute von den Vereinen sind bei den Spielen im Stadion“, sagt Kodra. „Aber die Trainingsbedingungen sind ganz gut hier – und die Einheiten sind sehr intensiv.“

Bei Temperaturen um 30 Grad hat der Hammer keine großen Probleme mit der Freizeitgestaltung. „Ich telefoniere viel mit meiner Familie und Freunden zuhause. Ansonsten genieße ich das Wetter“, sagt er. „Hier gibt es einen Park, wo ich spazieren gehe, ich fahre an den Strand, der eine halbe Stunde entfernt ist. Oder ich treffe mich mit Leuten aus meiner Familie, die hier wohnen, gehe ins Café, gucke Fußball im Fernsehen.“

Rückkehr nach Hamm? Irgendwann auf jeden Fall

Dass er irgendwann nach Hamm zurückkehren will, steht für Kodra dennoch fest, auch wenn er sich in Tirana wohl fühlt. „Ich kenne Albanien, aber wusste nicht, wie das fußballtechnisch hier abläuft“, sind die anfänglichen Zweifel verschwunden. „Aber den Mutigen gehört die Welt. Und ich weiß es sehr zu schätzen, dass ich jeden Tag Training habe. Und vielleicht kann ich mich ja hier für eine höhere Liga in Deutschland empfehlen. Denn meine Motivation ist der Fußball – und dafür gebe ich jeden Tag 100 Prozent.“

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