Handball

Michael Lerscht im Interview: So bereitet sich der neue Coach auf den ASV vor

Michael Lerscht gibt in der kommenden Saison beim ASV Hamm-Westfalen die Richtung vor.
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Michael Lerscht gibt in der kommenden Saison beim ASV Hamm-Westfalen die Richtung vor.

Seit Ende November steht fest, dass Michael Lerscht in der kommenden Saison Trainer des Handball-Zweitligisten ASV Hamm-Westfalen wird.

Hamm - Wie sich der neue Coach auf seine Aufgabe vorbereitet, wie er mit der Corona-Situation umgeht und wie er nach 16 Jahren den Abschied vom TuS Ferndorf empfindet, hat der 36-Jährige im Gespräch mit Günter Thomas verraten.

Wie viele Handball-Videos haben Sie sich während der Corona-Zeit bisher angesehen?

Tatsächlich gucke ich immer wieder Spiele von Hamm aus der Saison, schaue, ob sich das, was ich sehe, mit meinen Ansichten deckt. Das dient zur Vorbereitung auf den Job. Aber wahrscheinlich hätte ich auch viele Videos gesehen, wenn es nicht so gewesen wäre.

Welche Erkenntnisse haben Sie dabei gewonnen?

Da gibt es verschiedene Gedanken – wir werden zwar mehr zeitliche Ressourcen haben als sonst. Alles umzuschmeißen, ist aber gar nicht nötig. Hamm hat bis zum Ende der Hinserie eine sehr gute Runde gespielt. Da sind unheimlich viele Dinge, die gut ineinander greifen. Ich will mir ein Bild davon machen, wie hier genau gearbeitet wird, was ich in meine Arbeit einflechten kann. Ich habe mir die Spieler genauer angesehen, in Bezug darauf, wo ihre Stärken liegen. Da kann man sich ein gutes Bild machen, am Rechner.

Was macht ein Trainer sonst, wenn er nicht trainieren darf?

Es gibt ja die Planung im Hintergrund, wo man beteiligt ist. Für mich ist entscheidend, wie ich eine Vorbereitung plane. Ich habe Schablonen entwickelt, die man auf die zur Verfügung stehende Zeit legen kann. Im Moment soll die Saison Anfang Oktober beginnen. Dann ist für uns Start Ende Juli, Anfang August. Ansonsten habe ich viel Zeit für die Familie. Alle sind gesund, und ich habe viel Zeit für die beiden Töchter, die drei Jahre und neun Monate alt sind.

Der Abschied aus Ferndorf kam für Sie schneller als gedacht. Traurig?

Für mich ist das so ein zweischneidiges Schwert. Ich war 16 Jahre in Ferndorf, da ist die Wehmut schon da. Ich habe mich dann aber ganz bewusst für den ASV entschieden. Ich hätte die Saison gern zu Ende gespielt, gerade weil wir gut im Fluss waren. Genauso kribbelt es jetzt, neu anzufangen.

Spüren Sie denn den Handball-Entzug schon?

Jeder wünscht sich immer mehr Normalität zurück. Aber ich hoffe, dass das Licht am Ende des Tunnels jetzt zu sehen ist.

Der Kontaktsport ist Stand jetzt ab Anfang Juni möglich. Auf der anderen Seite beginnt im Handball jetzt eigentlich die Sommerpause. Werden Sie mit dem Team vorzeitig das Training aufnehmen?

Aktuell ist der Stand, dass vor Ende Juli nichts passiert. Um die Körper wieder hoch zu fahren, wäre es wünschenswert, eine Warm-up-Phase Anfang Juli zu haben – mit Blick auf Gelenke und Muskulatur. Denn in der neuen Saison kommt eine hohe Belastung auf die Athleten zu. Die Spiele werden in kürzerer Taktung stattfinden. Das muss mit viel Weitsicht vorbereitet werden. Da dürfen die Jungs nur langsam hoch fahren.

Sie sind ja bis zum Ende des Schuljahres noch als Lehrer tätig, haben da ebenfalls lange Zeit Ihren Beruf nicht ausüben können. Wie haben Sie die Zeit dort bisher erlebt?

Ich bin an der Gesamtschule in Gummersbach derzeit im Rahmen meiner halben Stelle zweimal in der Woche in den Fächern Sport und Mathematik im Präsenzunterricht. Normal ist auch da gerade nichts...

...zumal Sie ab dem Sommer erst einmal beurlaubt sind.

Ja, wir haben im Kollegium ein sehr gutes, freundschaftliches Verhältnis. Da ist es schon komisch, dass man die Leute nicht mehr so sieht. Ich bin im sechsten Schuljahr hier und aktuell Klassenlehrer in der siebten, die ab dieser Woche wieder kommt und die ich normal bis zur zehnten Klasse begleitet hätte. Aber ich habe es ja bewusst so gewählt, damit ich mich auf das Projekt in Hamm konzentrieren kann.

Hätten Sie sich im Nachhinein noch einmal für den Job des Vollzeit-Trainers entschieden, wenn Sie die Corona-Entwicklung hätten erahnen können?

Ja. Für mich ist das Projekt Hamm ein sehr reizvolles. Ich wollte das gerne machen. Im Beamtenverhältnis ist uns ja die Möglichkeit gegeben, einmal rauszukommen. Daher ist es die richtige Entscheidung und der richtige Verein. Davon bin ich überzeugt.

Wann ist der Umzug geplant?

Ich habe ja eine Wohnung in Hamm genommen, die ich normal im Juni bezogen hätte, weil im Vorfeld viele Einzelgespräche zu führen sind. Die Familie wird aber in Ferndorf bleiben – es sind ja nur 90 Minuten zur Westpress Arena.

Am 9. April hätte das Duell mit Ferndorf in Hamm stattgefunden. Sind Sie froh, dass Ihnen diese Partie erspart geblieben ist?

Nein, ich hätte das gerne gespielt. Ich bin ja im engen Austausch mit Franz Dressel, Thomas Lammers und Christof Reichenberger – und wir haben im Vorfeld schon ein bisschen gefrotzelt. Wir sind Sportler – alle wollten die Saison gerne zu Ende bringen.

Aufgrund des Abbruchs ist Ihnen ein feierlicher Abschied aus Ferndorf verwehrt geblieben.

So etwas relativiert sich in der Situation. Es gibt bedeutendere Schicksale, egal, ob Selbstständigkeiten in die Brüche gehen oder gesundheitliche Dinge. Da ist es nicht so wichtig, ob ein Michael Lerscht seinen Abschied bekommt.

Sie sind im regelmäßigen Austausch mit den Geschäftsführern Franz Dressel und Thomas Lammers. Was sind die wichtigsten Themen?

Alles mögliche querbeet. Wir haben die Vorbereitung zu planen. Ich bin auch mit Athletiktrainer Thomas Isdepski im Austausch. In Ferndorf kann ich die Spieler schon besser einschätzen. Hier bin ich auf Erfahrungswerte der hiesigen Trainer angewiesen. Ich habe auch in der Halle nachgeschaut, ob es da Dinge zu verändern gibt – nach meinem Goodwill.

Gibt es auch regelmäßigen Kontakt zu den Spielern?

Das habe ich bewusst noch nicht gemacht. Ich werde mich im Vorfeld mit den Jungs zusammensetzen. Zu Kapitän Jakob Schwabe habe ich Kontakt gehabt, der ja drei Tage interimsmäßig das Training übernommen hatte. Ansonsten möchte ich die Gespräche von Angesicht zu Angesicht führen und nichts über das Knie brechen.

Sie waren an der Kaderplanung beteiligt. Wie sehr entspricht dieses Team Ihren Wünschen?

Ich bin an den Verpflichtungen von Marian Orlowski und Jo Gerrit Genz beteiligt gewesen. Hamm hat ansonsten eine sehr gute Runde gespielt, der Kader steht sehr gut da. Aber ich habe schon Ideen, wie man Impulse geben kann.

Glauben Sie, dass die Saison im Oktober beginnen kann?

Ich hoffe es einfach. ich bin ja Mathe-Lehrer. Daher hole ich mir täglich die Zahlen vom RKI (Anm. d. Red.: Robert-Koch-Institut). Ich bin weder Arzt noch Virologe, wäre aber glücklich, wenn wir am 3./4. Oktober beginnen können. Dann wäre es realistisch, dass man die gesamte Runde durchkriegt. Ich kann verstehen, dass Angst vor einer zweiten Infektions-Welle herrscht. Für uns ist es aber wichtig, dass wir Klarheit haben. Doch es bleibt ein Blick in die Glaskugel.

Wie schätzen Sie den Re-Start der Fußball-Bundesliga ohne Zuschauer ein?

Ich habe mir Teile vom Bayern-Spiel in Berlin angeguckt, weil es in den Tag passte. Das war komisch. Medienspiele sind im Handball nicht realisierbar, weil den Vereinen zu viel wegbricht. Vor dem Lockdown hätten wir gegen Coburg gespielt – damals habe ich schon gesagt, dass ich es mir nicht vorstellen kann. Ansonsten bin ich kein wirklicher Fußball-Fan – aber es war interessant, das zu sehen.

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