Interview

Nach über 30 Jahren: Dressel hört als ASV-Geschäftsführer auf

Franz Dressel applaudiert.
+
Der Stammplatz auf der Treppe bleibt künftig frei: Franz Dressel beendet sein Engagement als ASV-Geschäftsführer.

Das Bild gehörte zu den Heimspielen des ASV Hamm-Westfalen wie der Elefant zur Stadt: Wenn die Partien des Handball-Zweitligisten angepfiffen wurden, verfolgte Franz Dressel diese stets, überwiegend sitzend, von einer der Treppenstufen im Mittelgang der Westpress Arena aus. Sein Stammplatz wird künftig frei bleiben: Nach über 30 Jahren in entscheidenden Positionen des Vereins und seiner Vorgängervereine wird sich Dressel am Sonntag aus dem operativen Geschäft zurückziehen.

Der 21. Februar, 2021 ist bewusst gewählt. „Das ist für mich persönlich ein historisches Datum“, sagt der scheidende ASV-Geschäftsführer im Gespräch mit Günter Thomas. „Weil es mein 70. Geburtstag ist. Und weil die Zeit gekommen ist, loszulassen. Sowohl bei der Firma Hellweg, bei der ich fast 47 Jahre in leitender Funktion tätig war und zum 31. Januar ausgeschieden bin, als auch beim ASV.“

Ohrenbetäubender Jubel zu Zeiten der Stein-Halle.
Sie steigen aus dem Tagesgeschäft Ihres Vereins aus, bleiben aber Gesellschafter der ASV Handball Marketing GmbH, die wirtschaftlicher Träger des Bundesligateams ist. Behalten Sie damit das Heft des Handelns weiter in der Hand?
Die Fäden in der Hand hat immer derjenige, der operativ das Geschäft leitet. Ich möchte dem ASV in irgendeiner Weise erhalten bleiben, aber nicht mehr an allererster Stelle. Ich behalte aber meine Gesellschafteranteile, damit ich bei wichtigen Entscheidungen gehört werde und mein Veto einlegen kann.
Mit Thomas Lammers haben Sie im vergangenen halben Jahr bereits gemeinsam als Geschäftsführer die Geschicke des ASV gelenkt. Wie beurteilen Sie die Arbeit Ihres Nachfolgers bisher?
Die Position hätte mit keinem anderen besser besetzt werden können. Er ist mit großer Begeisterung, mit neuen Ideen dabei, kommt mit dem Trainer hervorragend klar, mit den Spielern, hält Distanz, wenn es nötig ist. Es ist eine Freude, ihm bei der Arbeit zuzusehen.
Sie sind aktuell einer der Vizepräsidenten der HBL (Anm. d. Red: Handball Bundesliga). Das Amt behalten Sie?
Ja, soweit es mir gesundheitlich nicht schlechter geht.
Die Gesundheit...
...war auch ein Beweggrund dafür, dass ich die Entscheidung getroffen habe, aufzuhören. Die Ärzte haben mir gesagt, dass ich maximal noch im ersten Gang fahren darf – und das möglichst noch mit angezogener Handbremse.
Ihr Ziel war es vor Corona, zum 30. Juni 2020 die ASV Handball Marketing GmbH schuldenfrei darzustellen. Wie sieht es diesbezüglich jetzt aus?
Zum 30. Juni 2021 wird es uns aus den gleichen Gründen nicht gelingen. Das ist aber gegenüber der Lizenzierungskommission kommuniziert worden und geht anderen Vereinen genauso. Das neue Ziel lautet, am 30. Juni 2022 möglichst völlig schuldenfrei zu sein. Wobei ein Handball- natürlich kein Sparverein ist – es gibt sportliche Ziele, die Geld kosten, sodass ein Verein nicht immer ein positives Jahresergebnis ausweisen kann.
Die Corona-Krise kostet nicht nur Nerven sondern auch Geld. Viele Vereine sind an der Grenze der Belastung. Wie sieht es beim ASV aus?
Durch die Staatshilfen kommen wir mit einem ordentlichen Ergebnis am 30. Juni raus, wissen aber nicht, ob wir die Hilfen im vollen Umfang behalten dürfen. Wenn der Ticketausfall von Januar bis Juni auch mit 80 Prozent vergütet wird, kommen wir mit einem blauen Auge da raus. Auch unsere Sponsoren haben jetzt zwei Saisons zu 100 Prozent mitgezogen. Wir werden, Dank dieses Engagements, auch künftig mindestens die Basis haben, Zweitligahandball in Hamm dauerhaft zu präsentieren. Dafür werden wir uns auch erkenntlich zeigen müssen.
Sie waren selbst als Torhüter aktiv – im Fußball. Warum haben Sie sich letztlich für den Handball entschieden?
Ich bin in der Schülermannschaft beim TuS Werries angefangen, bin 1969 in die Senioren gekommen, damals beim ASV Uentrop. Da habe ich in der ersten Mannschaft im Tor gestanden. Parallel habe ich aber jahrelang als Rechtsaußen in der ersten Mannschaft des TuS Feldhandball gespielt. Dann ging es mit dem Fußball in Uentrop bergab. Ich musste mich schließlich für eine Sportart entscheiden, habe mich dann zum Handball bekannt. Das habe ich nicht bereut – bis zum heutigen Tag.
Ende der 80er Jahre sind sie dann in die Vorstandsarbeit des ASV eingestiegen. Was hat Sie dazu bewogen?
Das war Zufall. Ich bin damals gefragt worden, ob ich nicht aufgrund meiner geschäftlichen Kontakte Interesse hätte, im Marketingbereich des ASV mitzuarbeiten. Ich habe gesagt: Ja, aber dann müssen die Ziele neu definiert werden. Nur die Oberliga als Ziel wäre mir zu wenig. Es müsste schon ein, zwei Ligen höher gehen. Meine Intention war es, hochklassigen Handball in Hamm dauerhaft anzubieten. Ich bin dann in der Verbandsliga als Sportlicher Leiter eingestiegen. Und wir haben es dann bis in die 1. Bundesliga geschafft.
Was war Ihre wichtigste sportliche Entscheidung auf dem Weg dahin.
Es war klar, dass wir in einer Schulsporthalle nicht einmal mehr in der heutigen dritten Liga hätten spielen können. Das hat meinen Ehrgeiz geweckt, möglichst in der Nähe der alten Spielstätte eine erstligataugliche Arena errichten zu lassen. Spitzenhandball in Hamm wäre ohne diese Halle gar nicht möglich gewesen. Ich war mit den Plänen beim damaligen Oberbürgermeister Thomas Hunsteger-Petermann. Der hat gesagt, die Stadt hat kein Geld. Aber wenn ich eine Idee hätte, könnte ich gerne wiederkommen. Da hat bei mir im Kopf etwas eingesetzt. Damals war ich viel in den neuen Bundesländern unterwegs, und in Jena habe ich gesehen, wie auf einem SB-Warenhaus ein Fußballfeld angelegt wurde. Eine fantastische Idee, habe ich mir gesagt, die darf dir nie aus dem Kopf gehen. Dann fiel mir ein, dass in Werries für den jetzigen Standort der Halle grundsätzlich ein Bebauungs-Plan bestand, der besagte, dass dort uneingeschränkter Einzelhandel stattfinden kann. Das habe ich meinem holländischen Geschäftspartner Albert ten Brinke erzählt und ihm gesagt, ich traue mir zu, dort gemeinsam mit der Stadt ein Einzelhandelszentrum zu entwickeln. Im Gegenzug musst du mir dann für uns kostenfrei eine Handballhalle für mindestens 2500 Zuschauer oben draufsetzen.
Was dann auch geschah...
Der hielt das erstmal für eine verrückte Idee. Als es aber immer konkreter wurde, sind wir mit den Plänen wieder zum Oberbürgermeister gegangen. Das Ergebnis ist heute sichtbar und sucht, was die Sportstätte angeht, zumindest in Hamm ihresgleichen. Das war die Basis, um sportlich da zu sein, wo wir heute sind.
... und welches war Ihre größte Fehlentscheidung?
....dass wir völlig unvorbereitet die Sportgemeinschaft mit der Ahlener SG ins Leben gerufen haben. Das ging alles viel zu schnell. Wir sind im Mai 2009 in die 1. Liga aufgestiegen und mussten da ab 1. Juli den Spielbetrieb aufnehmen. Jeder hatte den Anspruch, seine Leute mit in dieses Gebilde aufzunehmen. Wir haben für uns in Anspruch genommen, die Spiele in Hamm auszutragen. Ahlen wollte den Trainer stellen, wir den Manager, Ahlen die drei Betreuer – das war ungesund. Ich würde noch einmal so etwas eingehen, dann aber mit völlig neutralem Personal und ausreichender Vorlaufzeit. Davon, dass das hätte funktionieren können, bin ich heute noch überzeugt. Aber in dieser chaotischen Konstellation, in der jeder seine Interessen durchsetzen wollte, nicht. So etwas kann man nicht in sechs Wochen auf die Beine stellen. Wir hatten keine verbindlichen Sponsorenverträge, das ging alles auf Zuruf. Es gab keine Planungssicherheit. Aber das war meine Schuld, ich hatte die Verantwortung als alleiniger Geschäftsführer zu tragen. Das habe ich dann auch getan.
Was war das schönste Erlebnis, das Sie mit dem ASV hatten?
Der Aufstieg in die 1. Liga. Die Übergabe des Wappentellers der Stadt Hamm durch den Oberbürgermeister vor 5000 Menschen auf dem Marktplatz. Das war außergewöhnlich. Auch die anderen Aufstiege oder die beiden Spiele in der vollen Dortmunder Westfalenhalle. Insgesamt war es eine wirklich schöne Zeit, wenn ich einmal diese wirtschaftliche Krise, die wir hatten, ausblende.
Die Aufstiegsfeier 2009 war auch ziemlich wild.
Ja, das kann man heute ruhig sagen. Ich weiß gar nicht mehr, aus welchen Ecken wir die Spieler am anderen Morgen ausgegraben haben. Das ging ja bis zum Montag weiter und war sehr ausgelassen. Positiv in Erinnerung sind mir auch die vielen Spieler geblieben, die ich in meiner Zeit habe verpflichten können. Ich habe zu einigen von ihnen heute noch gute Kontakte. Bis auf ganz wenige Ausnahmen sind wir im Guten auseinander gegangen. Die Verabschiedungen mit meinem Lieblingslied, ´Niemals geht man so ganz‘, das keiner mehr hören konnte, trifft den Kern. Auch ich werde niemals ganz gehen.
In der aktuellen Saison ist der ASV weit davon entfernt, wieder in die 1. Liga aufzusteigen. Hat das Team realisiert, dass es im Abstiegskampf ist?
Ich glaube nicht, dass wir mit dem Abstiegskampf zu tun haben werden. Aber die Mannschaft weiß, dass sie sich in einer schwierigen Situation befindet. Niemand konnte am Anfang der Saison damit rechnen, dass wir einmal diesen Tabellenplatz einnehmen. Und dadurch, dass wir nicht vor Zuschauern spielen, ist die Wahrnehmung nicht so ausgeprägt, als würden wir alle 14 Tage vor 2500 Leuten spielen. Das ist auf der einen Seite gut, weil man etwas ruhiger arbeiten kann. Auf der anderen aber gefährlich. Der Druck von Außen ist nicht so groß. Daher müssen positive Ergebnisse her. Der knappe Sieg gegen Fürstenfeldbruck war daher sehr wichtig.
Wie werden Sie am Sonntag Ihren 70. Geburtstag verbringen?
Nicht bei unserem Spiel in Emsdetten. Ich werde mit meiner Familie in kleinem Rahmen feiern. Aber die Begegnung werden wir auf jeden Fall im Fernsehen angucken.
Was werden Sie ab Montag machen?
Thomas Lammers hat mich gefragt, ob ich ihm weiter zur Verfügung stehe zur Unterstützung bei Dingen, wo er meinen Rat braucht. Das habe ich ihm zugesagt. Ansonsten werde ich alles, was beim ASV passiert, im Hintergrund beobachten, werde auch bei den Spielen dabei sein, dann aber in der Halle brav neben meiner Frau auf der Tribüne sitzen. Zumal ich dann endlich auch mal laut auf die Schiedsrichter schimpfen kann, was ich bis jetzt nicht durfte.
Gemeinsam schafften sie de Weg von der Oberliga bis in die 1. Bundesliga: Franz Dressel und Trainer Kay Rothenpieler.

Das könnte Sie auch interessieren

Kommentare

Unsere Kommentarfunktion wird über den Anbieter DISQUS gesteuert.

Hinweise zum Kommentieren: Auf wa.de können Sie Ihre Meinung zu einem Artikel äußern. Im Interesse aller Nutzer behält sich die Redaktion vor, Beiträge zu prüfen und gegebenenfalls abzulehnen. Halten Sie sich beim Kommentieren bitte an unsere Richtlinien: Bleiben Sie fair und sachlich - keine Beleidigungen, keine rassistischen, rufschädigenden und gegen die guten Sitten verstoßenden Beiträge. Kommentare, die gegen diese Regeln verstoßen, werden von der Redaktion kommentarlos gelöscht. Bitte halten Sie sich bei Ihren Beiträgen an das Thema des Artikels. Lesen Sie hier unsere kompletten Nutzungsbedingungen.


Bitte beachten Sie: Die Kommentarfunktion unter einem Artikel wird automatisch nach drei Tagen geschlossen.

Netiquette
Hinweis: Kommentieren Sie fair und sachlich! Rassistische, pornografische, menschenverachtende, beleidigende oder gegen die guten Sitten verstoßende Äußerungen sind verboten und werden gelöscht.

Kommentare