Fußball-Oberliga

Polizei über die HSV: "Das ist Kindergarten!"

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Lippstädter Fans bekundeten ihren Unmut über den rechten Block.

In der Aufarbeitung der Vorfälle beim Auswärtsspiel der Fußball-Oberliga beim SV Lippstadt 08, als Rechtsradikale aus dem Gästeblock die Partie als Bühne benutzten und im von Anhängern organisierten Bus der Hammer SpVg an- und abreisten, verstricken sich die Verantwortlichen der HSV in Widersprüche.

Hamm - Insbesondere das Handeln der Offiziellen um Abteilungsleiter Dirk Blumenkemper, Pressesprecher Ulli Gruszka und Marketingleiter Benjamin Doll, die zusammen mit den Rechtsradikalen im Bus saßen, wirft viele Ungereimtheiten auf.

In einer Stellungnahme der HSV, die der WA am Dienstag in Auszügen veröffentlichte, hatten die Verantwortlichen aus dem Hammer Osten erklärt, dass sie schon kurz nach dem Zustieg des rechten Blocks in Dolberg mit der Einsatzleitung der Polizei in Kontakt getreten seien: „Als wir die Situation dann während der Anfahrt neu bewerten mussten, haben wir die Einsatzleitung der Polizei in Lippstadt unverzüglich darüber informiert. Auch während des Spiels standen wir in ständigem Kontakt mit den Beamten und dem örtlichen Sicherheitspersonal. Für die gelungene Zusammenarbeit hat uns die Einsatzleitung nach dem Spiel ausdrücklich gedankt.“

So äußert sich die Polizei

Dieser Darstellung widerspricht Frank Meiske, Pressesprecher der Kreispolizeibehörde Soest. „Es gab nur Kontakt zum Busfahrer, um das Fahrzeug ab der Soester Kreisgrenze zu begleiten. Infos über den Halt und die Angehörigen der rechten Szene hat die Polizei während der Anfahrt nicht bekommen. Diese Information wäre entscheidend gewesen“, so Meiske, der die HSV für das Vorgehen in der Aufarbeitung heftig kritisiert: „Das ist Kindergarten, jetzt auf die Polizei zu verweisen.“

Auf WA-Nachfrage stellt Blumenkemper das Vorgehen inzwischen anders da, als es zunächst in der HSV-Stellungnahme den Anschein machte. Er habe lediglich SV-Sicherheitschef Manfred Räker telefonisch über die neue Situation nach dem Halt in Dolberg informiert, so Blumenkemper am Donnerstag. Auch diese Version ist widersprüchlich. Räker erklärt, wie bereits am Tag nach dem Spiel, dass er nur nach der Abfahrt in Hamm mit Blumenkemper Kontakt hatte und über den verspäteten Start informiert wurde. „Von den rechten Fans haben wir von der HSV nichts erfahren. Die Polizei hatte aber kurz vor der Ankunft des Busses Kenntnis über den Halt“, erklärt Räker. 

Dann will sich die HSV erklären

Laut dem Lippstädter Dienststellenleiter Wulf Klinge kam die Information aus der Bevölkerung und erreichte so auch die Einsatzleitung der Polizei. Auch auf mehrfache Nachfrage kann bis heute niemand konkret sagen, wen er bei der Polizei informiert hat, wie am Montag offiziell behauptet. Und die Polizei sagt, sie sei nicht informiert worden. Trotz der Widersprüche über die Kommunikation mit der Polizei und dem SV Lippstadt wollen sich die Offiziellen der Fußballabteilung erst wieder zu Wort melden, wenn alle internen Vorgänge der Aufarbeitung abgeschlossen sind und entsprechende Gespräche mit dem Hauptvorstand geführt wurden. 

Nach WA-Informationen gab es bereits am Mittwoch ein Treffen mit Vize-Präsident Dennis Kocker. Nachdem Präsident Jürgen Graef heute aus dem Urlaub zurückkehrt, soll am Sonntag um 12 Uhr im HSV-Casino ein weiteres Gespräch stattfinden, wo über Konsequenzen entschieden wird. Noch immer ist offiziell nicht bekannt, wer für die Buchung des Busses beim Reiseunternehmen Nies aus Lünen verantwortlich war und wem die Telefonnummer gehört, die die HSV im Vorbericht zum Spiel in Lippstadt auf der eigenen Internetseite veröffentlichte.

Politik schaltet sich ein

Dort hatte der Verein die Anreise per Bus genauso wie auf Facebook beworben. Wie Gruszka an die Nummer kam, ist ebenfalls nicht bekannt. Derweil wird die Kritik der lokalen Politik lauter. Ulrich Kroker, Mitglied am Runden Tisch gegen Rassismus und Gewalt, kritisiert die Vorbereitung der HSV auf das Risikospiel in Lippstadt und die Kommunikation innerhalb des Vorstandes und der Fußballabteilung: „Es ist eigentlich nicht erklärlich, dass der HSV-Vorstand nach den Vorfällen in Lippstadt im Frühjahr dieses Jahres erneut rechte Ausschreitungen und Pöbeleien im eigenen ,Fanblock’ nicht wirksam unterbinden konnte.“ 

Kroker stellt sich die Frage, inwieweit Ansätze aus dem „Handlungskonzepts gegen gruppenbezogene Menschenfeindlichkeit“ in die Tat umgesetzt wurden. Schließlich gebe es eine enge Verzahnung von Politik, Stadtsportbund und Sportvereinen. Im Februar hatte der Verein konkrete Schritte zur Prävention angekündigt, die aber offenbar keine Früchte trugen. Am Freitag gab es im Vorfeld der nächsten Auswärtsbegegnung der HSV am Sonntag beim FC Brünninghausen (15 Uhr/Am Hombruchsfeld) auf Anregung der Hammer Polizei ein Gespräch mit den örtlichen Ordnungshütern. 

Inhalt waren mögliche Maßnahmen, um Vorfälle wie in Lippstadt in Zukunft zu verhindern. Welche Möglichkeiten diskutiert wurden, sei „noch nicht spruchreif“, so Gruszka. Mit Brünninghausen werde sich die Abteilungsleitung austauschen und auf die Thematik hinweisen. Konkrete eigene Maßnahmen gebe es aber nicht. „Schließlich ist es ein Auswärtsspiel. Der Ball liegt beim FC Brünninghausen“, so Gruszka lapidar. 

Sponsor will sich zurückziehen

Unterdessen liegen dem WA Informationen vor, dass es schon beim Heimauftritt vor zwei Wochen gegen den SC Hassel zu ausländerfeindlichen Kommentaren aus dem Fanblock der HSV kam. Gegnerische Spieler wurden wiederholt als „Zigeuner“ diffamiert. Aufgrund dieser Vorfälle und den Ereignissen in Lippstadt erwägt ein Sponsor der Elf aus dem Hammer Osten, seine Unterstützung einzustellen. Spätestens am Dienstag müssen sich die HSV-Verantwortlichen den eigenen Mitgliedern erklären. Denn dann findet die Abteilungsversammlung statt, auf der turnusmäßig die Wahlen des Vorstands, der Geschäftsführung und des Medienbeauftragten anstehen. 

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