Radsport

Radprofi oder Ausbildungsstelle? Der Hammer Aaron Grosser hat die schwere Entscheidung getroffen

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Aaron Grosser beendet seine Karriere als Radprofi.

Aaron Grosser hatte große Träume. Er wollte unbedingt bei einem Topteam als Radprofi sein Geld verdienen. Und an der Tour de France teilnehmen.

Hamm - Jetzt aber hat sich der 23 Jahre alte Hammer von seinen selbst gesteckten Zielen, die er seit seinem fünften Lebensjahr mit unbändigem Ehrgeiz verfolgt hat, verabschieden müssen — nach langen sowie reiflichen Überlegungen und vor allem schweren Herzens. „Ich habe mich dazu entschieden, meine Karriere als Radprofi zu beenden“, sagt Aaron Grosser mit leicht stockender Stimme und verrät, dass er sich in den vergangenen Wochen nicht nur abends oftmals im Bett von einer Seite auf die andere gewälzt, sondern am Ende auch ein paar Tränen verdrückt hatte. „Aber ich muss jetzt schnell damit klarkommen und optimistisch in die Zukunft schauen.“

Nach der Beendigung seiner Schule hatte er sich vorgenommen, innerhalb von zwei Jahren seine Pläne zu verwirklichen und den großen Sprung zum Berufsradfahrer zu schaffen. Er unterschrieb zur Saison 2016 einen Vertrag beim damals neu gegründeten Profiradrennstall Team Sauerland NRW und machte vor allem im Jahr 2018 wiederholt auf sich aufmerksam. Beim Ein-Tages-Klassiker Rund um Köln wurde er Sechster – nur einen Rang hinter Sprintstar Marcel Kittel. Bei der Deutschland-Tour sprintete er bei der ersten Etappe auf Rang sieben. Und bei der Heim-DM in Unna ergatterte er in der U23-Konkurrenz die Bronzemedaille. Die logische Folge war ein erneuter Wechsel hin zum Team Bike Aid, wo er mehr internationale Einsätze in Aussicht gestellt bekam.

Auch in seiner neuen Mannschaft trumpfte Grosser stark auf, schaffte zehn Top-Ten-Platzierungen bei Profirennen, darunter sieben Podestplätze, schloss die Vier-Tages-Rundfahrt Belgrad – Banjaluk zeitgleich mit dem Sieger als Zweiter ab und feierte auf der Tour de Mersin in der Türkei seinen ersten Profisieg. Der Lohn war eine Nominierung als einer von fünf Kandidaten für einen Praktikumsplatz beim World-Team Katusha Alpecin. „Davon hatte ich mir einiges erhofft“, erinnert er sich. 

Der schwere Sturz in Frankreich

Doch zwei Wochen später musste Grosser Ende Juni 2019nach einem Sturz bei der Rundtour La Route d’Occitanie in Frankreich, als er sich einen Schienbeinbruch mit einem so genannten Kompartmentsyndrom zuzog, seine Saison vorzeitig beenden und den Traum von einem Angebot eines Topteams begraben. „Keiner wusste ja, wie ich nach diesen vier Operationen zurückkomme“, erklärt er, warum es keine Anfragen gab.

Dennoch arbeitete Grosser weiter unverdrossen daran, seine Ziele in die Tat umzusetzen. So weilte er im vergangenen Jahr nach dem Abschluss seines Rehaprogramms im November und Dezember auf Mallorca und absolvierte dort für zwei Monate ein selbst finanziertes Trainingslager, um so schnell wie möglich wieder in Form zu kommen. Und die Arbeit schien sich auszuzahlen. „Ich hatte den Sturz bestens verarbeitet, hatte mental damit kein Problem mehr. Ich wollte noch besser zurückkommen“, sagt der 23-Jährige und zeigte gleich bei den ersten Rennen, wie fit er wieder ist. Bei einem stark besetzten Profirennen in Belgien kam er sogar auf Rang elf und schaute hoffnungsvoll in die Zukunft. 

Corona machte einen Strich durch die Rechnung

Doch dann kam Covid–19, damit ein Veranstaltungsverbot und für Grosser keine Rennen mehr, um sich zu präsentieren, und keine Möglichkeit mehr, bei den Profiteams Aufmerksamkeit zu erzeugen. „2020 sollte für mich das Entscheidungsjahr sein. Doch Corona hat mir einen Strich durch die Rechnung gemacht. Ich habe seit einem Jahr keine großen Ergebnisse in meiner Vita stehen. Als Sportler wird man ja an Erfolgen gemessen und nicht an Trainingskilometern“, erklärt der junge Hammer. „Ich hatte mir für meinen ursprünglichen Plan nach dem Sturz schon ein zusätzliches Jahr gegönnt. Aber ein weiteres Jahr des Wartens, des Hoffens und der Ungewissheit wollte ich nicht noch draufpacken. Denn man weiß ja nicht, wie sich die Dinge in den nächsten Monate mit dem Virus entwickeln und wie die Teams diese Pandemie überstehen. Es ist ja völlig ungewiss, was die Folgeschäden für die Radszene sein werden. Keiner kann garantieren, das 2021 alles ist wie es vor Corona war.“

Und so stellte er eine Liste mit Pros und Contras auf, wog immer wieder ab, ob er weiter sein Glück als Radprofi versuchen soll. Oder ob er sich eine Ausbildungsstelle sucht. „Am Ende hat nicht viel für das Radfahren gesprochen“, verrät er und entschied sich für den Ausbildungsplatz zum Industriekaufmann. „Das ist das Beste, was ich machen konnte. Das war eine zukunftsorientierte Entscheidung.“

Der Vertrag bei Bike Aid ist aufgelöst

So hat er mittlerweile seinen noch bis zum Jahresende laufenden Vertrag beim Team Bike Aid aufgelöst und sein Leben komplett neu strukturiert. „Jetzt trainiere ich nicht mehr 25 bis 30 Stunden die Woche, sondern arbeite, gehe zur Schule und fahre deutlich weniger Rad.“ Ganz verzichten wird er auf sein geliebtes Radfahren aber nicht. In den nächsten Wochen will er sich ein Amateur-Team suchen und weiter Rennen bestreiten. Und das nicht nur zum Spaß. „Da will ich nicht überrundet werden, sondern vorne mitfahren. Daher werde ich weiter trainieren, nur etwas reduzierter vom Umfang her“, sagt er. Reduziert bedeutet für Grosser aber immer noch sechsmal pro Woche.

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