Nach dem Tod von George Floyd

Rhynerns Akhim Seber über Rassisten: "Für mich sind solche Menschen krank"

Explosiv auf dem Rasen, nachdenklich nach den Ereignissen in den USA: Auch Rhynerns Akhim Seber (rechts) hat immer wieder mit rassistischen Angriffen zu kämpfen.
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Explosiv auf dem Rasen, nachdenklich nach den Ereignissen in den USA: Auch Rhynerns Akhim Seber (rechts) hat immer wieder mit rassistischen Angriffen zu kämpfen.

Rhynerns Akhim Seber ist dunkelhäutig. Und hat klare Ansichten zu den Rassismus-Vorfällen in den USA. Der 26-Jährige hat selbst immer wieder mit rassistischen Angriffen zu kämpfen.

Hamm - Es war eine schreckliche Tat, die die ganze Welt schockiert hat. Akhim Seber, Fußballer des Oberligisten SV Westfalia Rhynern, hat der gewaltsame Tod des Afroamerikaners George Floyd durch einen Polizisten in Minnesota und der seitdem tobende Sturm der Entrüstung jedoch mehr beschäftigt als manch anderen. 

Denn der 26 Jahre alte Papenloh-Kicker ist ebenfalls dunkelhäutig und hat sein ganzes Leben lang immer wieder mit – mal kleineren, mal größeren – Rassismus-Vorfällen zu kämpfen. „Wir leben doch im Jahr 2020, da muss es eigentlich bei jedem Menschen Klick gemacht haben, dass wir Erdenbürger alle einer Rasse angehören, nämlich der der Menschen“, sagt Seber, dessen Vater vor fast 30 Jahren mit einem Containerschiff von Ghana aus nach Europa gekommen war, um in Deutschland ein besseres Leben zu haben.

Bereits als Kind diskriminiert

Schon in seiner Kindheit hatte Akhim Seber damit zu kämpfen, dass er anders aussah als die meisten anderen Kinder. Daran kann er sich selbst zwar nicht erinnern, aber seine Mutter hat ihm oftmals Gesichten aus der damaligen Zeit erzählt. „Mir selbst ist es heute gar nicht mehr bewusst, dass ich schon im Kindergarten mit Diskriminierungen zu kämpfen hatte“, berichtet Seber. „So muss ich oft nach Hause gekommen sein und meine Mutter gefragt haben, warum ich anders aussehe oder warum die anderen Kinder nicht auch dunkelhäutig sind. Mir ist wohl schon damals bewusst gemacht worden, dass ich nicht zur Mehrheit gehöre.“

Und die rassistischen Beleidigungen nahmen im Laufe der Jahre weiter zu. So wurde er, weil es in das für Westeuropäer typische Bild eines Afrikaners passt, zum Beispiel als „Dicklippe“ bezeichnet. „Das waren oft nur Kleinigkeiten und Hänseleien, die mir damals nicht unbedingt als Rassismus aufgefallen sind, die mich aber natürlich trotzdem gekränkt haben“, erinnert er sich. Bei einem Einkauf wurde er von einer älteren Frau in englischer Sprache angesprochen. „Ich wurde von dieser Oma direkt abgestempelt nach dem Motto: Der sieht nicht deutsch aus, dann kann der auch nicht deutsch sprechen.“

Den Fremdenhass schluckt Seber nicht mehr herunter

Dabei ist Seber der Sohn einer Deutschen, in Deutschland geboren und seit Geburt an auch deutscher Staatsbürger. Dennoch ziehen sich die rassistischen Beleidigungen wie ein roter Faden durch sein Leben. Selbst Bekannte aus seinem Umfeld erzählen in seiner Anwesenheit Witze über dunkelhäutige Menschen. „Die sagen dann zwar immer, sie seien kein Rassist, machen dann aber Jokes über Schwarze. So etwas ist doch absolut unter der Gürtellinie“, echauffiert er sich.

Als Kind habe er diesen Fremdenhass oftmals heruntergeschluckt. Diese Zeiten sind aber mittlerweile vorbei. „Glücklicherweise bin ich noch nie körperlich angegriffen worden wegen meiner Hautfarbe, sondern nur mit Worten. Aber auch das lasse ich mir nicht mehr gefallen. Ich werde dann nicht handgreiflich oder so, aber ich suche direkt das Gespräch mit denjenigen, auch wenn es ein Freund von mir ist. Ich mache ihm unmissverständlich klar, dass er solche Sprüche bitte lassen soll“, betont Seber.

Auf dem Fußballplatz ist er erst seit dem Wechsel in den Seniorenbereich mit Rassismus konfrontiert worden. In seiner Jugendzeit – zuerst in Arnsberg und später beim SC Neheim – sei die Hautfarbe kaum ein Thema gewesen. „Da ging es in den Mannschaften oft kunterbunt zu. Da gab es viele andere dunkelhäutige Gegen- oder Mitspieler, da hat sich keiner drum geschert“, sagt Seber. Im Seniorenbereich änderte sich dies, wobei er das nicht davon abhängig machen will, wie hoch- oder niederklassig eine Liga ist: „Das ist völlig egal, in welcher Klasse man spielt. Man hört von solchen Fällen von der Kreis- bis in die Bundesliga.“

Schlimmste Erfahrung auf dem Fußballplatz

Seine schlimmste Erfahrung machte er in der Westfalenliga im Trikot des SC Neheim bei einem Auswärtsspiel bei der SpVgg Erkenschwick. Als er seinen Gegenüber ausspielen wollte, die Finte aber misslang, habe der Erkenschwicker zu ihm gesagt, solche Tricks könne er im Kongo machen, aber nicht in Deutschland. „In der nächsten Szene habe ich diesen Spieler dann aus Frust umgegrätscht, sah die Gelbe Karte und wurde dann von Zuschauern als Affe beschimpft. Da mussten meine Mitspieler mich mit aller Kraft beruhigen, denn das war emotional schon eine Hausnummer“, berichtet Seber, der für Rassisten – egal, ob auf dem Fußballplatz, im alltäglichen Leben oder bei einem Polizeieinsatz in den USA – überhaupt kein Verständnis hat: „Da kann man sich nur an den Kopf fassen. Für mich sind solche Menschen krank, die haben eine Persönlichkeitsstörung.“

Daher kann Seber nur zu gut nachvollziehen, dass am vergangenen Wochenende in der Bundesliga dunkelhäutige Spieler wie Marcus Thuram, Jadon Sancho, Achraf Hakimi oder Weston McKennie Flagge gegen Rassismus zeigten und mit einer Botschaft auf ihren Trikots und einem Klebestreifen am Arm sowie einem Kniefall klare Botschaften in die Welt sendeten. „Ich würde so etwas auch machen“, stellt er klar. Er kann sich sogar vorstellen, bei entsprechenden Beleidigungen gegenüber seiner Person bei einem Spiel den Platz zu verlassen. „Wenn da eine Grenze erreicht und überschritten ist, dann wäre ich da konsequent.“

Rüttet der Fall Floyd die Menschen wach?

Dennoch hofft er, dass der Fall George Floyd weltweit die Menschen wachgerüttelt hat, dass die Leute ihre Schranken im Kopf fallen lassen: „Ich wünsche mir, dass sich durch die Corona-Sache viele Sachen ändern und wir Menschen mehr Solidarität zeigen. Und ich hoffe, dass es nach dieser schlimmen Geschichte mit George Floyd in den USA jetzt auch in Sachen Rassismus bei den Menschen ein Umdenken gibt.“

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