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Hausbesuch bei HSV-Trainer Steven Degelmann: Der Familienmensch

Auch das Rasenmähen im kleinen Garten dient Steven Degelmann zur Entspannung.
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Auch das Rasenmähen im kleinen Garten dient Steven Degelmann zur Entspannung.

Hausbesuche heißt die neue Serie im Lokalsport des Westfälischen Anzeigers. Wir besuchen die Fußball-Trainer von der Kreisliga A bis zur Oberliga zuhause und reden mit ihnen über alltägliche Dinge, über skurrile Vorkommnisse, persönliche Erlebnisse und auch wenig über Fußball. Los geht es mit Steven Degelmann, Trainer des Fußball-Oberligisten Hammer SpVg.

Hamm - Es ist ein eher ungewöhnliches Klingelschild, das Steven Degelmann an seinem Haus im Hammer Süden angebracht hat. „Hier kuscheln und knuddeln“ die vier Degelmanns, ist darauf zu lesen – ein deutliches Zeichen, wie wichtig dem Trainer des Fußball-Oberligisten seine Familie und der enge Zusammenhalt mit seiner Frau und den beiden Kindern sind. Doch oft stehe sein zeitaufwendiges Amt als Coach des Fußball-Oberligisten Hammer SpVg dem gemütlichen Miteinander im Weg.

„Drei Abende sind durch das Training kaputt. Hinzu kommt der Sonntag“, sagt der 38 Jahre alte Polizeibeamte – und fügt hinzu, während er entspannt auf der Terrasse hinter seinem Haus sitzt und den Blick über den kleinen, aber feinen Garten schweifen lässt: „Letztlich ermöglicht es der Fußball natürlich auch, dass die Urlaube leichter zu bezahlen sind. Aber manchmal hätte ich schon gerne mehr Freiräume.“

Trainingsbeginn schränkt den Urlaub ein

So musste seine Familie in diesem Jahr einen Teil des Urlaubs alleine verbringen. Zehn Tage waren die Degelmanns gemeinsam in Österreich. Aber während der Rest seiner Familie anschließend auf Rhodos in Griechenland noch eine Woche lang Sonne, Strand und Meer genoss, leitete er im Juli bereits wieder das Training der HSV. „Als ich meine Frau kennen lernte, habe ich in Wiedenbrück gespielt. Zu der Zeit habe ich fünfmal pro Woche trainiert plus das Spiel am Sonntag.

Von daher ist die Belastung jetzt schon heruntergeschraubt. Trotzdem gibt es schon mal Diskussionen. Aber letztlich ist die Akzeptanz da“, sagt er lächelnd und verrät, dass er der Corona-Zeit mit dem Fußball-Stopp durchaus etwas Positives abgewinnen konnte: „Man hatte mehr Zeit für die Familie, das war schon toll.“

Kein Leben ohne Fußball

Dass es für ihn ein Leben ohne Fußball nicht geben kann, stand für ihn eigentlich von Kleinauf fest. Sein Vater und seine Mutter jagten beide dem Leder nach. „Der Fußball hat mich mein Leben lang begleitet, war immer die Nummer eins. Es gibt keine Phase, wo Trainingszeiten und Spiele am Wochenende nicht mein Leben bestimmt hätten“, berichtet Degelmann, der in Beckum bei der Polizei als Dienstgruppenleiter im Schichtdienst arbeitet und in dieser Position eine Menge Verantwortung trägt.

Viel Verantwortung hat er auch schon immer als Spieler übernommen, war früher lange Zeit Kapitän der Hammer SpVg, ehe er über die Stationen SC Wiedenbrück und FC Gütersloh nach Hamm zurückkam. Als Spielertrainer führte er den TuS Wiescherhöfen von der Bezirks- in die Landesliga, jetzt ist er seit Beginn 2020 Coach der HSV und hofft, in der neuen Saison sein erstes Erfolgserlebnis in der Oberliga feiern zu können. Seit seinem Dienstantritt im Hammer Osten hat er wegen der Corona-Pandemie erst zehn Meisterschaftsspiele bestritten – und diese allesamt verloren. Zuhause sind diese Misserfolge aber nie ein Thema gewesen. Und werden es auch in Zukunft nicht sein. Denn Degelmann lässt den Fußball mit all seinen Emotionen nicht über die Türschwelle schwappen. „Wenn ich zuhause bin, bin ich zuhause. Dann wird Fußball vielleicht mal kurz angerissen. Aber mehr auch nicht“, betont Degelmann, der diesbezüglich seiner Frau sehr dankbar ist: „Sie hört gerne zu, aber bohrt nicht nach. Und wenn ich mal eine Meinung brauche, kann ich sie jederzeit ansprechen.“

Glückshormone nach einem Sieg

So bleibt er nach einem Spiel meist bewusst etwas länger auf der Platzanlage, stößt dort entweder nach einem Sieg die Glückshormone aus oder versucht nach einer Niederlage den Frust zu verarbeiten. „Dann darf mich auch keiner ansprechen. Das mache ich mit mir ganz alleine aus“, verrät er. „Ich fahre dann nicht komplett verärgert zurück. Denn ich finde es unfair, das bei uns ins Haus zu schleppen und die Familie damit zu belasten. Ich lasse den Frust am Platz.“

Schon als Spieler hatte Degelmann seinen eigenen Kopf, eckte hier und da auch schon mal mit seinem Coach an. Als er dann im Sommer 2013 die Seiten wechselte und beim TuS Wiescherhöfen als Spielertrainer einstieg, musste er sich an diese neue Rolle erst einmal gewöhnen. „Ich hatte den Vorteil, dass ich viele Jungs von früher kannte und dass ich auch fußballerisch durch meine Zeit in der Regional- und Oberliga in der Bezirksliga ein wenig glänzen konnte. Man brauchte da also nicht die große Landebahn aufzubauen, damit ich ankomme“, sagt er. „Aber als ich dann vor meinem ersten Spiel bei einem Turnier in Lohauserholz meine erste Ansprache an die Mannschaft halten musste, war ich schon sehr nervös.“

Doch diese Aufgeregtheit verflog recht schnell, Degelmann fand sich in seiner neuen Position immer besser ein, zumal beim TuS Wiescherhöfen mit dem Aufstieg in die Landesliga seine Arbeit auch Früchte trug. Allerdings hat sich – seitdem er selbst das Trikot nicht mehr überstreift – seine Rolle innerhalb der Mannschaft geändert. „Natürlich hört der Mannschaftssport nicht auf, nur weil man Trainer ist“, erklärt er. „Klar hat man zu einigen Jungs einen engeren Draht. Aber man ist nicht mehr mittendrin und zieht sich nicht mehr in der Spielerkabine um, sondern es gibt eine gewisse Distanz, die auch wichtig ist.“ Dieser Abstand zu den Akteuren sei notwendig, um entsprechende Kritik zu äußern und auch Personalentscheidungen zu treffen, ohne dabei in Gewissenskonflikte zu kommen.

Degelmann mag entspanntes Zuschauen

Dabei mag er es gar nicht so gerne, seine Akteure auf Fehler hinzuweisen. Vor allem nicht während eines Spiels. „Es ist ein Graus, wenn ich schon nach wenigen Minuten eingreifen muss“, sagt er und verrät auch, wie für ihn eine Begegnung verlaufen sollte, wenn er sie sich malen könnte. „Optimal ist es, wenn ich entspannt auf der Bank sitzen und sehen kann, dass die Jungs das umsetzen, was wir in der Trainingswoche zuvor einstudiert haben. Wenn sie kontrolliert spielen, keine Fehler machen und alles fluppt, dann kann ich das sehr genießen.“

Genießen kann er aber auch derzeit seine Arbeit bei der HSV. Obwohl er noch immer ohne einen Punktgewinn in einem Meisterschaftsspiel ist, fühlt er sich bei der HSV wohl und auch sicher. „Es wurmt immer, wenn man immer verliert. Und man wird auch oft genug darauf angesprochen. Aber ich merke, dass ich hier in Ruhe weiter arbeiten kann“, sagt er und ist davon überzeugt, dass sich das erste Erfolgserlebnis mit der seiner Meinung nach gut verstärkten Mannschaft in der Ende August beginnenden Saison schnell einstellen wird.

Der Hammer Osten gefällt Degelmann

Denn er möchte gerne noch lange im Hammer Osten arbeiten – dort, wo er drei Jahre in der Jugend und sieben Jahre bei den Senioren gespielt hat, wo er nach eigener Aussage gereift und wo er als Mensch gewachsen ist. „Trotz der vielen Frusterlebnisse in den letzten 20 Monaten ist das ein Verein, der viel Potenzial und gute Bedingungen bietet. Und es ist ein schönes Gefühl, dass man sich langsam wieder zusammenfindet“, stellt er klar und will seinen Teil dazu beitragen, dass es mit der HSV langsam, aber stetig wieder bergauf gehen wird: „Es ist noch alles sehr klein, was wir machen. Und wir können von unseren Partnern nicht erwarten, dass sie in Vorleistung gehen, sondern das müssen wir machen – mit guten Ergebnissen.“

Die nötige Kraft schöpft er dabei aus dem Kuscheln und Knuddeln mit seiner Familie. Und auch ein bisschen aus seinem kleinen Garten, in dem er gerne herumwerkelt. Degelmann: „Ich bin schon der Typ, der gerne selbst was plant und aufbaut.“ Im Garten – und auch bei der Hammer SpVg.

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