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Mit Katar-Frust für Amateure werben

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Von: Günter Thomas

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Schon beim Kreisliga-Spitzenspiel zwischen dem SVF Herringen und Eintracht Werne startete Ralf Jägermann mit seinem Banner die Aktion „Football stays at home – Contra Qatar WC – Pro local Heroes“.
Schon beim Kreisliga-Spitzenspiel zwischen dem SVF Herringen und Eintracht Werne startete Ralf Jägermann mit seinem Banner die Aktion „Football stays at home – Contra Qatar WC – Pro local Heroes“. © szkudlarek

Den Frust über die WM-Vergabe der Fifa an Katar wandelt Ralf Jägermann, Fußball-Fan aus Hamm, jetzt um. Er wirbt auf den Plätzen mit einem Banner für die heimischen Amateure.

Hamm – In wenigen Tagen werden die besten Fußballer der Welt in der Wüste Katars ein Turnier spielen (20. November bis 18. Dezember), für das die Fußballfachmagazine im Vorfeld Sonderhefte erstellt haben, die den Fans für ein paar Wochen zur Bibel werden. Auf einen Käufer müssen die Verlage in diesem Jahr allerdings verzichten: Der Hammer Ralf Jägermann hat beschlossen, nicht mitzumachen beim WM-Millionenspiel. Was verwundert, denn der Stadionsprecher von Westfalia Rhynern ist als ein dem Kicken innig verbundener Anhänger bekannt.

„Jeder Fußballfan freut sich normalerweise auf eine Weltmeisterschaft – ich seit 1970 wie Bolle“, sagt er. „Dieses Mal habe ich festgestellt: Da ist nichts. Selbst, als das Sonderheft der ‘11Freunde‘ rauskam, das ich normalerweise verspeise. Uninteressant.“

Dem Unmut Luft verschaffen

Der Grund ist hinreichend in der Berichterstattung von Funk, Presse und Fernsehen über das Ausrichterland breitgetreten: „Die Themen hat ja jeder mittlerweile drauf“, sagt Jägermann. „Nachhaltigkeit, Sklavenarbeit, Frauen- und Minderheitsrechte, Klima und so weiter. Dazu die Vergabe der WM durch die Fifa – damit kann sich ja niemand identifizieren.“

Während es andere bei solchen Worten belassen, geht Jägermann weiter. Er ließ ein Banner erstellen, mit dem er nun durch die Hammer Fußballstadien ziehen will, um seinem Unmut Luft zu verschaffen. Aufschrift: „Football stays at home – Contra Qatar WC – Pro local Heroes“. „Nach dem ganzen Katar-Bashing möchte ich aber etwas Positives für den lokalen Fußball erreichen, der mir immer am Herzen gelegen hat“, geht es dem Hammer mit seiner Aktion gar nicht so sehr um den Protest gegen ein ohnehin nicht mehr abzuwendendes Turnier. „Ich möchte erreichen, dass die Leute ihre Couch verlassen und wieder zum lokalen Fußball gehen, Bratwurst essen und den Schweiß der Spieler riechen können. Wenn es dazu führt, dass sich der eine oder andere der Katar-Verweigerer ein lokales Spiel anguckt – das wäre super.“

Premiere in der Kreisliga

Zur Premiere seiner Aktion stand der Leiter des Bürgerbüros Rhynern 6000 Kilometer entfernt vom WM-Austragungsort beim SVF Herringen im Spitzenspiel der Fußball-Kreisliga A (1) gegen Eintracht Werne auf dem Platz, trank locker plauschend mit ein paar Freunden hinter der Gästetrainerbank ein Bier und ließ ab und zu einen Blick in Richtung Bande schweifen, wo sein Transparent angebracht, halb verdeckt von grölenden Gästefans für seine Sache Werbung machte.

Stadien „quer durch die Stadtbezirke“ will Jägermann bis zur Winterpause mit dem Banner besuchen. „Herringen war ein guter Anfang“, sagt er. „Samstag bin ich bei Rhynern gegen Bövinghausen. Mark und Heessen sind im Gespräch. Mich interessiert Lohauserholz, Damen-Fußball, oder zum Türkischen SC würde ich gerne gehen. Leider kann ich an so einem Wochenende nur maximal zwei Plätze bedienen.“

Zustimmung für die Aktion

In Herringen erhielt er schon einmal Zustimmung für seine Aktion. „Ihre Initiative ist klasse“, beantwortete Vorstandsmitglied Heiner Steinkuhle die WhatsApp-Anfrage Jägermanns, ob er sein Transparent aufhängen dürfe. „Wir unterstützen Sie sehr gerne.“

Zeit hat Jägermann genug: In zwei Wochen geht er in Rente, sein Engagement als Stadionsprecher des SV Westfalia Rhynern lässt er zurzeit aufgrund einer Mitte November anstehenden Augenoperation ruhen. Denn: „Wenn der Stadionsprecher die Nummer acht nicht von der neun unterscheiden kann, ist das nicht so doll...“

Nur seine Dauerkarte für Bundesligist Union Berlin wird er weiter nutzen – obwohl er eigentlich als BVB-Fan sozialisiert wurde. Dass es so kam, hat mit dem Mauerfall zu tun.

Fan von Union Berlin

Die Kurzform: „Wende 1990. Da kam es zufällig zur Städtepartnerschaft Hamm/Oranienburg“, erinnert sich der Hammer. „Erst sind wir mit einer Volleyball-Betriebssportgemeinschaft dahin gefahren, um regelmäßig von denen verkloppt zu werden. Dann sind wir Mitte der 90er mal in der Alten Försterei gelandet – da habe ich mich schockverliebt. Von der Stimmung her – das sind 100 Prozent Fußball- und keine Eventfans. Die gehen in fünf Jahren, wenn es mal wieder ein, zwei Klassen tiefer gehen sollte, immer noch dahin. Und wenn ich in meinen Sektor komme, heißt es immer nur: Da kommt der bekloppte 500-Kilometer-Mann.“

Seinen Beziehungen in den Osten der Republik verdankt er auch, dass seine Aktion nicht auf Hamm beschränkt bleibt. „Meine Kumpels im Osten, denen ich davon erzählt habe, kopieren das jetzt“, sagt er. „Das gleiche Transparent hängt ab nächster Woche in Kühlungsborn auf verschiedenen Plätzen.“

Dass er zu WM-Beginn noch schwach wird und mit Banner im Rücken auf dem Sofa Platz nimmt, um die WM doch zu gucken, glaubt er nicht. „Sonst trifft man sich mit Kumpels für ne Pizza. Das werde ich jetzt nicht machen“, sagt Jägermann, der nicht als Moralapostel daher kommen will. „In letzter Konsequenz, wenn ich irgendwo hinkomme und es läuft Fußball, dann ist das eben so. Ich habe auch null Probleme mit Leuten, die trotzdem gucken. Aber meine Augen-OP ist zwei Tage vor Turnierbeginn – wenn ich danach wieder gucken kann, ist das Turnier zwar noch dran – aber Deutschland vielleicht schon ausgeschieden.“

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