Rollhockey

Stefan Gürtler stellt seine Rollschuhe in eine Vitrine

+
Stefan Gürtler (links) steht nur noch als Notnagel zur Verfügung.

Stefan Gürtler wird nur noch im Notfall für den Rollhockey-Bundesligisten SK Germania Herringen auflaufen. Seine Rollschuhe stehen bereits in einer Vitrine. 

Hamm – 30 Jahre lang gehörte Stefan Gürtler zum festen Inventar des SK Germania Herringen. Im Kindergartenalter hatte er als Vierjähriger mit dem Rollhockeyspielen begonnen, wurde bereits mit 16 Jahren Stammspieler der Bundesliga-Mannschaft, gewann mit dem Team die Deutsche Meisterschaft sowie den Pokal und gehörte fünf Jahre lang zum Kader der deutschen Nationalmannschaft. Am kommenden Wochenende, wenn in der Glückauf-Sporthalle der Supercup ausgetragen wird, wird der mittlerweile 34-Jährige erstmals nicht mehr seine Rollschuhe anziehen, sondern das Geschehen von der Bande aus verfolgen. „Es macht mir noch immer viel Spaß. Aber mir tun die Knochen weh. Der Rücken macht mir große Sorgen. Und an meinen Knien wurde ich auch schon zweimal operiert“, erklärt Gürtler, warum seine Rollschuhe nun nicht mehr in seiner Sporttasche auf den nächsten Einsatz warten, sondern in einer Vitrine in der Garage stehen.

Nur noch im absoluten Notfall würde er aushelfen und noch einmal im SKG-Dress auflaufen. Daher ist er von den Herringer Verantwortlichen auch für die nationalen und internationalen Einsätze in der European League gemeldet worden. „Aber ich hoffe mal, es verletzt sich keiner. Denn ich will nicht mehr“, sagt Gürtler, der allerdings zugibt, dass sein Abschied vom Rollhockey-Sport eher eine Entscheidung des Kopfes als des Herzens ist.

Denn Gürtler hat den Großteil seines Lebens Rollhockey gelebt – und geliebt. Auch sein Vater und sein Onkel jagten schon in Rollschuhen der kleinen Kugel nach. Und der kleine Stefan war schnell begeistert. „In der Halbzeit sind wir auf die Bahn gegangen und haben auf das leere Tor geschossen. Das war für mich als Kind das Größte“, erinnert er sich. So war es früh klar, dass er ebenfalls Rollhockeyspieler wird. Er durchlief alle Jugendteams des SKG und gehörte mit 16 Jahren zur Herringer Mannschaft, die den Aufstieg in die Bundesliga schaffte. „Am Anfang waren da meist nur 50 Zuschauer. Und wir haben heftige Klatschen kassiert“, berichtet Gürtler. Doch im Laufe der Jahre wurde das Team der Germanen immer stärker, gewann 2008 erstmals den Pokal, 2013 die Deutsche Meisterschaft sowie 2014 und 2018 jeweils das Double. „Am Ende war das fast ein Selbstläufer. Jeder wusste bei uns, was er zu tun hat und wie er seinen Mitspieler am besten ins Szene setzen kann“, sagt er.

Gürtler war dabei immer ein wichtiger Bestandteil der Mannschaft. Er ist nicht der filigrane Techniker wie es zum Beispiel die Karschau-Brüder Kevin und Lucas sind. Dafür hat Gürtler die gegnerischen Mannschaften immer mit seinen körperlich betonten Spiel und vor allem seinem gewaltigen Schuss beeindruckt. „Das hat mich ausgezeichnet. Alle wussten immer, dass man mich nicht so schnell zum Schuss kommen lassen darf“, sagt Gürtler, der bei der Stadt Hamm beim Grünflächenamt als Garten- und Landschaftsbauer beschäftigt ist.

Jetzt können die gegnerischen Teams auf- und Gürtler durchatmen. Auch wenn es für ihn alles andere als leicht ist, nicht mehr mit seinen Teamkollegen auf den kleinen Rollen durch die Glückauf-Halle zu jagen. „Das sind alles meine Freunde, die ich seit vielen, vielen Jahren kenne. Da wird viel gelacht und eine Menge Quatsch gemacht. Das wird mir schon fehlen“, gibt es ehrlich zu und will daher zumindest an den Trainingstagen die Laufeinheiten mit bestreiten. „Wenn die Jungs dann aber die Rollschuhe anziehen, werde ich noch ein bisschen Krafttraining machen, anschließend duschen und dann nach Hause fahren. Da muss jetzt leider die Vernunft siegen.“

Was ihm bleibt, sind neben vielen Freunden vor allem die Erinnerungen an seine zahlreichen sportlichen Erfolge. So wurde er zum Beispiel mit 16 Jahren bei der Jugend-EM in Düsseldorf Torschützenkönig, schoss bei einem Bundesligaspiel gegen den VRC Valkenswaard mal sechs der acht Tore und bereitetet zwei Treffer beim 8:3-Sieg vor, nahm an vier Europameisterschaften und einer Weltmeisterschaft teil, gewann mit dem SKG alle nationalen Titel und lief für die Herringer in der Königsklasse auf. „Dass ich all das erleben durfte und dass es am Ende so steil nach oben ging mit dem SK Germania, das war krass und hätte ich nie gedacht. Das waren so viele coole Momente. Das hat mich auch in den letzten Jahren motiviert, immer noch eine Saison dranzuhängen. Da habe ich die Knie und den Rücken dann einfach vergessen. Aber jetzt ist der Punkt, wo es einfach nicht mehr anders geht“, sagt Gürtler, für den es nie in Frage kam, den SKG zu verlassen. Zwar hatten ihm die Walsumer mal ein Angebot unterbreitet, doch Gürtler schlug dies sofort aus: „Ich habe nicht wegen des Geldes Rollhockey gespielt. Sondern weil ich mit den Jungs so viel Spaß hatte.“

Und den will er jetzt auch noch haben. Nämlich dann, wenn er von der Bande aus seine alten Teamkollegen anfeuert.

Das könnte Sie auch interessieren

Kommentare

Unsere Kommentarfunktion wird über den Anbieter DISQUS gesteuert.

Hinweise zum Kommentieren: Auf wa.de können Sie Ihre Meinung zu einem Artikel äußern. Im Interesse aller Nutzer behält sich die Redaktion vor, Beiträge zu prüfen und gegebenenfalls abzulehnen. Halten Sie sich beim Kommentieren bitte an unsere Richtlinien: Bleiben Sie fair und sachlich - keine Beleidigungen, keine rassistischen, rufschädigenden und gegen die guten Sitten verstoßenden Beiträge. Kommentare, die gegen diese Regeln verstoßen, werden von der Redaktion kommentarlos gelöscht. Bitte halten Sie sich bei Ihren Beiträgen an das Thema des Artikels. Lesen Sie hier unsere kompletten Nutzungsbedingungen.


Bitte beachten Sie: Die Kommentarfunktion unter einem Artikel wird automatisch nach drei Tagen geschlossen.

Netiquette
Hinweis: Kommentieren Sie fair und sachlich! Rassistische, pornografische, menschenverachtende, beleidigende oder gegen die guten Sitten verstoßende Äußerungen sind verboten und werden gelöscht.

Kommentare