Hammer startete beim 4. Ultra Mirage El Djerid in Tunesien

Robin Siegert läuft 100 Kilometer durch die Sahara - als schnellster Europäer 

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Robin Siegert beim 100 Kilometer langen Ultra Mirage El Djerid in der tunesischen Sahara.

Ab in die Wüste! Der Hammer Robin Siegert startete jetzt beim Ultra Mirage El Djerid von Touzeur aus über 100 Kilometer durch die tunesische Sahara. Mit großem Erfolg, denn nach zwölf Stunden, 17 Minuten und zwei Sekunden erreichte er das Ziel als Gesamtfünfter – und schnellster Europäer.

Hamm – „Das macht einen schon stolz“, sagt Robin Siegert, der in Köln als Freier Redakteur für Laufmagazine arbeitet und als Blogger (runnersfinest.de) Trainingstipps für jede Leistungsklasse parat hat. Inzwischen ist der ambitionierte Läufer, der 80 bis 100 Kilometer pro Woche unter die Füße nimmt, aus Tunesien zurück – mit einigen Souvenirs. „Ich habe Blasen an jedem Zeh, die habe ich in meinem Leben nie gehabt und auch noch nie gesehen“, sagt der 33-Jährige. Der Sand wirkte in den Schuhen und Zehensocken wie feinstes Schmiergelpapier. Außerdem zwicken die Knie. „Aber ansonsten“, sagt er, „fühle ich mich topfit.“ 

221 Läuferinnen und Läufer aus 17 Nationen starteten – coronakonform – in das Abenteuer Sahara. Neben Siegert waren es 121 weitere über 100 Kilometer, 99 nahmen die halbe Strecke in Angriff. Über das tunesische Fremdenverkehrsamt war der Kontakt zustande gekommen. „Die Organisation war perfekt, wir mussten uns um nichts mehr kümmern“, sagt Siegert. So war die volle Konzentration auf den Wettbewerb möglich. 

"Die Mittagshitze war brutal"

Ab in die Wüste ging es in den frühen Morgenstunden. „Wir sind um sechs Uhr gestartet, da waren die Temperaturen noch angenehmen“, berichtet er. Das änderte sich schnell: „Die Mittagshitze war brutal, und in der Zeit von 13 bis 15 Uhr hatten wir die heißeste Phase.“ Mit Temperaturen weit über 40 Grad. Entsprechend groß war der Flüssigkeitsverlust. „Da muss man regelmäßig trinken. Normal war ich mit 1,5 Litern unterwegs, mittags bin ich auch mit zwei Litern Wasser gelaufen“, berichtet Siegert. An acht Verpflegungs- und Kontrollstationen standen entsprechend große Mengen bereit.

Wasser, Flüssignahrung und Salztabletten

 „Wenn man erst anfängt zu trinken, wenn man Durst hat, dann ist es schon zu spät. Bei mir hat das aber gut geklappt. Ich hatte ausgerechnet, dass ich pro Stunde einen Liter Flüssigkeit verliere und etwa 70 Gramm Salz pro Liter“, sagt er – und ergänzt: „Witzigerweise habe ich während der Vorbereitung eine Schweißanalyse als Selbsttest zugeschickt bekommen und es ausprobiert, als ich gerade in Hamm war und wir die Hitzewelle mit 36 Grad hatten. Da konnte ich eine gute Verpflegungsstrategie aufbauen.“ So kam neben dem Wasser auch die entsprechende Flüssignahrung in den Rucksack – zudem Salztabletten als Ergänzung.

 60 Liter standen für jeden Läufer zur Verfügung – „auch, um sich mal etwas über den Kopf zu schütten oder die Hände und das Gesicht von der Salzkruste zu befreien.“ Schließlich ging es durch einen Salzsee, über Dünen, durch ein ausgetrocknetes Flussbett, über Asphalt und durch eine sogenannte Todeszone. Die lag zwischen Kilometer 38 und 44. „Wir sind davor gewarnt worden, aber ich fand sie gar nicht so schlimm“, sagt Siegert. Was die Läuferinnen und Läufer zwischen Kilometer 50 und 65 erlebt haben, sei viel brutaler gewesen: „Da waren die Schuhe bei jedem Schritt bis zum Fußgelenk im Sand. Da haben sich – überspitzt gesagt – 500 Gramm angesammelt, die wir aus den Schuhen schütten mussten.“ 

Schnitt von 8,12 Kilometer pro Stunde

Bis Kilometer 50, sagt Siegert, habe er es geschafft, komplett durchzulaufen. Danach habe es auch Geh- und Joggingphasen gegeben. So kam er auf einen Schnitt von 8,12 Kilometer pro Stunde. „100 Kilometer durchlaufen, das haben nur die Top Vier geschafft“, weiß Siegert. Für ihn war das Rennen ab Kilometer 65 ein persönlicher Triumph: „Alles top, was jetzt kommt, habe ich mir gesagt, so weit bin ich persönlich noch nie gelaufen.“ Die restlichen 35 Kilometer teilte er sich schließlich in kleinere Etappen ein: „Bei Kilometer 80 habe ich mir gedacht: Schau, nur noch ein Halbmarathon.“ Irgendwann komme jeder mal in ein mentales Loch: „Man verflucht den Sand oder fragt sich, warum man überhaupt teilnimmt.“ Diese Phase habe bei ihm aber nicht so lange gedauert. 

Falsches Kopfkino nach dem 50er Checkpoint

Kopfkino habe er während der zwölf Stunden dennoch genug erlebt: „Nach dem 50er Checkpoint habe ich zwei Leute überholt und mein Hirn hat mir vorgegaukelt, ich sei Zweiter. Man wird träumerisch und freut sich, dafür 1500 Euro Prämie mitzunehmen...“ Der Traum aber platzte schnell: „Irgendwann habe ich gemerkt, dass die Rechnung nicht aufgehen kann. Ich hatte die Afrikaner vor mir nicht mehr auf dem Schirm. Von denen hat man nichts gesehen, die waren so schnell weg...“ Der Sieger benötigte 10:26 Stunden – knapp zwei Stunden weniger als Siegert. 

Gute Orientierung dank GPS-Tracker 

Die Orientierung sei ihm trotz längerer Solopassagen nicht schwer gefallen, sagt Siegert, „obwohl in der Sahara alles gleich aussieht, mein Orientierungssinn nicht der beste ist und ich mich auch in Köln gerne mal verlaufe“. Orangene Sandsäcke kennzeichneten den Streckenverlauf, ein GPS-Tracker auf der Smartwatch war die perfekte Hilfe. Und als es dunkel wurde („18.30 Uhr wird es stockduster“), halfen Reflektoren, die das Licht der Stirnlampe spiegelten. 

Nicht einmal einen Sonnenbrand

Dass Robin Siegert einen Großteil der Vorbereitung auf seinen ersten Hunderter während der Hitzeperiode in Deutschland bei seinen Eltern in Rhynern verbrachte, half ihm auch beim Sonnenschutz: „Ich bin eher der dunkle Typ und konnte mich da schon mal vorbräunen. Tatsächlich hat bei mir eine Viertel Tube mit Lichtschutzfaktor 50 gereicht. Ich hatte nicht einmal einen Sonnenbrand.“ 

Jetzt lockt "Der kleine Kobold"

Bei seinem nächsten Ultralauf werden die Temperaturen erträglicher sein. Am Wochenende besucht Siegert seine Eltern, um weiter zu regenerieren. Und nach ein paar Lockerungsfahrten auf dem Ergometer des Vaters beginnt auf diversen Laufstrecken – auch in Hamm – die Vorbereitung auf „Der kleine Kobold“. Der führt im November über 72 Kilometer von Koblenz nach Bonn und zurück. Die Herausforderung: gut 1800 Höhenmeter im Siebengebirge. „Das ist zwar nicht so mein Ding, aber das bringt Abwechslung“, sagt Siegert. An einen weiteren Hunderter will er erst einmal nicht denken.

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