Springreiterin und Jungunternehmerin: 

Zoe Osterhoff ist längst etabliert - nicht nur im Sattel

+
Zoe Osterhoff, Springreiterin aus Hamm.

Bei den „Erwachsenen“ darf Zoe Osterhoff, wenn es um DM-Medaillen geht, noch nicht mitmachen. Die 21-Jährige aus Hamm hat zwar schon die höchste Leistungsklasse bei den Springreitern erreicht, ist gemäß Verbandsstatuten aber erst ab dem 1. Januar 2021 offiziell der Jugend entwachsen.

Hamm - Dabei hat sie sich längst in der Szene etabliert – und das nicht nur im Sattel. Seit drei Jahren betreibt sie als Jungunternehmerin mit ihrem Geschäftspartner und Trainer Alexander Bontemps einen Ausbildungs- und Handelsstall.  20 Autominuten östlich von Osnabrück – out of Bissendorf – haben Osterhoff/Bontemps eine sehr ländlich gelegene Anlage gepachtet. Ohne Wohntrakt.

 „Unsere direkten Nachbarn sind aber sehr aufmerksam. Wenn wir nachts von Turnieren heimkommen, dann schauen sie immer nach, ob es auch tatsächlich wir sind, die hier vorfahren“, sagt Osterhoff. Sie selbst wohnt – nicht ganz so abgelegen – in der nächsten Ortschaft. 

Von der B65 aus führen die letzten Kilometer über Wirtschaftswege. Und als das Navi verkündet, das Ziel sei erreicht, ist von einer Reitanlage erst einmal nichts zu sehen. Und das Handy? Kein Netz. Ein Spaziergänger hilft weiter, zeigt mit dem Arm in Richtung Horizont und meint: „Da hinten dann links rein.“ Ein guter Tipp. Wenig später ist eine Halle mit großem Pferdetransporter davor zu sehen. Das Kennzeichen (HAM-ZO ...) verrät: Hier arbeitet Zoe Osterhoff.

 Wer aus der (eher betuchten) Kundschaft mit einem tiefer gelegten Sportwagen anreist, sollte sein Gefährt an der Einfahrt parken – gut 100 Meter von der Halle entfernt. Der Weg dorthin ist, mit Verlaub, noch eine ziemliche Rumpelpiste. „Es ist im Moment erst einmal okay für uns. Eine schicke Allee können wir uns noch zulegen, wenn wir irgendwann mal voll etabliert sind. Aktuell stehen bei uns andere Dinge im Vordergrund“, sagt Osterhoff. 

Gute Arbeitsbedingungen das A und O

Zum Beispiel sehr gute Arbeitsbedingungen: Die große Reithalle, die dank der Lichtbänder an drei Seiten und in der Decke eine angenehme Atmosphäre bietet und kein „schwarzes Loch“ ist. Die Außenplätze und eine Boxengasse, die 18 Vierbeinern Platz bietet und mit Annehmlichkeiten ausgestattet ist wie Pferdesolarium. Darunter genießt der 6-jährige James Brown an diesem Morgen die Wärme. Der Niederländer, Osterhoffs neuer Liebling im Stall und ihr „erstes echtes eigenes Pferd“, bekommt vor dem Training an diesem recht kalten Tag eine kleine Wohlfühl-Behandlung. 

Beste Bedingungen bietet auch der Boden in der Halle, der aus Spezialsand mit eingearbeiteten Vliesstückchen besteht und für die Trainingsarbeit perfekt präpariert ist. Und das soll auch so bleiben. Deshalb schnappt sich Bontemps, während Osterhoff mit der 5-jährigen Carma das Aufwärmprogramm abspult, den „Äppel-Boy“ und kratzt umgehend die Hinterlassenschaft der jungen Schimmelstute zusammen, die sich noch einmal erleichtern musste. 

Hochbetrieb auf der Stallgasse

Derweil herrscht in der seitlich angrenzenden Stallgasse Hochbetrieb. Der Schmied erledigt mit einem Kollegen die übliche Pediküre: Ausschneiden, Eisen anpassen, Hufe beschlagen. Die drei angestellten Pferdepflegerinnen sind auch da und gehen der Profireiterin zur Hand: Janina, die seit den Anfängen vor drei Jahren dabei ist, Larissa, die sich zwischen Abitur und Studium ein Übergangsjahr leistet und Tina, die seit einem Jahr mitmacht und Zoe Osterhoff zu den Turnieren begleitet: „Ich bin happy, dass ich sie habe. Sie geht unglaublich fürsorglich mit den Pferden um.“ 

Ungewöhnlich hektisch sei es an diesem Morgen, sagt Osterhoff – dabei werden die Arbeiten um sie herum in aller Ruhe und Gelassenheit erledigt. 16 Sportpferde haben Osterhoff/Bontemps aktuell im Beritt. „Das reicht auch. Ich selbst arbeite jeden Tag so acht davon, das ist das, was ich sinnvoll schaffe“, sagt die Pferdewirtin. 

Es geht Qualität vor Quantität

Der Turniersport ist für Zoe Osterhoff der glamouröse Teil der Arbeit – vor allem, wenn es in die Luxuswelt der Global Champions Tour geht. Von den Preisgeldern leben, das geht nicht. Die sind für die 457. der November-Weltrangliste maximal ein nettes Zubrot. „Alexander und ich leben vom Verkauf“, sagt Osterhoff, wobei sie und Bontemps Wert auf Klasse statt Masse legen: „Es gibt Handelsställe, die verkaufen relativ viel. Bei uns ist das eher so, dass wir ein oder zwei Pferde im Jahr sehr gut ausbilden und verkaufen wollen – mit wirklich merkbarem Gewinn, so dass wir davon leben können.“ 

"Der Handel ist ziemlich eingeschlafen"

Das hat hat in den ersten beiden Jahren der Selbstständigkeit recht gut geklappt, in diesem aus bekannten Gründen eher nicht so. „Der Handel ist im Moment ziemlich eingeschlafen, weil viele Leute nicht bereit sind, Geld zu investieren in so einer schwierigen Zeit“, sagt Osterhoff. „Pferde sind für Leute, die so viel Geld ausgeben, eher eine Leidenschaft. Und da stecken sie jetzt gerade zurück. Wir haben viele Kunden, die aus dem Ausland kommen – ist ja jetzt auch schwierig. Wenn sie unter Corona-Bedingungen nicht kommen können, können sie auch nicht kaufen.“ 

"Einmal beim Derby die Global Tour reiten..."

So bleibt wie allen die Hoffnung, dass 2021 alles besser wird, auch wenn bereits erste Veranstaltungen abgesagt worden sind. „Man hat uns für nächstes Jahr aber versprochen, dass wir die Global Champions Tour mitreiten dürfen“, hofft Osterhoff darauf, dass sie große Turniere weiterhin als Schaufenster für sich und für ihr Geschäft nutzen kann. Die Nominierung für den von Co-Bundestrainer Heiner Engemann betreuten U25-Kader steht ebenfalls auf der Wunschliste – und darauf ganz weit oben ein Start in Klein Flottbek: „Einmal beim Hamburger Derby die Global Tour reiten zu dürfen, das wäre schon sehr cool...“

NACHGEFRAGT

Frau Osterhoff, war 2020 durch Corona sportlich ein verlorenes Jahr? 

"Es ist natürlich schon blöd gelaufen. Dieses Jahr wäre ja eigentlich mein erstes gewesen bei der Global Champions Tour und da hat man sich natürlich darauf gefreut, mal irgendwann nach Mexiko, Miami oder Shanghai zu fliegen und dort gegen die Weltelite zu reiten. Immerhin war ich in Doha, das war auf jeden Fall ein riesen Erlebnis. Beim Nationenpreis in Vierden war ich Doppel-Null und Vierte im Großen Preis von Valkenswaard. Da kann ich nicht sagen, dass 2020 ein verlorenes Jahr war. Aber das rückt im Zuge der Pandemie halt alles so ein bisschen in den Hintergrund." 

Sie sind am 1. Januar 2021 offiziell der U21 entwachsen und dürfen bei den Senioren starten. Was erwartet Sie dort? 

"Ich hoffe, dass ich in den Perspektivkader von Bundestrainer Heiner Engemann kommen werde, damit ich ein paar gute Startmöglichkeiten mehr erhalte. In der U25-Weltrangliste bin ich auf Platz 72. Das ist auch ziemlich gut und ein Argument dafür. Ansonsten muss ich im Kreis der ganzen Etablierten erst einmal Fuß fassen. Die richtig großen Sachen bei den Senioren sind für mich im nächsten Jahr wohl noch ausgeschlossen. Dafür gibt es einfach viel zu viele gute Springreiter in Deutschland. Ich versuche mich zu zeigen und sicherer zu werden auf höherem Niveau."

Das könnte Sie auch interessieren

Kommentare

Unsere Kommentarfunktion wird über den Anbieter DISQUS gesteuert.

Hinweise zum Kommentieren: Auf wa.de können Sie Ihre Meinung zu einem Artikel äußern. Im Interesse aller Nutzer behält sich die Redaktion vor, Beiträge zu prüfen und gegebenenfalls abzulehnen. Halten Sie sich beim Kommentieren bitte an unsere Richtlinien: Bleiben Sie fair und sachlich - keine Beleidigungen, keine rassistischen, rufschädigenden und gegen die guten Sitten verstoßenden Beiträge. Kommentare, die gegen diese Regeln verstoßen, werden von der Redaktion kommentarlos gelöscht. Bitte halten Sie sich bei Ihren Beiträgen an das Thema des Artikels. Lesen Sie hier unsere kompletten Nutzungsbedingungen.


Bitte beachten Sie: Die Kommentarfunktion unter einem Artikel wird automatisch nach drei Tagen geschlossen.

Netiquette
Hinweis: Kommentieren Sie fair und sachlich! Rassistische, pornografische, menschenverachtende, beleidigende oder gegen die guten Sitten verstoßende Äußerungen sind verboten und werden gelöscht.

Kommentare