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Rückkehr der Ukrainerin Solomiya Brateyko zum Saisonabschied

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Von: Günter Thomas

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Gruppenbild mit Männern: Zweitligist TuS Uentrop trat kurzfristig gegen ein Team der TTF Bönen an.
Gruppenbild mit Männern: Zweitligist TuS Uentrop trat kurzfristig gegen ein Team der TTF Bönen an. © Reiner Mroß

Der Gegner, SG GW Staffel, war gar nicht mehr angetreten. Dafür war der komplette Kader des Tischtennis-Zweitliga-Vizemeisters TuS Uentrop zum Saisonausklang in die Halle gekommen - inklusive der Ukrainerin Solomiya Brateyko. Gespielt wurde auch: Gegen ein Männerteam der TTF Bönen.

Hamm – Es war alles angerichtet für einen würdigen Saisonabschluss: der komplette Kader der Zweitliga-Tischtennisfrauen des TuS Uentrop war angereist, der scheidende Trainer-Manager Alexander Daun und rund 50 Zuschauer hatten sich in der kleinen Turnhalle der Uentroper Grundschule eingefunden – nur der Gegner hatte es vorgezogen, die Saison bereits einen Tag früher zu beenden. Liga-Schlusslicht TTC GW Staffel hatte noch am Samstag beim 2:6 in eigener Halle gegen den TTC Langweid an der Platte gestanden. Danach sagten die Gäste die Partie für den Sonntag in Uentrop ab. „Diese Absage ist schon ein bisschen traurig. Die Aussage war, dass sie keine Spielerinnen haben – ich nehme das einfach so hin“, sagte Daun. Und organisierte kurzerhand mit einer Vertretung des in der NRW-Liga beheimateten Männerteams der TTF Bönen einen Sparringspartner, damit die Abschiedszeremonie nicht ins Wasser fallen musste. „Wir haben das Beste draus gemacht, die Lösung ist super, Danke an die Jungs aus Bönen. So ist es vielleicht sogar besser, als wenn wir gegen Staffel gespielt hätten.“

Mit Elena Kuzmina, Solomiya Brateyko, Yuki Tsutsui, der frisch gebackenen dreifachen estnischen Meisterin Airi Avameri, Nadine Sillus und Pengpeng Guo waren alle Spielerinnen des TuS-Kaders, der bereits als Vizemeister hinter dem MTV Tostedt feststand, zum Saisonkehraus gekommen. Drei von ihnen werden die TuS-Zuschauer in der kommenden Saison wiedersehen. „Elena, Solomiya und Yuki werden uns verlassen“, sagte Sillus, die künftig die Manager-Aufgaben von Daun übernimmt. „Aber Airi und Pengpeng werden als Stand-by-Spielerinnen bleiben. Und ich, natürlich.“

Während Daun bereits beim vergangenen Heimspiel verabschiedet worden war, brandete bei der Begrüßung insbesondere für Brateyko Applaus auf. Die Ukrainerin hatte die vergangenen zwei Spiele des Tus verpasst, weil sie sich in der Heimat bei der Familie ihres Freundes aufgehalten und für Tischtennis nur wenige Gedanken hatte. „Viele Städte sind zerstört, viele Menschen sind gestorben unter den Raketen und Bomben. Es ist sehr schwer zu verstehen, dass in deinem Land solche Verhältnisse herrschen wie jetzt, dass Kinder sterben in diesem Krieg“, sagte die 23-Jährige. „Ich verstehe die Politik nicht, was die russische Politik mit uns macht. Wir sind ein friedliches Land und wollen in Frieden leben.“

Doch daran ist, seit Putins Krieg begonnen hat, nicht zu denken. „Viele Menschen müssen flüchten, weil ihre Häuser zerstört sind. Frauen und Kinder – ihre Männer müssen in der Ukraine bleiben und kämpfen, das ist sehr hart für die Familien.“

Geldspende für Brateyko vom TuS 59 Hamm

Eine schöne Überraschung erlebte die scheidende TuS-Spielerin Solomiya Brateyko vor dem Saisonabschluss der Uentroper Zweitliga-Frauen. Geschäftsführerin Tina Wilke und Schwimm-Abteilungsleiter und Trainer Holger Wissemann vom TuS 59 Hamm überreichten der Ukrainerin einen Scheck über 500 Euro. „Wir haben beschlossen, den Erlös aus den Startgeldern unseres 3. Maximare Swim-Cups zu spenden“, sagte Wissemann. „Zum einen geht das Geld an Solomiya Brateyko. Und der etwas größere Teil an Kai Kipka, der medizinisches Material für die Ukraine sammelt.“

Holger Wissemann (links) und Tina Wiilke (rechts) vom TuS 59 überreichten Solomiya Brateyko den symbolischen Scheck.
Holger Wissemann (links) und Tina Wiilke (rechts) vom TuS 59 überreichten Solomiya Brateyko den symbolischen Scheck. © Reiner Mroß


Auch für Brateyko selbst. Denn während ihre Familie mittlerweile in Polen sicher ist, ist die Familie ihres Freundes weiter in der Ukraine. „Okay, er ist in einer sichereren Region, aber viele meiner Freunde sind nicht sicher. Die Menschen haben kein Essen, kein Wasser, können sterben.“

Seit zwei Wochen ist sie wieder in Deutschland, trainiert in Düsseldorf. Und: „Tischtennis hilft mir in der Situation, weil es mein Leben ist, mein Job“, hat sie die Lust an ihrem Sport nicht verloren. „Es ist das einzige, das ich im Moment machen kann – und jedem über die Situation in der Ukraine zu erzählen. Der Krieg ist in der Ukraine, ja, aber wir müssen überall kämpfen.“

Bei der Begrüßung stand sie direkt neben ihrer russischen Teamkollegin Elena Kuzmina, zu der sie trotz des Krieges ein gutes Verhältnis pflegt. „Sie unterstützt meine Familie und mich, ist ein netter Mensch. Wir können über die Dinge diskutieren – aber ändern können wir nichts.“

Auch in der kommenden Saison will die Ukrainerin ihren Sport weiter ausüben. „Ich spiele in der ersten deutschen Liga, der Verein ist aber noch nicht offiziell“, sagt sie. Jetzt geht es aber erst einmal zurück zur Familie nach Polen. „Danach, so ist meine Idee, geht es für ein paar Tage in die Ukraine, weil ich meinen Freund und andere Freunde sehen will, die das Land nicht verlassen können. Und dann hoffe ich, dass dieser Krieg möglichst schnell endet, die Menschen nach Hause zurückkehren können. Europa hilft uns, Amerika. Und irgendwann in der Zukunft werden die Menschen die Ukraine besuchen können und sehen, was für ein schönes Land das ist.“

Als das Spiel gegen die Bönener Marius Goebel, Tyson Tan Hasse, Theo Velmerig und Jonas Reich beendet und der Uentroper 7:3-Sieg feststand, machte sich im TuS-Lager Wehmut breit. „Definitiv“, sagt Daun. „Wer mich kennt, weiß, dass ich hier mein ganzes Herz reingesteckt, alles mit ganz viel Aufwand betrieben habe. Es tut schon weh, das hier aufzugeben. Aber die Kontakte werden bleiben, dafür bin ich zu stark verwurzelt.“

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