Interview

Schwierig: Michael Lerscht blickt auf seine erste Saison mit Handball-Zweitligist ASV Hamm-Westfalen zurück

Michael Lerscht als Trainer des ASV Hamm-Westfalen.
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Blickt auf eine schwierige Saison zurück: ASV-Trainer Michael Lerscht nach seinem ersten Jahr auf der Hammer Bank.

Als Tabellenführer mit vier Siegen nach den ersten vier Spieltagen ist der ASV Hamm-Westfalen perfekt in die Saison der 2. Handball-Bundesliga gestartet – im Ziel wurde es nach 36 Partien mit 35:37 Zählern der neunte Platz. Sportlich also eine sehr durchwachsene Serie, geprägt von Verletzungen, leeren Hallen und Corona-Quarantäne. Schlechte Voraussetzungen für einen Einstand, wie der neue ASV-Trainer Michael Lerscht im Gespräch mit Günter Thomas einräumt.

Ihr erstes Jahr beim ASV war gleich ein sehr turbulentes. Sind Sie froh, dass es vorbei ist?

Das hört sich sehr negativ an, wenn man das so formuliert. Aber Fakt ist, dass wir alle die Pause brauchen. Wir sind als Mannschaft über 13 Monate durchgängig im Modus. Von daher wird es Zeit, dass die Jungs durchatmen können.

Wie fällt Ihre persönliche Bilanz aus?

Das ist schwierig, nicht in einem Satz zu beantworten. Wenn man es von hinten aufzäumen will, hätten wir rein tabellarisch eine Platzierung weiter oben erhofft. Aber wir sind sieben Punkte vom vierten Platz entfernt. Von daher gar nicht so weit weg vom Stand, den man sich vorgenommen hat. Wir hatten mit unheimlich vielen Dingen zu kämpfen: Verletzungsproblematik, Quarantäne, viele Themen auch abseits des Feldes. Aber ich fühle mich sehr wohl hier. Hamm schafft es, eine gute Balance zu halten zwischen familiärem Ansatz und dem Anspruch, ein guter Zweitligist zu sein.

Das Saisonziel, ganz oben mitzuspielen, wurde dennoch relativ deutlich verpasst. Wo liegen die Gründe?

Das Thema ganz oben – also Platz eins oder zwei –, diese Aussage ist ja nie gefallen. Das sind interpretatorische Aussagen heimischer und gerne auswärtiger Medien, um den ASV in eine Drucksituation zu versetzen. Wir wollten handballerisch weiter sein, das ist unumwunden klar. Auf gar keinen Fall sollten wir daher Zufriedenheit zeigen. Das wäre ein Erfolgskiller. Aber die Saison ist auch erklärbar: neuer Trainer, neue Geschäftsführung, viele Änderungen. Ich möchte nicht ins Detail gehen, aber objektiv analytisch betrachtet passt es dann – so, wie es gelaufen ist.

Zwischenzeitlich mussten Sie mit dem Team sogar den Blick auf die Abstiegsplätze richten.

Mit der Verletzung Südmeier hatten wir im November, Dezember ganz schwierige Monate, haben sieben Spiele in Folge nicht gewonnen. Das ist nicht das, was der ASV kennt. Ich verstehe, dass das innen und außen kritisch betrachtet wird. Aber meine Aufgabe ist es, mit den vorhandenen Möglichkeiten die beste Leistung abzuliefern, Konstanz auf dem Feld zu bekommen, indem man auch in seiner Arbeit konstant ist. Wie oft wir Innenblock oder den Rückraum tauschen mussten – das ist nicht förderlich. Gerrit Genz und Ivan (Anm. d. Red: Jan von Boenigk) haben vorher noch nie Rückraum Mitte gespielt, aber die Aufgabe angenommen und gut gelöst. Ich weiche nicht gerne vom Plan ab und versuche bestmöglich den Weg weiter zu gehen.

Sie haben vor der Station Hamm ihre komplette Trainerlaufbahn und die als Spieler beim TuS Ferndorf verbracht. In welchen Punkten unterscheiden sich Ihr alter und neuer Verein?

Es sind in der Grundsätzlichkeit, unterschiedliche Ansätze, die beide Vereine treiben. Das ist nicht leicht zu vergleichen. Es gibt Unterschiede auch Gemeinsamkeiten. Ich möchte da keinem auf den Schlips treten. Für mich war das Kapitel Ferndorf ein sehr prägendes, weil es 16 Jahre waren. Dann habe ich mich ganz bewusst für den ASV entschieden. Ich fühle mich hier wohl, was nichts mit der Vergangenheit zu tun hat. Ich möchte mich hier bestmöglich einbringen, um uns Step by Step besser aufzustellen – als Mannchaft und Verein.

Es gibt allein historisch gewachsene Unterschiede. Ferndorf und Hamm haben grundsätzlich ein anderes Anspruchsdenken. Dabei lagen beide sportlich in den letzten drei Jahren gar nicht weit auseinander, was die Dichte der Liga belegt.

Zuschauer waren nur in zwei Heimspielen – Bietigheim und Schwartau zum Ende der Saison – in sehr begrenzter Form erlaubt...

Ja, und das ist nicht, was wir erhofft, erträumt und gewünscht haben....

...bringt das den Frust in die tägliche Arbeit, wenn man weiß, da kommt ja eh keiner zu den Spielen?

Es sind immer die Aufgaben, die das Ganze spannend machen. Entweder Du verfolgst die Straußentaktik und steckst den Kopf in den Sand- Oder Du musst das Beste draus machen. Ich habe das mit den Jungs vor dem Saisonstart thematisiert, dass die ersten Spiele ohne Fans sein würden – damit, dass da fast eine ganze Saison draus wird, konnte keiner rechnen Zum Schluss gegen Bietigheim und Schwartau waren Menschen in der Halle, darüber haben wir uns wirklich gefreut. Das ist so viel anders, allein 500 zu haben statt Null. Ich hoffe, dass die Auslastung in der neuen Saison wieder höher sein darf.

Als wieder Fans in die Hallen durften, wurde die mögliche Kapazität – auch anderswo – kaum erreicht. Gib es da eine Coronaangst?

Spannende Frage. Zu Beginn der Saison war die mögliche Auslastung in Magdeburg oder Leipzig auch weitunterschritten – beides Hallen, die sonst stark frequentiert sind. Da waren wir mitten in der Pandemie. Sonst ist es im Sommer immer schwierig. Aber wo es um was geht, waren die Hallen auch voll. Die Rahmenbedingungen machen das Werben um Zuschauer nicht leichter – Maskenpflicht, Zuschauer durften nicht mal ein Bier trinken. Ich hoffe auf den Impffortschritt, dass die Leute dann wieder in die Hallen dürfen und wollen und wir die höchstmögliche Belegungskapazität haben.

Wie ordnen Sie die Saison sportlich ein?

In allererster Linie müssen wir froh und dankbar sein, dass wir unseren Job ausüben durften. Wenn wir das ganze Jahr zuhause geblieben wären, das wäre für den Sport keine Option gewesen. Dass es eine Wettbewerbsverzerrung gegeben hat, ist auch klar. Allein unser Juni: Für Kiel ist es vielleicht Normalität, in 24 Tagen acht Spiele zu absolvieren. Für uns nicht. Dann hatten wir mitten in der Saison auf einmal vier Wochen Pause, Spiele wurden von einem Tag auf den anderen abgesagt. Schwierig. Das zu bewältigen, ist unsere Aufgabe, aber macht es nicht gerade leichter. Auf Hamburg haben wir uns mit Hin- und Rückspiel fünf Mal vorbereitet. Aber wir haben die komplette Saison gespielt – das war wichtig.

Was war für Sie die größte Enttäuschung dieser unberechenbaren Saison?

Dass passiert ist, was wir alle nicht für möglich gehalten haben. Die ganze Saison ohne Zuschauer spielen zu müssen. Ich freue mich immer noch auf eine pickepackevolle Westpress Arena. Als Trainer habe ich hier zweimal den Arsch voll gekriegt mit Ferndorf. Das möchte ich nun anders herum auch erleben.

Es gab ungewöhnlich viele Verletzungen im Team. War es überhaupt möglich, die Mannschaft weiter zu entwickeln?

Einige Verletzungen sind einfach mit Pech zu umschreiben. Jan Brosch und Marian Orlowski haben sich an zwei aufeinander folgenden Tagen Fingerverletzungen zugezogen, weil sie im Trikot hängen geblieben sind. Alex Engelhardt fällt einer auf die Hand – da machst Du nichts dran. Aber die vielen Blessuren machen den Rhythmus kaputt. Nicht einmal hatte ich Merten Krings und Sören Südmeier gleichzeitig im Training. Südi kommt in die Runde, muss unglaublich viel leisten, dann kommt Merten aus der Verletzung, muss das ganze Spiel wieder als Mittelmann tragen. Marian fehlt jetzt schon länger, Broschi, Jakob Schwabe, Fuchser waren weg – und immer wieder fängst Du an zu basteln.

Welche Spieler haben Sie überrascht?

Ich denke, dass wir die Jungen hervorheben können. Wir haben einige vom letztjährigen Stand Oberliga zu Zweitligaspielern weiter entwickelt. Namentlich da noch jemanden hervorheben, wäre nicht das Richtige. Diese Mannschaft ist eine sehr homogene Truppe, die einfach nicht nur trainiert und dann nach Hause fährt. Das ist hervorzuheben. Es ist schade, dass der eine oder andere uns aus verständlichen Gründen verlässt.

Ein Alex Rubino hat sich zum Beispiel sehr gut entwickelt, wechselt jetzt aber kurzfristig zurück in die spanische Heimat.

Ja, bei ihm ist es definitiv schade. Aber das ist der Sport, das Business. Ich verstehe die Beweggründe, zuhause sein zu wollen. Der ist schon drei Jahre zuhaue weg und kann in Spanien jetzt 1. Liga spielen. David Spiekermann legt den Fokus auf das Studium. Verständliche Gründe. Wir bauen einfach weiter. Mit Alex Reimann haben wir jemanden für Linksaußen gefunden, der gut passt.

Sie verlieren mit Jakob Schwabe den Kapitän der Mannschaft, der elf Jahre fester ASV-Bestandteil war – warum war für ihn kein Platz mehr im Kader?

Das ist hier nicht die richtige Stelle, um über die Gründe zu reden. Ich kann nur sagen, dass ich ein Jahr mit Jakob gearbeitet und das sehr genossen habe. Mit ihm als Mensch, Kapitän Spieler. Wir haben einige gleiche Denkansätze. Fest steht: Wir verlieren einen tollen Menschen. Das zeigt ja auch die Art, wie die Mannschaft gerade gegen Schwartau performt hat. Die wollten mit ihrem Spalier in der Auszeit dokumentieren, welche Bedeutung Jakob hat.

Sein Nachfolger Alexander Engelhard kam aufgrund der prekären Verletzungslage schon während der Rückserie, war aber größtenteils verletzt. Was erwarten Sie künftig von ihm.

Alex kenne ich aus seiner Lemgoer Zeit. Er hat sicher ein anderes Spielerprofil als unsere jetzigen Kreisläufer. Er ist kleiner, hat im Angriff andere Kooperationsoptionen. Wir erwarten von ihm andere Impulse am Kreis. Broschi und Jakob sind physisch gut in Positionskämpfen – vorne wie hinten –, Alex kommt mehr über die Bewegung. Das wollen wir ins Spiel einflechten.

Bis auf eine vakante Position im Rückraum steht der Kader. Sind sie zufrieden?

Man macht sich ja ein Bild über die Athleten, die man dazu nehmen kann. Telefonisch aber auch durch Erkundigungen in der Handballwelt. Es ist wichtig, dass wir gute Typen dazu gewinnen, hungrige, leistungsorientierte, positive Charaktere. In der gemeinsamen Arbeit werden sich ihre Stärken herauskristallisieren, und unser System wird darauf fußen, wie die einzelnen Glieder zusammen passen. Ich habe einen Plan im Kopf. Dann werden wir in der Vorbereitung sehen, wohin die Reise geht.

Fünf Änderungen – bedeutet das auch einen Neuaufbau.

Südi ist ja auch fast ein Neuzugang für mich als Trainer. Damit sind schon zentrale Positionen, die Achse Tor, Kreis, Mittelmann neu. Da müssen wir Zeit investieren, um ein gutes Grundgerüst zu bauen, das wir dann verfeinern können.

Wird es mit dem neuen Personal auch eine andere Spielweise geben?

Ich habe eine Wunschvorstellung von dem, wo ich gerne hin möchte. Dann fängt man an zu entwickeln – in die Richtung, die entsprechend am besten passt. Danach werden wir sehen, wieweit das abweicht von dem, was wir jetzt haben.

Die Leistungsdichte in der Liga ist in den vergangenen Jahren immer größer geworden. Haben sich trotzdem Ihre Favoriten durchgesetzt?

Hamburg ging für mich nicht unbedingt als Meister durch. Dass der HSV so konstant ist, hatte ich nicht auf dem Schirm. Gummersbach und Nettelstedt waren schon auf dem Zettel. Die Liga entwickelt sich qualitativ unglaublich – auch im kommenden Jahr wieder. Mit den Absteigern von oben, Dresden rüstet auf, von unten kommen Mannschaften mit viel Potenzial. Das schiebt sich echt zusammen. Du musst immer Vollgas geben, auf und abseits des Feldes, um Schritt zu halten. Jedes Spiel hat seinen Reiz. Die nächste Saison wird krass werden.

In der kommenden Serie wächst die Stärke der Liga wieder auf 20 Teams. Ist das in dieser coronabedingt unsicheren Zeit überhaupt sinnvoll?

Sonst hätten fünf Teams absteigen müssen. Das finde ich nicht fair. Der Flaschenhals von unten nach oben ist bereits extrem dünn. Wir werden noch zwei Jahre dadurch müssen, dass die Sollstärke größer als gewollt ist. Aber jetzt haben wir von Anfang September bis Anfang Juni wieder eine normale Rundenzeit. Und ich bin ein positiv denkender Mensch, glaube daher, dass wir einen normalen Spielbetrieb haben werden.

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