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Carolin Langenhorst hofft in Peking auf den ganz großen Wurf

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Von: Rainer Gudra

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Carolin Langenhorst bestreitet in Peking ihre zweiten Olympischen Spiele.
Carolin Langenhorst, hier im Januar beim Weltcup in Scuol (Engadin), bestreitet in Peking ihre zweiten Olympischen Spiele. © Gian Ehrenzeller/DPA

Ausgangssperren, Massentests, Zwangsquarantäne – Themen rund um Corona, denen auch Carolin Langenhorst im Vorfeld der Olympischen Spiele in Peking nicht ausweichen kann. Die in Hamm geborene Snowboarderin mit Verwandtschaft in Rünthe, Werne und Lüdinghausen will sich vor und während der Tage in China aber nur auf eines konzentrieren: ihren Sport.

Hamm - In diesem wartet nach harter Vorbereitung der zweite Karriere-Höhepunkt nach Pyeongchang 2018 auf sie. „Man hört ja im Moment immer nur das Negative, auch viele Gerüchte“, sagt Langenhorst, die in Berchtesgaden lebt. Sie verlässt sich lieber auf die eigene Wahrnehmung oder auf Infos direkt aus der Olympia-Blase. „Ein Teil unserer Alpinen ist seit vergangenen Donnerstag schon dort und berichtet.“ Sie ist sich sicher: „Die Chinesen, mit denen wir zu tun haben, werden sehr bemüht sein, für uns gute Spiele zu machen.“

Möglichst an der Eröffnungsfeier teilnehmen

Langenhorst, die im Parallel-Riesenslalom starten wird, hat sich vorgenommen, das olympische Gefühl zu leben – so gut und so weit es irgendwie geht. „Wenn möglich, möchte ich unbedingt bei der Eröffnungsfeier in Peking dabei sein“, sagt sie. Und das, obwohl die Hygiene-Vorschriften äußerst streng sind, die Wettkampfstätten gut drei Busstunden außerhalb liegen und sie erst am Tag zuvor, am 3. Februar, in Peking gelandet ist. Sie flog, mit der Delegation aus Frankfurt kommend, in ihren 26. Geburtstag hinein.

2018, in Südkorea, hatte sie den Einmarsch der Nationen verpasst, weil ihr Wettbewerb erst am vorletzten Tag stattgefunden hat. „Da habe ich dann die Abschlussfeier mitgenommen.“ Das wiederum ist dieses Mal unmöglich: Spätestens 48 Stunden nach Abschluss der Wettbewerbe muss sie, wie alle, China wieder verlassen haben.

Oma und Opa drücken in Rünthe die Daumen

Die Medaillen im Parallel-Riesenslalom der Frauen werden am Dienstag, 8. Februar, ausgefahren. Wenn die Läufe um 10.40 Uhr Ortszeit in Zhangjiakou beginnen, wird in Rünthe mitten in der Nacht der Wecker klingeln: Oma Rosemarie und Opa Günther Pohl, einst als Fußballer heftig von Preußen Münster umworben, sind glühende Anhänger ihrer Enkelin – und werden vor dem Fernseher ganz fest die Daumen drücken. Auch in Lüdinghausen, bei Oma Helga, und beim Onkel in Werne wird mitgefiebert.

Carolin Langenhorsts Stippvisiten in Westfalen waren zuletzt eher selten. „Ich war leider länger nicht mehr dort, das letzte Mal im Mai. Vorher bin ich ja schon mal von den Bundeswehr-Lehrgängen in Warendorf aus rübergefahren.“ Aber, sagt sie: „Ich werde nach der Saison garantiert nach oben fahren und sie besuchen.“ Vielleicht ja als Ehrengast: „Ich bin mir da ganz sicher. Wenn mir in Peking etwas gelingen sollte, dann wird meine Oma im Sommer, wenn Corona vorbei ist, in Rünthe eine Riesenparty schmeißen...“

Letztes Durchatmen im traumhaften Südtirol

Eine Woche vor dem Start ins Abenteuer Peking war zunächst noch einmal Durchatmen in einem Trainingslager in Südtirol angesagt. „In Berchtesgaden hat es sehr viel geschneit, hier scheint die Sonne und die Piste friert über Nacht gut durch – es sind traumhafte Bedingungen“, lautete ihr Lagebericht aus der Nähe von Kronplatz.

Die kritischste Phase ergab sich für sie zwischen der Rückkehr aus Italien und dem Treffen am 1. Februar in Frankfurt, wo am Tag darauf der Flieger in Richtung Peking abgehoben hat. „2018 war die größte Sorge, dass man sich vorher nicht noch verletzt, aber das tritt jetzt fast völlig in den Hintergrund. Die größte Sorge ist natürlich, dass man sich anstecken könnte“, sagt Langenhorst. Daheim in Berchtesgaden wurde alles dagegen getan. „Auch im Haus immer FFP2-Masken tragen, Abstand halten und aufpassen“, berichtet Mutter Sabine. „Meine Eltern sind da extrem vorsichtig. Das ist schon enorm, was sie da für mich auf sich nehmen“, sagt die Athletin, und: „Papa weiß, worauf man achten muss.“ Dr. Udo Langenhorst arbeitet als Arzt im Gesundheitsamt des Landratsamtes in Bad Reichenhall.

Teilnahme in Peking ist existenziell

Die Begleiterscheinungen beim Sport in Corona-Zeiten sind inzwischen Normalität: „Wir kennen das ja mittlerweile aus dem Weltcup. Wenn man akzeptiert, dass es so ist und so sein muss, dann geht das ganz gut. Toi, toi, toi, dass das auch für Peking so bleibt.“

Für Carolin Langenhorst, 2020 mit dem bayerischen Sportpreis ausgezeichnet, sind die Spiele in China als Athletin existenziell. So wird sie seit mehreren Jahren durch die Bundeswehr gefördert. Dienstgrad: Feldwebel. Verlängert werden die Verträge immer nur in Jahresschritten – erfolgsabhängig. Ihr Mathe-Studium hat sie unterbrochen, denn: „Das war irgendwann alles zu kompliziert.“

Der Aufwand ist riesig – im Sommer mit sechs Trainingstagen pro Woche, im Winter mit täglichen Einheiten am Berg sowie den Rennen, zusätzlich auch „Rad fahren, Stabis oder gerne mal Spikeball“. Inzwischen absolviert sie ein Fern-Studium im Fach Erziehungswissenschaften, doch das Ziel, nach der Snowboard-Karriere als Lehrerin für Mathematik und Sport zu arbeiten, „habe ich nicht aus den Augen verloren“.

Seit Jahren beständig in der Weltspitze

Die Dritte der Junioren-WM von 2016 gehört im Parallel-Riesenslalom zur Weltspitze, ist seit Jahren beständige Top-10-Fahrerin: 2018 Neunte bei den Olympischen Spielen in Pyeongchang, 2019 Siebte bei der Weltmeisterschaft in Park City, 2020 Achte im Gesamtweltcup, 2021 unter Pandemie-Bedingungen Neunte.

Auch in dieser Saison hat Langenhorst ihre Klasse bewiesen; zum Auftakt im russischen Bannoye mit Platz drei – ihr viertes Weltcup-Podest und die Olympia-Norm. „Ich habe dort so angefangen, wie ich im Winter zuvor aufgehört habe“, freut sie sich. Im März 2021, im Heimrennen in Berchtesgaden, wurde sie ebenfalls Dritte. Zuletzt fuhr sie in Scuol im Engadin auf Platz vier, verpasste das Stockerl nur um 17 Hundertstel.

Der ganz große Wurf fehlt aber noch

„Trotzdem, mir fehlt noch dieser eine ganz große Wurf. Aber ich bin guter Hoffnung, dass es dieses Mal so richtig nach oben gehen kann“, sieht sich Langenhorst bestens vorbereitet. Aber die Konkurrenz trägt klangvolle Namen: Ester Ledecká, Olympiasiegerin von 2018, sowie Ramona Hofmeister, Bronze-Gewinnerin von Pyeongchang, oder Melanie Hochreiter, zwei Temkolleginnen vom WSV Bischofswiesen. Und da wäre noch die Russin Sofiya Nadyrshina: „Sie fährt einen eigenen, völlig anderen Stil und ist absolut nicht zu unterschätzen.“

Vieles wird von der Qualifikation abhängen, die den eigentlichen, zwischen 40 und 45 Sekunden dauernden K.o.-Läufen vorausgehen. Darin entscheiden die Zeiten darüber, wer im Kampf um das Weiterkommen gegen wen fahren muss – und auf welcher der beiden Pisten. So parallel und gleich gebaut die mit etwa 25 Toren ausgeflaggten Kurse auch aussehen mögen: Es gibt feine, oft entscheidende Unterschiede.

Fehler von 2018 soll sich nicht wiederholen

2018, im Achtelfinale, war sich Langenhorst zu sicher: „Ich bin in den letzten Toren nicht mehr voll auf Attacke gefahren, weil ich das Gefühl hatte, ich bin vorne. Das hat mich am Ende die nächste Runde gekostet.“ 0,02 Sekunden fehlten im Duell mit der Österreicherin Ina Meschig: „Ein Tiefschlag, der sehr geschmerzt hat.“ Und einer, den es so „ganz sicher“ nicht mehr geben wird: „Ich habe meine Lehren daraus gezogen. Man ist halt erst im Ziel, wenn man über der Linie ist...“

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