1. wa.de
  2. Sport
  3. Hamm

Die guten Seelen von der Wielandstraße

Erstellt:

Von: Patrick Droste

Kommentare

Sie wohnen auf der Sportanlage: Marlies und Freddy Pickhinke fühlen sich beim TuS Wiescherhöfen an der Wielandstraße sehr wohl.
Sie wohnen auf der Sportanlage: Marlies und Freddy Pickhinke fühlen sich beim TuS Wiescherhöfen an der Wielandstraße sehr wohl. © Droste

Es war der 19. Mai 2001. Ein Tag, den Freddy Pickhinke und seine Frau Marlies, die in Wiescherhöfen und Pelkum alle nur Marle rufen, nie vergessen werden. Das hat mit natürlich mit Schalke 04, aber auch mit dem TuS Wiescherhöfen und dessen Platzanlage an der Wielandstraße zu tun.

Hamm – Ihr Lieblingsverein FC Schalke hatte an diesem für den königsblauen Traditionsklub so immens traurigen Datum auf dramatische Weise die Deutsche Meisterschaft verpasst und das Ehepaar Pickhinke musste die eine oder andere Träne vergießen. Zum anderen zogen die beiden, die vier Jahre zuvor geheiratet hatten, an diesem Tag mit Sohn Thorsten, den Marlies Pickhinke mit in die Ehe gebracht hatte, in ihr neues Zuhause ein – in die Hausmeisterwohnung des TuS Wiescherhöfen an der Wielandstraße.

„Wir waren mitten im Umzug, als Schalke für vier Minuten Meister war“, erinnert sich der mittlerweile 59-Jährige an diesen besonderen Tag, der ihn gleichermaßen traurig wie glücklich gemacht hat. Denn Freddy und Marlies Pickhinke haben nicht nur königsblau in ihrem Herzen, sondern auch das Grün des TuS Wiescherhöfen, leben und lieben den Verein aus dem Hammer Westen voller Leidenschaft und Hingabe.

„Es ist wunderbar, hier beim TuS zu wohnen.“

Dabei ist ihr Job, den sie für die kleinen und großen Fußballer verrichten, alles andere als einfach. „Es ist wunderbar, hier beim TuS zu wohnen. Wir möchten das nicht mehr missen“, sagt Freddy Pickhinke, während seine Frau hinzufügt: „Aber es ist auch anstrengend. Hier wird ja zum Beispiel andauernd geklingelt, weil jemand was vergessen oder eine Frage hat. Da kann es auch mal sein, dass einer im Schlüpper an der Tür steht und fragt, ob wir ein Handtuch für ihn hätten, er hätte keines dabei. Da muss man schon für gemacht sein, sonst geht das nicht. Hier ist eben ständig was los.“

Freddy Pickhinke war 1976 im Alter von 14 Jahren mit seinen Eltern, die in Wiescherhöfen eine Gastwirtschaft übernommen hatten, von Beckum in den Hammer Westen gezogen. Und da er vorher beim SV Neubeckum Fußball gespielt hatte, ging er fortan beim TuS seinem Lieblingshobby nach. Zuerst in der B-Jugend, später in der zweiten Mannschaft. „Zu mehr hat es nicht gereicht“, gibt er offen zu. Dafür gewann er in dieser Zeit aber Freunde fürs Leben. So geht er mit dieser Clique, zu der auch der frühere TuS-Vorsitzende Manfred Roland gehört, jetzt immer noch kegeln, unternimmt Radtouren oder trifft sich zum Klönen in geselliger Runde mit seinen Freunden aus der Jugendzeit.

Die guten Seelen des Vereins und selten mal der Buhmann

Aber Pickhinke engagierte sich auch schon früh anderweitig im TuS, trainierte Jugendteams, war 15 Jahre lang Schiedsrichter und fungierte als Geschäftsführer, Jugendleiter oder Obmann der Alt-Herren-Mannschaft. Als er 1991 mit Marlies Heinze, der Mutter des kurz vor Weihnachten in Wiescherhöfen entlassenen Trainers Thorsten zusammenkam und die beiden 2001 aus ihrer Wohnung in einem Hochhaus in Pelkum gemeinsam auf die Platzanlage des TuS zogen, waren sie endgültig nicht mehr aus dem Vereinsbild wegzudenken.
Sie sind die guten Seelen des TuS, es gehört aber auch zu ihren Aufgaben, für Ordnung auf und neben den beiden Plätzen an der Wielandstraße zu sorgen. „Manchmal bin ich auch schon mal der Böse oder der Buhmann, wenn ich hier die Jungs von der Anlage verscheuche, wenn sie über die Zäune klettern und außerhalb der Trainingszeiten hier Fußball spielen“, sagt Freddy Pickhinke mit einem Augenzwinkern. „Aber wenn ich komme, dann flitzen die immer schon los.“

Montags ist Waschtag

Außerdem reinigen sie jeden Abend nach dem Training oder nach den Spiele die Kabinen, Duschen sowie Toiletten und waschen die Trikots der fünf Seniorenmannschaften. „Das sind jedes Mal zwei Maschinen“, sagt Marlies Pickhinke, die dies immer montags erledigt. „Das ist unser Waschtag. Abends will ich damit fertig sein, da sollen alle Trikots wieder in den Taschen liegen.“ Hinzu kommen noch nach jeder Einheit die Trainingsbekleidung des Landesliga-Teams. „Wir haben hier immer was zu tun“, merkt sie an.

Als sich Marlies Pickhinke, die sogar mal für zehn Jahre nebenbei auch noch das Vereinsheim gepachtet hatte, vor einigen Wochen einer Knieoperation unterziehen und anschließend in die Reha musste, musste ihr Mann, der als Fahrer eines Getränkehandels sein Geld verdient, die Wäsche der Trikots ganz alleine übernehmen.

Alle Emotionen von purer Freude bis heftiger Wut

Und natürlich bekommen sie alle möglichen Emotionen mit, die nach einem Fußballspiel dazu gehören. So wird vor den Kabinen, die direkt neben der Hausmeisterwohnung liegen, oft genug geschimpft, gemeckert und nach einer Niederlage auch schon mal randaliert oder eine Tür eingetreten. „Manche Teams haben die Kabine so verdreckt hinterlassen, dass wir davon Fotos gemacht und an den Vorstand geschickt haben, der das dann mit dem jeweiligen Verein geklärt hat. Und je höherklassig eine Mannschaft spielt, umso schlechter benehmen sich die Spieler“, sagt Marlies Pickhinke.

Genauso oft bekommen sie aber ausgelassene Freudentänze oder Jubelschreie von überglücklichen Fußballern mit, wenn diese gerade ein Spiel gewonnen haben. „Wir sind nachts auch schon mal wach geworden, weil eine Mannschaft in der Kabine so lange gefeiert hat“, sagt sie. „Hier erlebt man einfach eine Menge. Aber wir wollen uns nicht beschweren. Es ist alles super familiär hier. Wir sind doch hier beide groß geworden.“

Und sie möchten dort auch weiter alt werden. Denn ein Leben ohne den TuS können sie sich nur schwer vorstellen. Während der beiden Corona-Lockdown-Zeiten in diesem und im vergangenen Jahr, als der Spiel- und Trainingsbetrieb eingestellt waren, hatten sie schon erleben müssen, wie es ohne Fußball direkt vor ihrer Haustür ist. „Ich habe da manchmal aus Langeweile, weil es nichts anderes zu tun gab, drei Stunden lang das Unkraut gezupft“, verrät Freddy Pickhinke und möchte sich so eine Untätigkeit nicht noch einmal vorstellen.

Besondere Fälle

„Besondere Fälle“ heißt die neue Serie, in der wir außergewöhnliche Spieler, verrückte Kicker, Stimmungskanonen, Kümmerer oder treue Seelen vorstellen, die in den Hammer Klubs auf und neben dem Platz wirken.

Folge 1: Erol Akyüz (TSC Hamm)

Folge 2: Michael Schäfers (Westfalia Rhynern)

Folge 3: Marlies und Freddy Pickhinke (TuS Wiescherhöfen)

Auch interessant

Kommentare