Hausbesuche

Marco Liedtke sieht im Trainerjob beim TuS Lohauserholz den perfekten Ausgleich

Marco Liedtke im heimischen Garten. Seit dieser Saison trainiert der 51-Jährige den TuS Germania Lohauserholz.
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Marco Liedtke im heimischen Garten. Seit dieser Saison trainiert der 51-Jährige den TuS Germania Lohauserholz.

Hausbesuche heißt die neue Serie im Lokalsport. Wir besuchen die Fußball-Trainer von der Kreisliga A bis zur Oberliga zuhause und reden mit ihnen über alltägliche Dinge. Diesmal: Marco Liedtke vom TuS Germania Lohauserholz.

Hamm - Der Fußball, so gibt Marco Liedtke ganz offen zu, ist für ihn der perfekte Ausgleich. Die optimale Möglichkeit, um den Kopf frei zu bekommen und auf andere Gedanken zu kommen.

Denn in der Arbeitswelt beschäftigt sich der 51-Jährige, der seit dieser Saison als Nachfolger von Thorsten Skerra und Jörg Fíebig die sportlichen Geschicke beim Fußball-Bezirksligisten TuS Germania Lohauserholz leitet, mit Mikro-Chips. Er ist seit 21 Jahren in Dortmund als Entwicklungsingenieur im Bereich Elektrotechnik tätig und Leiter eines zwölfköpfigen Entwicklungsteams, das sich hinsichtlich der funktionalen Sicherheit um die optimale Auslösung eines Auto-Airbags kümmert. „Zuerst hatte ich Lohauserholz ja abgesagt. Denn ich dachte nicht, dass ich das Traineramt mit meinem Job unter einen Hut bekomme. Aber ich habe dann festgestellt, dass es geht und merke jetzt, wie gut mir das tut und wie viel Freude mir das bereitet“, sagt Liedtke, wobei er sich zwischenzeitlich am liebsten schon mal vor seinem Team versteckt hätte.

Der neue Vorsinger beim Teamabend

Denn am Teamabend mussten alle Neulinge – so wie es bei zahlreichen Profiteams mittlerweile auch üblich ist – vor versammelter Mannschaft ein Lied singen. Und darauf hatte er überhaupt keine Lust, war, als dieses Ritual anstand, „rein zufällig“ nach draußen gegangen, um eine Zigarette zu rauchen. Als er dann aber wieder ins Vereinsheim des TuS hineinkam, gab es kein Entrinnen: „Die Jungs hatten diesbezüglich leider ein sehr gutes Gedächtnis.“ Zuerst hatte Liedtke an „Don‘t stop believin‘“ von Journey oder „Sound of silence“ von Disturbed gedacht, entschied sich dann aber für die Stadionhymne „You‘ll never walk alone“. „Da können alle besser mitgröhlen“, sagt Liedkte. „Ich habe mich dann mal kurz zum Deppen gemacht. Aber so etwas gehört dazu. Und irgendwie war es ja auch witzig.“

Außerdem war es das Signal, dass er beim TuS angekommen ist und nun dazu gehört. Denn nach der langen Zeit, die seine beiden Vorgänger im Amt waren, sind es große Fußstapfen, die er ausfüllen muss. Doch Liedtke fühlt sich gut aufgenommen und hat den Schritt, in Lohauserholz zuzusagen, bislang nicht bereut. Denn anders als zuvor beim A-Kreisligisten Hammer SC, wo er von 2015 bis Frühjahr 2018 als Trainer tätig war, ist die erste Mannschaft des TuS das Aushängeschild des Vereins. Entsprechend groß sind die Aufmerksamkeit und die Unterstützung, die dem Team entgegengebracht werden. „In Lohauserholz hat die erste Mannschaft einen hohen Stellenwert, da wird viel für unser Bezirksliga-Team getan. Wir haben mit Chrissie Skorupinksi sogar eine eigene Physiotherapeutin, die sehr viel Zeit für uns opfert“, sagt Liedtke. Und auch die Arbeit mit der Mannschaft bereitet ihm viel Freude, wobei er noch viel Luft nach oben entdeckt hat: „Das ist eine charakterstarke Truppe. Aber die Jungs sind noch viel zu ruhig. Und es fehlt uns noch eine absolute Leitfigur.“

Fast in die Verbandsliga aufgestiegen

Das Fußballspielen hatte der Fan des Bundesligisten 1. FC Köln in jungen Jahren beim Herringer SV gelernt, im Seniorenbereich war er unter anderem für die Hammer SpVg und den damaligen SVA Bockum-Hövel, mit dem er fast sogar in die Verbandsliga aufgestiegen wäre, aktiv. Mit beiden Stationen verbindet er jetzt noch viele schöne Erinnerungen. „Anita und Erwin Klapphecke sind absolute Identifikationsfiguren in Bockum-Hövel gewesen und sind es noch heute. Ich habe sie letztens beim Turnier in Werne wiedergetroffen. Da hatte ich das Gefühl, als hätte ich mich erst gestern vom SVA verabschiedet. Da sieht man, wie Fußball auch über Jahre verbindet“, sagt Liedtke, der seine Laufbahn wegen einer Knieverletzung mit 28 Jahren beenden musste.

Aber bis dahin war der Fußball der absolute Mittelpunkt seines Lebens. So verbrachte er als Kind und Jugendlicher jede freie Minute auf dem Bolzplatz und eignete sich da im täglichen Spiel mit den Freunden die wichtigen Grundeigenschaften des Fußballspiels an. „Diese Basics, die wir früher automatisch mitbrachten, fehlen den Jungs doch heute“, hat er festgestellt. „Die muss man jetzt im Training umso mehr üben.“

Liedtke selbst ist bis heute nicht vom Kicken losgekommen, spielt noch bei den Alten Herren, so weit es die Zeit erlaubt. Und das macht er ausgerechnet beim Stadtrivalen der HSV, beim SV Westfalia Rhynern. „Aber ich war da ewig schon nicht mehr beim Training. Ich bekomme das zu selten hin“, sagt er und befürchtet, „dass es wohl auf eine passive Mitgliedschaft in Rhynern hinauslaufen wird.“

Durch Sohn Julian zum Trainerjob

Dass er mal selbst Trainer wird, hatte er eigentlich nie gedacht. Doch als sein Sohn Julian im Jahr 2000 begann, bei den Minis des Hammer SC als Torwart einzusteigen, war Marco Liedtke ein stetiger Begleiter seines Sprösslings, brachte ihn zum Training und schaute sich samstags die Spiele an. „Und dann kam es so, wie es kommen musste. Irgendwann wurde ich gefragt, ob ich nicht die Mannschaft trainieren würde“, erinnert er sich und stieg dann beim HSC als Jugendcoach ein. Sein Engagement endete aber, als sein Sohn Keeper der ersten Mannschaft unter Trainer Andre Budde wurde. Als Budde jedoch ausstieg, stieg Liedte wieder ein. Doch im Nachhinein muss er eingestehen, dass er die Konstellation mit seinem Sohn in seiner Mannschaft nicht optimal gelöst hat. „Ich habe da Fehler gemacht“, gesteht er ehrlich ein. „Entweder protegiert man seinen eigenen Sohn und macht ihn besser, als er ist. Oder man fordert zu viel von ihm und ist nie mit seinen Leistungen zufrieden.“

In Lohauserholz muss er mit diesem Problem nicht kämpfen, dort bestehen keine familiären Verbindungen zu einem Akteur. Und so genießt er am Hahnenbach seine Arbeit – und das im Vergleich zu seinen Zeiten als Kreisliga-Trainer gute Niveau der einzelnen Spieler. „Da sind die Grundlagen bei allen Spielern gelegt. Da kann man sich auf ganz andere Sache konzentrieren“, sagt er und freut sich zudem darüber, dass der Konkurrenzkampf in seiner Mannschaft so groß ist. Denn dadurch sei jeder Akteur gefordert, im Training Vollgas zu geben, sich einen Stammplatz zu erkämpfen und diesen dann auch zu verteidigen.

Wenn der Ärger mit nach Hause genommen wird...

So angetan er von der Trainingsbeteiligung und vom Engagement seiner Schützlinge ist, so sehr vermisst er es, dass die Spieler ihm gegenüber konstruktive Kritik äußern. „Da kommt zu wenig. Die Jungs sollen offen und ehrlich mir gegenüber sein, sie dürfen Vorschläge machen, wie ich Dinge verbessern kann. Ich bin ja nicht der große Dominator, der von oben alles vorschreibt, sondern ich will im Dialog sein“, stellt der Coach klar. „Natürlich habe ich klare Vorstellungen, wo wir hinwollen. Aber die Spieler sollen den Weg mitbestimmen, sollen sich einbringen. Vielleicht ist die Zeit auch noch zu kurz, die ich in Lohauserholz bin. Und die Jungs kennen mich noch nicht gut genug.“ Aber auch Liedtke selbst will an sich arbeiten.

Denn zu oft bringt er seinen Ärger oder Frust über Spiele oder Trainingseinheiten, die nicht nach seinem Wunsch verlaufen sind, mit nach Hause. Seine Frau Katja, Schwester des viel zu früh verstorbenen früheren HSV-Spielers Thomas Bittner, ist zwar von Kleinauf mit dem Fußball eng verbunden und bringt eine Menge Verständnis auf, dennoch ärgert sich Liedtke über sein langes Grübeln. „Ich kann nicht abschalten und brauche mindestens eine Nacht, um das zu verarbeiten. Ich schaffe es nicht, das am Platz zu lassen“, sagt er. Spätestens dann hat er aber auch gar keine Zeit mehr, über Fußball nachzudenken. Denn dann ist er wieder in der Welt der Elektrotechnik gefangen und gefordert.

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