Fußball

Olympia-Silber mit der DDR-Auswahl: Der Hammer Norbert Trieloff erinnert sich

Norbert Trieloff, heute Physiotherapeut in Herringen, mit seiner Silbermedaille bei den Olympischen Spielen 1980 in Moskau.
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Norbert Trieloff, heute Physiotherapeut in Herringen, mit seiner Silbermedaille bei den Olympischen Spielen 1980 in Moskau.

Norbert Trieloff, Defensivspieler, hat vor 40 Jahren mit der DDR-Auswahl Olympia-Silber in Moskau gewonnen.

Hamm - Es war ein regnerischer Fußballabend, jener 2. August 1980 bei den Olympischen Sommerspielen in Moskau. Titelverteidiger DDR hatte sich mit einem 1:0 über das Gastgeberland für das Finale gegen die CSSR qualifiziert. Während Spieler und Trainer der Tschechen nach 90 Minuten jubelten, ließen die Blauen die Köpfe hängen. Einer von ihnen war Norbert Trieloff, Defensivspieler, feiner Techniker, Mister Zuverlässig im DDR-Dress. 40 Jahre später ist bei ihm die Enttäuschung von damals etwas verblasst, und nicht ohne Stolz öffnet er die rote Schatulle mit dem olympischen Silber. Fußball ist ein Lebensabschnitt für den 62-Jährigen. Heute ist Trieloff selbstständiger Physiotherapeut und betreibt eine Praxis in Herringen. Für manchen Fan ist er noch immer eine Ikone.

„Wenn du in so einem Finale stehst und in einem vollen Stadion spielst, dann willst du auch Gold holen“, sagt Trieloff. „An dem Tag fühlte sich Silber richtig enttäuschend an. Aber natürlich ist es aus der Distanz etwas ganz Großes, auf solch einen Erfolg bei Olympischen Spielen zurückzuschauen.“ Das Fußballjahr 1980 ist für Trieloff ohnehin ein besonderes, und die Zahl 77 hat darin eine eigene Magie. Sie steht für Enttäuschung und Glück zugleich. Während der Tscheche Jindrich Svoboda im Olympia-Finale in der 77. Minute die Gold-Träume der DDR zunichte machte, war es Trieloff selbst, der den Berliner FC Dynamo am 10. Mai 1980 in der gleichen Spielminute mit seinem Treffer zum 1:0 gegen Dynamo Dresden zum Meister schoss.

Debüt mit knapp 17 Jahren

Wenn heute über Fußball-Wunderkinder und Altersrekorde bei Bundesliga-Debüts gesprochen wird, müsste man auch Norbert Trieloff nennen. Mit knapp 17 Jahren debütierte er für den BFC Dynamo in der Oberliga, der höchsten Spielklasse der DDR. Mit 14 hatte der BFC sein Talent erkannt und den gebürtigen Rostocker für sich reklamiert. Trieloff besuchte die Kinder- und Jugendsportschule, lebte im Internat und träumte den großen Fußballtraum. „Aber ich hatte damals auch Heimweh ohne Ende“, erinnert er sich.

Doch der Fußball und seine Erfolge ließen manches vergessen. Und wundersame Dinge gingen vor sich: „Im Internat erhielten wir ein Taschengeld von 30 Ostmark. Später gab es für Siege 200 bis 250 Mark. Nach dem ersten Spiel hieß es, ich solle mal zum Bahnhof Lichtenberg fahren, da würde mich ein Mann ansprechen“, sagt Trieloff. „Erklären konnte ich mir das nicht. Der Mann sagte, ich hätte gut gespielt, gab mir einen Umschlag, den ich später öffnen sollte. Der Inhalt waren 1000 Ostmark. Immer wieder fiel der Satz: Sprich mit niemandem darüber.“

Zehn Mal in Folge DDR-Meister

Trieloff spielte in DDR-Jugendnationalmannschaften, wurde zweimal U21-Vize-Europameister und später zehn Mal in Folge Meister mit dem BFC. „Wir waren privilegiert, hatten alles zum Leben.“, sagt er. Und der Westen, wo noch viel mehr Scheine gezahlt wurden? Fußball-Fluchten erlebte er etliche Male. Trainer Jörg Berger, der sich am Abend vor dem U21-EM-Finale in Jugoslawien aufmachte, Falko Götz, Norbert Nachtweih, Jürgen Pahl und nicht zuletzt mit dem ein Jahr älteren Lutz Eigendorf, mit dem sich Trieloff zeitweise ein Zimmer teilte. Eigendorf kam unter nicht restlos geklärten Umständen ums Leben, vieles deutet auf ein Verbrechen durch die Stasi hin. „Ich glaube, an Lutz wurde ein Exempel statuiert“, sagt Trieloff heute.

Hat er selbst den Gedanken der Flucht verfolgt? „Flucht bedeutete, viel zurückzulassen. Familie in erster Linie. Und sie bedeutete viele Repressalien für die, die dableiben mussten. Berufsverbote zum Beispiel. Ich bin sicher, viele von uns hätten aufgrund ihrer guten fußballerischen Ausbildung Bundesliga spielen können, aber ausmachen musste das jeder mit sich selbst. Wir haben diese ganzen Sicherheitsmaßnahmen später eher ironisch genommen: 18 Spieler, 18 Begleiter. Oder Busse, in die Toiletten eingebaut worden waren, damit niemand aussteigt und verschwindet.“

Für den SV Holzwickede in der Oberliga

Trieloff entschied sich mit der Grenzöffnung ganz legal für den Westen. Der Cousin seiner Frau, ein Pfarrer in Hamm, hatte bei der Ankunft mitgeholfen. Es folgten das Auffanglager Unna-Massen und ein Fußballkontakt zum SV Holzwickede, wo Trieloff zwei Jahre in der Oberliga spielte. Hausieren mit seinen vorherigen Erfolgen war er nie gegangen. Viele Spieler wussten nichts von seiner Vergangenheit. „Die fanden, ich könnte ganz gut kicken und haben mich irgendwann gefragt, warum ich denn nichts davon erzählt hätte.“ Parallel absolvierte er dreieinhalb Jahre eine Ausbildung zum Physiotherapeuten und machte sich 1996 in Hamm selbstständig.

Einen Lieblingsverein hat er nicht. „Ich freue mich, wenn ich ein gutes Spiel sehen kann, egal welche Farben“, sagt er. Zu Ehemaligentreffen des DFB, die von Lothar Matthäus organisiert werden, fahre er gerne. „Mittlerweile sitzen Ost und West gemischt.“ Seine alten Trikots hat er seinem Sohn (37) zur Aufbewahrung vermacht, viele hat er aber auch schon an Fans verschenkt. Noch immer erhält Trieloff Autogrammwünsche. Der BFC-Libero bleibt bei den Fans eine Institution.

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