Interview mit ASV-Handballer

Schneider nach Krebs-OP: "Ich wollte kein Mitleid"

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HAMM - Rund zweieinhalb Wochen ist es her, dass Sebastian Schneider die Diagnose erhielt: Hodenkrebs. Mittlerweile ist der 28-jährige Halblinke des Handball-Zweitligisten ASV Hamm-Westfalen operiert, hat den Befund – und blickte in einem Gespräch mit Frank Heidenreich sehr zuversichtlich nach vorne.

Herr Schneider, beim Spiel des ASV gegen Hildesheim werden sie erstmals seit der Operation wieder in der Halle sein. Mit besonderen Gefühlen, oder?

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Schneider: Diagnose Hodenkrebs

Sebastian Schneider: Da werde ich bestimmt eine ziemliche Gänsehaut haben. Ich habe schon mal darüber nachgedacht, wie es wohl sein wird, aber so richtig registrieren werde ich das Ganze wohl erst, wenn ich da bin. Ich habe in den vergangenen Tagen viel Mut zugesprochen bekommen, das wird wohl in der Halle auch so sein, denke ich.

Als Sie die Diagnose erhielten...

Schneider: ...war das ein Riesen-Schock. Als ich bemerkt habe, dass da etwas nicht in Ordnung ist, habe ich ja nicht gleich an das Schlimmste gedacht. Ich bin zu Dr. Schlummer (ASV-Mannschaftsarzt, Anm. d. Red.) gegangen, der hat mich sofort zum Urologen geschickt. Und von da aus ging es weiter ins St.-Josefs-Krankenhaus in Bockum-Hövel, wo ich am nächsten Tag knapp anderthalb Stunden lang operiert worden bin. Ich hatte gar nicht viel Zeit zum Überlegen. Zwei Tage später war ich schon wieder raus aus dem Krankenhaus.

Die Diagnose war also von Beginn an eindeutig?

Sebastian Schneider während des Interviews.

Schneider: Ja. Man hat mir gesagt, ich sei ein Musterpatient, denn viel früher hätte man es kaum erkennen können. Aber als Sportler kennt man irgendwie seinen Körper, wenn irgendwas nicht normal ist, wird man sofort hellhörig. Und als Mann sollte man sich ja sowieso öfter kontrollieren. Ich glaube, die ganze Mannschaft hat das noch am gleichen Tag oder direkt am nächsten gemacht, als sie davon gehört hat. Dennoch: Mit so was rechnet man nicht. Aber als mir dann erklärt wurde, dass die Heilungschancen bei 95 Prozent liegen, habe ich gesagt: Gut, jetzt siehst du alles positiv. Früher hätte mich das etwas mehr aus der Bahn geworfen, und am Anfang hatte ich auch daran zu knabbern. Aber ich habe schnell entschieden: Es gibt nichts zu jammern.

Allerdings dürfte die Zeit zwischen der Operation und dem endgültigen Befund ziemlich schwierig gewesen sein, oder?

Schneider: Das war die schlimmste Zeit. Freitags kam ich aus dem Krankenhaus, ich musste bis zum darauf folgenden Donnerstag warten, bis der Bericht da war und die Nachbesprechung stattfand. Es war echt die Hölle. Das Warten wurde mit jedem Tag schlimmer. In der Phase musste ich zweimal am Tag mein Handy aufladen, weil mich so viele Leute angerufen haben.

Wie fiel der Befund denn letztlich aus?

Schneider: Wenn man so will, habe ich die etwas „bessere“ von zwei möglichen Varian-ten des Tumors abbekommen. Der war bei mir ungefähr einen Zentimeter groß und hatte zum Glück nicht gestreut. Deshalb bleibt mir auch eine Chemotherapie erspart. Es geht jetzt nach der „Wait-and-see-Strategie“ weiter, ich muss alle drei Monate zur Kontrolle.

Sie haben sich frühzeitig dazu entschieden, sehr offen mit der Krankheit umzugehen. Warum?

Schneider: Ich wollte kein Mitleid. Ich wollte es einfach öffentlich machen. Auch, um klar zu machen, dass es jeden treffen kann. Es gibt ja einige prominente Beispiele für Sportler, die an Hodenkrebs erkrankt waren, wie Bjarte Myrhol von den Rhein-Necker Löwen oder Lance Armstrong (ehemaliger, mittlerweile des Dopings überführter Radprofi, Anm. d. Red.). Und es ist doch auch so: Wenn ich auf einmal zwei oder drei Wochen nicht spiele, dann werden schnell die wildesten Gerüchte gestreut.

Die Anteilnahme war sicherlich groß, oder?

Schneider: Ich habe unheimlich viel Mut zugesprochen bekommen. Per Telefon, Mail oder bei Facebook – es haben sich so viele gemeldet, das war unglaublich. Auch Leute, von denen ich ewig nichts gehört habe. Ich hatte ja das Glück, schon bei ein paar Vereinen Handball spielen zu dürfen. Und in solchen Situationen merkt man dann, dass man nicht nur ein Mannschaftskollege war, sondern etwas mehr. Das ist ein sehr schönes Gefühl. Aus Bietigheim haben mir die Jungs zum Beispiel am Wochenende zwei T-Shirts mitgebracht, auf denen alle Spieler unterschrieben haben.

Wann können Sie denn wieder Handball spielen?

Schneider: Ich fühle noch ein bisschen schlapp. Aber im Moment ist es so, dass mich eigentlich nur der Leistenschnitt, der für die Operation notwendig war, außer Gefecht setzt. Vielleicht fange ich nächste Woche wieder an, etwas Fahrrad zu fahren und ein wenig Krafttraining zu machen. Ich möchte in dieser Saison auf jeden Fall noch spielen, das ist das, was ich am besten kann. Und es ist ja ganz günstig, dass ich keine Chemotherapie bekomme.

Das klingt sehr positiv.

Schneider: Ja. Aber ich schaue nur von Woche zu Woche, auch wenn es ärgerlich ist, dass ich schon so lange außer Gefecht bin durch meinen Wadenbeinbruch vorher. Ich hatte eigentlich gedacht: Unter 2013 kannst du einen Haken machen, das war ein Scheißjahr. Jetzt war Anfang 2014 auch nicht besser. Aber vielleicht muss man manchmal durch ein kleines Tal gehen, um anschließend voll durchstarten zu können. Ich mache mir keinen Riesenkopf und setzte mich überhaupt nicht unter Druck. Das habe ich früher oft genug gemacht, jetzt sehe ich alles etwas anders. Man sollte jeden Tag etwas mehr nutzen und öfter auf seinen Körper hören.

Schneider im Video-Gespräch bei der Lippewelle:

Stichwort Hodenkrebs:

Als Hodenkrebs oder auch Hodenkarzinom wird ein bösartiger Hodentumor bezeichnet, der vor allem junge Männer in der Altersgruppe von 20 bis 40 Jahren befällt. Er wird meist durch Selbstabtastung entdeckt.

Im Vergleich zu anderen Krebserkrankungen ist der Hodenkrebs eher selten. Er macht nur etwa ein bis zwei Prozent aller bösartigen Tumore aus. In den Altersklassen der zwei- bis vier- sowie 15- bis 19-jährigen Jungen ist es aber der häufigste Krebs. Im Durchschnitt erkranken acht bis zehn von 100.000 Männern. In Deutschland werden jährlich etwa 4000 Diagnosen gestellt, rund 150 Männer versterben an der Erkrankung.

Klassisches Leitsymptom des Hodentumors ist die schmerzlose Größenzunahme des Hodens mit einer tastbaren Knotenbildung innerhalb des Hodens. Jede Vergrößerung des Hodens ist tumorverdächtig und muss ärztlich untersucht werden. (Quelle: Wikipedia)

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