Wo läuft welche Musik?

Das sind die Kabinen-DJs der Hammer Sportvereine

+
Beim ASV Hamm-Westfalen geht es auch mal meditativ zu. Hauptsache: Die Musik-Box ist im Bild.

Vor den Spielen soll Musik für die nötige Konzentration sorgen. Wurde die Partie gewonnen, wird im Anschluss in der Kabine gefeiert – gerne auch mal mit Mallorca-Hits. Aber wer legt die Musik auf?

ASV Hamm-Westfalen

Marten Franke ist noch keine zwei Monate beim Handball-Zweitligisten ASV Hamm-Westfalen, dennoch hat er ein nicht ganz unwichtiges Amt übernommen. Der Linkshänder soll künftig nicht nur auf Rechtsaußen sich und seine Kollegen zum Erfolg auf der Platte führen, sondern auch in der Kabine als DJ für die passende Stimmung sorgen. 

„Jakob (Jakob Schwabe, Anm. d. Red.) hatte mich per Whatsapp-Nachricht gefragt, ob ich das Amt übernehmen möchte“, berichtet Franke, der sich nicht lange bitten ließ. Seitdem läuft „ziemlich viel Kuddelmuddel“, eine genaue Definition des präferierten Musik-Genres sei für den musikaffinen Neuzugang, wie er sich selbst beschreibt, nicht möglich. Fest steht aber: Es muss zur Situation passen. „Die Musik soll den Fokus verstärken und den Blick auf das Wesentliche richten“, so Franke, der gerne ‘Stand Up Stand Out’, den offiziellen Song zur Handball-WM 2019, in die Runde wirft und damit zumeist ein zufriedenes Nicken seiner Teamkollegen empfängt. 

Undenkbar wäre das ‘Rote Pferd’ von Schlagersänger Alexander Markus, während sich die Akteure von ASV-Trainer Kay Rothenpieler auf die randvoll gefüllte Westpress-Arena und einen starken Gegner im Kampf um einen möglichen Aufstieg vorbereiten. Nach dem Spiel, wenn die Aufgabe erfolgreich gelöst wurde und sich die Halle ein wenig geleert hat, sieht die Sache anders aus: „Dann laufen gerne auch mal der Alexander Markus und weitere Ballermann-Hits“, so Franke, der aber gleich die aufkommenden Bilder eines ASV-Teams in purer Ekstase im Keim erstickt. „Auf den Bänken in der Kabine tanzt dann keiner. Dass jemand lautstark die Texte mitträllert, habe ich auch noch nicht erlebt“, berichtet Franke von einem ruhigeren Rahmen in den Katakomben. Die Betonung liegt hier auf „noch nicht“.

SK Germania Herringen

Vor rund vier Jahren hatte die Nummer eins des Rollhockey-Erstligisten SK Germania Herringen eine Idee. Die Stimmung auf dem Feld beim Warmmachen passte bereits. Sobald Timo Tegethoff und Co. die Kabine betraten, herrschte zumeist Stille. Förderlich für die notwendige Konzentration vor einem von vielen wichtigen Duellen in Deutschlands höchster Liga war das allemal, ein wenig Hintergrundmusik fehlte dem Schlussmann dennoch, der kurzerhand Bluetooth-Boxen besorgte. 

Seitdem ist er der Herringer Amtsträger in Sachen Katakomben-Beschallung. „Ob das Fluch oder Segen ist, kann ich nicht beantworten“, meint Tegethoff. Seine Erfahrungen gibt er gerne Preis. Der Keeper weiß, wann seine Jungs was hören wollen. „Charts, Electro- und Popmusik während des Warmmachens, Rap, Rock wie ‘Linkin Park’ und alles, was aufputscht, direkt vor dem Spiel in der Kabine.“ 

Tegethoff ist bewusst, dass er mit der Belustigung seiner Teamkameraden auf sich allein gestellt wäre, würde es nicht die unterstützende Funktion der Playlists auf der Musikplattform Spotify geben, die sich wie von Zauberhand regelmäßig aktualisieren und Tegethoff sehr viel Zeit und Ärger ersparen. „Besonders die Chart-Listen sind dadurch immer auf dem neuesten Stand“, betont die Nummer eins, die sich in der Vergangenheit doch das eine oder andere Mal für die veralteten und abgelaufenen Kamellen von gestern rechtfertigen musste. 

Westfalia Rhynern

Musik spielt in der Kabine des Fußball-Oberligisten Westfalia Rhynern nicht nur vor den Spielen, sondern auch unter der Woche vor und nach dem Training eine immense Rolle. Dann darf jeder mal sein Glück versuchen, seine Teamkollegen von seinem Geschmack zu überzeugen. 

Das Rennen machte bislang „DJ Michael Wiese“, wie Trainer Michael Kaminski seinen Kapitän diesbezüglich nennt. Auf Spotify stellte Wiese Listen zusammen – natürlich passend zum Anlass. „Vor der Partie hören wir das Genre Dance oder EDM (Electronic Dance Music, Anm. d. Red.). Motivierende Songs laufen auch. Es geht ja vor allem darum, sich auf das Wesentliche zu fokussieren“, so der Spielführer, der mit seiner Idee von Soundboxen in der Kabine den Nerv seiner Teamkollegen getroffen hatte. „Es kam gut an. Nachdem es in den Spielen zum Erfolg geführt hatte, wurde daraus Aberglaube“, erinnert sich Wiese. 

Was anschließend beim Gang unter die Dusche angestimmt wird, steht in Abhängigkeit zum Endergebnis und verlangt Fingerspitzengefühl. Wenn die Musikboxen, die aus der gemeinsamen Mannschaftskasse bezahlt wurden, lautstark angeschmissen werden, gleicht die Rhyneraner Kabine mit den Tönen des deutschen Schlagers einem Strandlokal an der Playa de Palma. 

Nicht selten auf der überfüllten Tanzfläche: Coach Kaminski, der zwar beteuert, dass er mit dem Musikgeschmack seiner Schützlinge kaum etwas anfangen kann („Ich schalte oft meine Ohren auf Durchzug“), ihm jedoch bei den Ballermann-Hits die einen oder anderen Töne aus seinem Kehlkopf zu entlocken sind. „Das ist dann schon eher meins, weil ich dann auch mal mitsingen kann“, verrät er offen und ehrlich. 

Hammer SpVg

Eine bunt gemischte Truppe des Fußball-Oberligisten Hammer SpVg fordert bunt gemischte Musik in der Kabine. Eine halbe Stunde vor dem Aufwärmen werden die Lautsprecher eingeschaltet. Genug Zeit, um den zumeist bereits vorhandenen Fokus mit den derben Klängen von Kontra Ks ‘Kampfgeist’ in vier verschiedenen Versionen und der kalifornischen Funk- und Alternative-Rockband ‘Red Hot Chili Peppers’ zu veredeln. 

Einigkeit in Sachen Geschmack in einem 23er-Kader ist aber unmöglich, Kompromissbereitschaft ist somit das Schlüsselwort. 30 Minuten vergehen wie im Flug. Wenn dann noch HSV-Trainer René Lewejohann, der laut Linksverteidiger Jan Apolinarski klare Regeln aufgestellt hat, was die Beschallung der engen Räume angeht, mit einer kurzen Ansprache die vibrierenden Kabinen-Fliesen zum Schweigen bringt, sind manch wertvolle Sekunden für musikalische Akzente verloren. „Wir haben eine Fraktion dabei, die gerne Deutsch-Rap und RnB hört“, so Apolinarski weiter. 

Eine gerechte Verteilung, damit wirklich jeder auf seine Kosten kommt, ist nicht ganz unwesentlich. Verantwortlich dafür ist Mittelfeldmann Alan Bezhaev, der das Musikamt von Leon Tia übernommen hat und seit dem Wechsel von eben jenem ehemaligen Kabinen-Sitznachbarn sein Smartphone zur musikalischen Beschallung bereit stellt. „Die Jungs kennen meine Passwörter“, berichtet er, „deshalb hat jeder freien Zugriff auf das Angebot“, fügt er an. Die Auswahl ist facettenreich, zumeist läuft die sich ständig aktualisierende Playlist ‘Modus Mio’ auf Spotify rauf und runter. „Zum Ende der Saison dann des Öfteren auch mal Ballermann-Hits“, blickt Bezhaev lachend in die Zukunft. 

Das könnte Sie auch interessieren

Kommentare

Unsere Kommentarfunktion wird über den Anbieter DISQUS gesteuert.

Hinweise zum Kommentieren: Auf wa.de können Sie Ihre Meinung zu einem Artikel äußern. Im Interesse aller Nutzer behält sich die Redaktion vor, Beiträge zu prüfen und gegebenenfalls abzulehnen. Halten Sie sich beim Kommentieren bitte an unsere Richtlinien: Bleiben Sie fair und sachlich - keine Beleidigungen, keine rassistischen, rufschädigenden und gegen die guten Sitten verstoßenden Beiträge. Kommentare, die gegen diese Regeln verstoßen, werden von der Redaktion kommentarlos gelöscht. Bitte halten Sie sich bei Ihren Beiträgen an das Thema des Artikels. Lesen Sie hier unsere kompletten Nutzungsbedingungen.


Bitte beachten Sie: Die Kommentarfunktion unter einem Artikel wird automatisch nach drei Tagen geschlossen.

Netiquette
Hinweis: Kommentieren Sie fair und sachlich! Rassistische, pornografische, menschenverachtende, beleidigende oder gegen die guten Sitten verstoßende Äußerungen sind verboten und werden gelöscht.

Kommentare