HSV-Trainer Lewejohann: "Da fühle ich mich verarscht"

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Genervt: HSV-Coach Rene Lewejohann (links) und Co-Trainer Adriano Ciallella.

Gleich zweimal hatte Niklas Sewing im Kellerduell der Fußball-Oberliga für die weiter sieglose Hammer SpVg gegen Westfalia Herne getroffen: Das erste Mal zum 1:1-Zwischenstand. Und das zweite Mal nach Spielschluss, als er den Ball aus Wut über den Zaun des Kunstrasenplatzes Jahn II drosch, der dann auf einem Autodach landete. Ein Emotionsausbruch, der nach der 1:2 (1:1)-Niederlage der HSV nicht der einzige bleiben sollte.

Hamm – Schon während der Partie gegen die von der Insolvenz bedrohte Westfalia aus Herne hatte HSV-Trainer René Lewejohann ein ums andere Mal seinen Unmut über das Geschehen auf dem Platz geäußert, hatte mit den Armen gerudert, Anweisungen gegeben und seine Spieler auf Fehler hingewiesen. Als dann die 1:2-Niederlage im „dritten ‘Do-or-Die-Spiel‘ zuhause“ besiegelt war, platzte dem Trainer des abgeschlagenen Tabellenschlusslichts der Kragen. „Mich kotzt es einfach an, wenn wir die Jungs Woche für Woche mit einem gewissen Matchplan vorbereiten und dann immer wieder diverse Spieler eigene Ideen kreieren und nicht in der Lage sind, den einfachen Stiefel herunterzuspielen“, wetterte der 35-Jährige. „Bei aller Ruhe, die wir hier bewahrt haben und weiter bewahren werden, wird das personelle Konsequenzen geben. So jung wie die Truppe auch ist: Die kriegt Qualitätstraining, hat ein super Stadion, ein super Umfeld und einen super ruhigen Vorstand. Sie kriegt pünktlich ihre Kohle – und aus dieser Wohlfühloase da brechen wir ganz klar aus. Da fühle ich mich als Trainer verarscht.“

"Länger die schützende Hand über diesen Rotz halten, kann ich nicht."

Was den Coach vor allem auf die Palme brachte, war die Tatsache, dass der Gast aus Herne in den entscheidenden Momenten der Partie galliger war – diejenige Mannschaft, die den Sieg einfach mehr wollte. Und das, obwohl der Verein sich am Rande der Insolvenz bewegt und die Akteure schon „seit Monaten kein Gehalt mehr bekommen haben“. „Noch länger schützend die Hand über so einen Rotz zu halten, das kann ich nicht mehr“, machte Lewejohann seinem Unmut entsprechend Luft.

Da passte es ins Bild, dass der Matchplan der HSV schon nach vier Minuten neu geschrieben werden musste, weil Seongsun You einen folgenschweren Blackout hatte. Nach einer Herner Flanke vor das Tor vollstrecke der HSV-Defensivmann unbedrängt ins eigene Netz – der Tabellenletzte lag einmal mehr zurück.

Immerhin: Die Gastgeber ließen die Köpfe oben, versuchten Druck auf Herne auszuüben. „Ich fand, dass wir das ganz gut verkraftet und zurecht ausgeglichen haben“, sagte Patrick Franke, der dieses Mal in der Mittelfeldzentrale agierte und mit den Kollegen jubeln durfte, als Niklas Sewing mit einem Schuss aus 22 Metern Entfernung zum 1:1 erfolgreich war (20.). „Aber in der zweiten Halbzeit haben wir ein bissschen aufgehört zu spielen, fand ich.“

Frage der Mentalität

Als dann Maurice Temme am Strafraumeck nicht konsequent angegriffen wurde, nutzte der Westfalia-Kapitän die Situation, um mit einem Flachschuss ins lange Eck den entscheidenden Treffer der Partie zu setzen (60.). „Am Ende hat Herne sich hinten reingestellt und das Tor verteidigt“, stellte Franke frustriert fest. Zwar boten sich dem Hammer Stürmführer David Loheider (68., 78.) und Sinan Özkara (90.+3) noch drei Gelegenheiten auszugleichen, doch fehlte es den Bällen an Präzision und Druck. Was für Lewejohann auf viele Situationen der Partie zutraf: „Was die Westfalia von Anfang an auf die Platte gezimmert hat – von der Einstellung, der Mentalität her –, da wünsche ich mir, dass meine Jungs das auch mal so abliefern“, wetterte der Coach. „Ich frage mich, welche Mannschaft hat hier drei Monate kein Geld mehr gekriegt. Darum sage ich ganz klar, im Winter werden hier Köpfe rollen.“

Wenigstens der Gästetrainer hatte noch ein paar tröstende Worte für die Hausherren parat: „Das war kein Spaziergang. Die HSV hat uns vor Probleme gestellt, wo es phasenweise lichterloh gebrannt hat“, sagte Christian Knappmann und forderte die Hausherren auf, den Kampf gegen die Windmühlen nicht aufzugeben. „Wir haben es letztes Jahr vorgemacht wie man so viele Punkte aufholen kann.“

Ab sofort: Dieckmann kehrt zur HSV zurück

ls die Partie gegen Herne begann, stand Manuel Dieckmann schon nicht mehr auf dem Platz. „Ich habe vor ein paar Minuten einen Vertrag bei der Hammer SpVg unterschrieben, werde wieder an meine alte Wirkungsstätte wechseln und hoffe, dass es da besser läuft als in Herne“, sagte der 30-Jährige, der erst im Sommer von der HSV nach Herne gegangen war, nun aber aufgrund der finanziellen Probleme des Liga-13. vorzeitig in den Hammer Osten zurückkehrt und ab Januar spielberechtigt ist.

Dass er vom wirtschaftlichen zum sportlichen Himmelfahrtskommando wechselt, ist dem Mittelfeldspieler bewusst. „Das ist ein riesen Brett, aber ich werde alles dafür tun, dass wir das hinkriegen“, versucht er Optimismus auszustrahlen und hofft, dass noch der eine oder andere Spieler – vielleicht auch aus Herne – im Winter den Weg zur HSV findet. „Ich weiß selbst nicht, wen René Lewejohann noch an der Angel hat. Aber in Herne sind einige dabei, die der HSV definitiv weiter helfen können. Mich würde es freuen, wenn der eine oder andere mitkommt."

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