Handball

Patrick Arndt ist Scout-Supervisor in der Handball-Bundesliga

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Sobald der Anpfiff ertönt, ist Scout-Supervisor Patrick Arndt nur noch auf das Spiel konzentriert.

Der Hammer Patrick Arndt arbeitet als Scout-Supervisor für die Handball-Bundesliga. Damit hat er sich einen Traum erfüllt.

Ham - Noch eine Viertelstunde vor Spielbeginn schlendert Patrick Arndt locker durch die Westpress Arena. Ein Plausch hier, Smalltalk da – 15 Minuten später ist der 31-Jährige nicht mehr ansprechbar. Dann sitzt er hoch konzentriert vor dem Laptop und füttert den Liveticker mit allen nur erdenklichen Handball-Informationen zum Spiel. 

Arndt ist zuständig für das so genannte Scouting, die Erstellung eines detaillierten Livetickers in den deutschen Handball-Hallen für diejenigen, die die Spiele nicht vor Ort verfolgen können – und hat sich damit einen Traum erfüllt, von dem er vor siebeneinhalb Jahren noch gar nicht wusste, dass er ihn einmal träumen würde. „Ich war schon immer handballverrückt, obwohl ich selbst nur als kleines Kind gespielt habe. Dann habe ich beim Kegeln den linken Mittelfinger verletzt, so dass Handball schnell wieder ad acta gelegt wurde“, sagt Arndt, der über verwandtschaftliche Beziehungen zu ASV-Geschäftsführer Franz Dressel aber dem Sport stets verbunden geblieben ist. „Irgendwann fragte der ASV mal an, ob ich mir vorstellen könnte, für den Verein tätig zu sein. Und ich habe dann vor knapp acht Jahren das Scouting übernommen.“

"Dann wurde es immer größer"

Soll heißen, die Erfassung der Daten, die ein Handballspiel zu bieten hat. Zu zweit sitzen die Scouts während der Spiele an ihrem Platz – einer, der am Rechner die Daten eingibt und einer, der als „Shouter“, ansagt, was passiert. „Als wir anfangs beim ASV mit der Handballplattform SIS gearbeitet haben, war das noch relativ human“, erinnert sich Arndt. „Wir haben nur die Statistik für die Handball-Bundesliga (HBL) gemacht. Da kam kein Liveticker drin vor, keine Wettmärkte, kein Livebild, Sportdeutschland und Sky gab es gar nicht. Das war nur für die Liga – und für mich nur der ASV.

Als vor vier Jahren die Firma Sportradar die Erfassung der Daten übernahm, änderte sich alles: das Scouting, das Aufkommen der zu erfassenden Daten und der Aufwand für Arndt. „Ich habe erst eine Schulung mit Matthias Thiele von der HBL gemacht, der zu uns gekommen ist und die Software vorgestellt hat“, sagt Arndt. „Danach war ich mit dem relativ viel in Kontakt, bis er mich irgendwann gefragt hat, ob ich mir vorstellen könnte, den Job auch für die HBL zu machen.“

Wollte er: Arndt wurde einer von drei Scout-Supervisoren in ganz Deutschland (die anderen beiden sitzen in Lübeck und Mannheim) – zunächst zuständig für die Betreuung von acht Vereinen der 1. und 2. Liga für die HBL, von Emsdetten bis Hagen. „Dann wurde es immer größer. Nach und nach kamen die anderen Verbände auf uns zu“, sagt er. „Die haben gesehen, dass wir drei als Supervisor ganz ordentliche Arbeit geleistet haben. Und nach anfangs 15 bis 20 Livetickern, die wir bedient haben, liegen wir jetzt bei 80, 85. Dazu kommen Wettmärkte, Sky, ARD, ZDF Sportdeutschland TV – das ist eine relativ große Nummer geworden.“

Auch für die Frauen-Bundesliga im Einsatz

Und sein Betätigungsfeld wächst weiter: Seit dem Sommer arbeitet Arndt auch für die 1. und 2. Frauen-Bundesliga. Dazu kommen DHB-Pokal-Wettbewerbe, die Spiele der deutschen Nationalmannschaften in der Region, sowie Scout-Aufgaben bei den internationalen Verbänden. „Dass ich das europäische Final Four in Köln scouten darf, ist ein absolutes Highlight für mich“, strahlt Arndt. „Genauso wie das Final Four des DHB-Pokals in Hamburg, wo ich auch scoute, aber dann auf Einladung der HBL das ganze Wochenende dabei bin. Das ist der Lohn für die ganze Arbeit, die schon einiges an Zeit frisst.“

Denn Freizeit ist bei dem 31-Jährigen, der neben seinem ausgiebigen Handball-Engagement im Hauptjob bei der Rhyneraner Sanierungs-Firma Polygonvatro tätig ist, ein wertvolles Gut. Neben den eigenen Terminen am Laptop in den Hallen ist Arndt zuständig für die Organisation des Scoutings in seinem Bereich, der weit über die NRW-Grenzen hinaus geht. „Jeder Verein muss drei, vier eigene Scouts haben, so dass die Spiele alle abgedeckt werden können“, erklärt Arndt, der den Scouting-Job in Hamm gemeinsam mit Sonja Nettebrock und Raphaela Schneider ausübt. „Meine Pflicht als Supervisor ist es, die Spiele zu belegen. Wenn sich wer krank meldet, muss ich organisieren, dass andere Scouter einspringen. Und wenn ich niemanden finde, muss ich auch selbst da hin. Das ist ein Grund, aus dem ich so viel unterwegs bin.“ Bis zu 100 Spiele im Jahr scoutet Arndt selbst, dazu kommen weitere, „wo ich als Beobachter dabei bin und die anderen betreue“, sagt er. „Außerdem mache ich viele Schulungen bei den Vereinen.“

Dass bei einer solchen Flut von Handballspielen irgendwann in der Saison einmal ein Sättigungsprozess einsetzt, hält er für normal. „Klar. Zum Ende der Saison, wenn es für die anderen spannend wird, hast du auch mal einen Tag, wo du denkst, schon wieder Handball“, gibt er zu. „Es gibt auch Situationen, wie Geburtstag, Hochzeit, Polterabend, wo du sagst, jetzt hab ich keinen Bock, zum Handball zu fahren. Nur hat das ja jeder bei seinem normalen Job auch. Und wenn ich in der Halle sitze, habe ich das schnell vergessen.“ Dabei ist Arndt der Letzte, den man nach den Begegnungen fragen sollte, wie die jeweilige Partie denn gewesen ist – obwohl er in den Hallen stets den Platz einnimmt, der die beste Sicht auf die Platte bietet. „Vom Spiel selbst kriegst du nichts mehr mit“, gibt er zu. „Die Shouter sehen das, gucken es aber ganz anders, immer dahin, wo der Ball ist, wer die Aktion gemacht hat. Und am Laptop siehst du zu 70 Prozent auf den Bildschirm.“

Das Drumherum begeistert

Was ist also so faszinierend an dem Job für einen glühenden Handballfan, wenn er die Spiele gar nicht sehen kann? „Mich begeistert das Drumherum bei dem Sport, das Vorher und Nachher und die Stimmung während der Spiele in der Halle. Und der Kontakt zu den Menschen. Vom kleinen Betreuer bis zum Marketingmanager kommen die Leute auf dich zu“, sagt er. „Ich habe auch viel Kontakt zu Spielerberatern, die fragen wie sich ihre Schützlinge weiter entwickelt haben. Oder die mir sagen, mein Spieler ist nicht ganz richtig gescoutet worden.“

In diesem Fall muss Arndt einschreiten und vor Ort bei den Scouts, für die er zuständig ist, intervenieren. Denn nur korrekte Daten sind eine Ware, die sich verkaufen lässt – und die Sportradar zu einem florierenden Weltunternehmen gemacht haben. „Darum haben meine Scouts während des Jobs auch ein Handy-Verbot und sollen sich möglichst nicht mit den Zuschauern unterhalten“, sagt Arndt. „Denn ich bin derjenige, der nachher den Anruf von der HBL bekommt. Oder von Beratern. Gerade erst habe ich eine lange Mail bekommen, wo der Berater den Spieler falsch bewertet sieht. Und je schlechter die Scouts in der Halle sind, um so mehr muss ich zuhause arbeiten.“ Denn das Überprüfen der eingegebenen Daten in den Hallen, in denen er nicht vor Ort war, gehört auch zu den Aufgaben des Hammers, dessen Arbeitszeit für HBL und Deutschen Handball-Bund (DHB) daher auch schnell auf 30 Stunden in der Woche schnellen kann. Schließlich sollen die Daten auf der Plattform der HBL ja stimmen.

Da trifft es sich gut, dass Raphaela Schneider nicht nur Scout ist, sondern auch seine Freundin. „Zum Glück ist sie auch ein großer Handballfan. Das hilft in der Beziehung“, sagt Arndt. „Und wenn es geht, scouten wir auch Spiele zusammen, damit man wenigstens auch mal ein Wochenende zusammen verbringen kann.“ Arndt weiß auch, dass er den Job so nicht ewig ausüben wird. „Das mache ich jetzt, weil ich jung bin. Ich werde es auch sicher längerfristig weitermachen, aber vielleicht nicht mehr in so einem großen Umfang – das würde dann doch die Familienplanung zerstören.“

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