1. wa.de
  2. Sport
  3. Hamm

Marcel Kirsch will lernen - und aus der Leidenschaft einen Beruf machen

Erstellt:

Von: Rainer Gudra

Kommentare

Marcel Kirsch (links) stellt bei den HammStars den Teamerfolg über die persönlichen Bilanzen.
Marcel Kirsch (links) stellt bei den HammStars den Teamerfolg über die persönlichen Bilanzen. © Rainer Gudra

Neun Spieltage sind Geschichte. 12:30 Einsatzminuten, drei Punkte und 2,7 Rebounds – ein ausbaufähiger Schnitt pro Partie, sagt Marcel Kirsch. Doch auf Statistiken schaut der junge Regionalliga-Center der HammStars nicht mehr so genau.

Hamm - „Daran“, sagt er, „bin ich in der Nachwuchs-Bundesliga kaputtgegangen.“ Kirsch stellt lieber den Teamerfolg über die persönlichen Bilanzen und setzt momentan auch andere Maßstäbe an – zum Beispiel in der persönlichen Entwicklung.

Trainer Ivan Rosic hält große Stücke auf seinen Neuzugang vom Nord-Klub VfL Stade, denn: „Er ist ein sehr reflektierter, sehr ehrgeiziger Junge und für sein Alter in vielen Dingen sehr reif. Wir sind glücklich, dass er bei uns ist.“ Seine Zeit als absoluter Leistungsträger im Hammer Team werde kommen: „Aber er braucht noch ein bisschen Geduld. Er ist in die stärkste Regionalliga Deutschlands gekommen, da fällt die Umstellung nicht leicht, um sich zurecht zu finden.“

Verlässliche Größe im Kader

Rosic möchte – auf der Suche nach Kontinuität in seinem Kader – gerne für längere Zeit etwas von seinem neuen Center haben. Zumindest bis 2024 soll der gerade 20-Jährige eine verlässliche Größe für die HammStars sein – und umgekehrt der Verein für Kirsch, der eine Ausbildung zum Sport- und Fitnesskaufmann beim Stadtsportbund (SSB) absolviert.

Am Anfang dieser Verbindung stand der Wunsch des Spielers, in Corona-Zeiten wieder näher an der Familie zu sein, die in Kürten in der Nähe von Bergisch-Gladbach wohnt, und näher an Freundin Larissa. „Sie wohnt noch in Zülpich, wird aber ab dem 1. August 2022 eine Ausbildung in Hamm machen.“ Auch das wird die Sportliche Leitung der HammStars mit Markus Schwennecker an der Spitze gerne hören.

Aufgeregt zum Vorstellungstermin

Es sei nicht „Vitamin B“ zu verdanken, dass er beim SSB untergekommen sei, stellt Kirsch klar. Es sei eine von mehreren Anlaufstellen gewesen, die ihm der Verein über seinen Agenten und Rosic-Freund Daniel Poerschke habe zukommen lassen. „Und wenn er in Hamm nichts bekommen hätte, hätte er auch nicht zu uns kommen können“, sagt sein Trainer. „Ich habe mich ganz normal dort beworben und bin auch ganz aufgeregt zum Vorstellungstermin gegangen“, erzählt Kirsch. „Die Chefin (Angelika Schulze, d. Red.) meinte hinterher, dass ich vor allem durch das Gespräch überzeugt habe. Das Schriftliche sei wohl nicht ganz so gut gewesen.“

Was auch immer den Ausschlag gegeben hat: Für Kirsch ist es die Basis für die weitere Laufbahn. „Ich hätte mega Bock drauf, wie Ivan die Mastertrainer-Lizenz zu machen. Und wenn es als Spieler nicht klappt, dann als Trainer oder Manager professionell vom Basketball zu leben“, sagt er. Nach der Ausbildung soll ein Studium im Bereich Sportmanagement folgen.

Zunächst aber fühlt er sich als Azubi beim Stadtsportbund bestens aufgehoben. Vor allem die Vielschichtigkeit gefällt ihm: „Zu meinen Aufgabenbereichen gehören die Aktion NRW kann schwimmen, die Arbeitsgemeinschaften wie zum Beispiel im Offenen Ganztag an der Realschule Mark, aber auch Buchführung.“ Und ihm gefällt das Arbeitsklima: „Das ist super. Alle nehmen Anteil an meinem Sport. Ich komme mit allen prima klar. Das ist hier wie eine kleine Familie, da kann ich mich echt nicht beschweren.“

In Oberaudorf Fußball gespielt

Auch bei den HammStars fühlt sich Kirsch gut aufgehoben und ebenfalls noch wie ein Azubi – auch, weil er nicht den klassischen Werdegang als Basketballer hatte. In Bayern aufgewachsen, spielte er in Oberaudorf – unmittelbar an der österreichischen Grenze gelegen – im Heimatverein von Bastian Schweinsteiger. „Aber eher auch nur, weil meine Freunde dort gespielt haben.“

Erst mit dem Wohnortwechsel ins Rheinland sei er zur Korbjagd gekommen. Ein Freund nahm ihn mit zum TV Bensberg – da war er bereits 15, spielte dort mit 17 Jahren in der „Ersten“ und fiel dabei den Scouts aus Leverkusen auf. In seinem letzten Jahr in der U19-Bundesliga war er bei Bayer 04 sogar Kapitän. Doch ihm wurde zum Verhängnis, was bei Basketballern eigentlich geschätzt wird: die Länge. „Als ich angefangen habe in Leverkusen zu spielen, war ich körperlich so dominant, dass ich nur auf der Fünf gespielt habe – und als klassischer Brettcenter nimmst du halt keine Würfe“, sagt der 2,05-Meter-Riese. „Ich habe nie wirklich die Mechaniken eines normalem Wurfs gelernt.“

60000 Würfe fehlen für die Mechanik

Weil ihm zudem die Zeit zwischen dem achten und dem 15. Lebensjahr in seiner basketballerischen Entwicklung fehlt, „fehlt mir auch das Grundgerüst, das ein Junge in der Zeit aufbaut, der einfach seine 60 000 Würfe bis dahin gemacht hat. Die Technik ist nicht da. Die kommt nur, wenn du täglich deine 300 bis 400 Würfe nimmst.“ Daran arbeitet Kirsch mit Hochdruck. „Ich habe dafür jetzt Markus (Schwennecker, d. Red.), der mir die Halle aufschließt. Dann stelle ich mich da rein und übe, übe, übe...“

Bis zu 15 Stunden Training pro Woche – darunter Laufen und drei Einheiten im Fitnessstudio morgens vor der Arbeit – das ist sein Pensum. Die Motivation, teilweise um vier Uhr in der Früh’ dafür aus dem Bett zu klettern, schöpft er aus diversen Podcasts seines 2020 gestorbenen Idols Kobe Bryant: „Ich nehme so viel Training mit, wie es eben geht. Jeden Tag, weil ich besser werden will.“

Lieber Power Forward als Center

Mit 118 Kilo sei er in Hamm angekommen, dank Fitnesstrainer Bernd Michalski und guter Ernährung sei er nun dem „Shape meines Lebens“, 105 Kilo vor dem Wechsel nach Stade, schon wieder sehr nahe. Wichtig für Kirsch, denn er möchte weg vom reinen Centerspiel auf die weit dynamischere Position des Power Forwards.

„Ich bin nicht superkrass mit tollen Dingen gesegnet, und wenn du die nicht hast, dann musst du viel an dir arbeiten“, sagt Kirsch, der zuletzt mit Mihail Tanev in Hamm in einer Wohngemeinschaft lebte und dessen Weggang zurück nach Bulgarien er sehr bedauert: „Er ist auch ein bisschen ein Vorbild. Ein Spieler, der sich selbst zurücknimmt und dir dann sagt, mach es so und so. Ein typischer Mentor.“

Eigenverantwortung gelernt

Eines habe er in Hamm gelernt: viel mehr Eigenverantwortung. Da sei ihm in Leverkusen und in Stade einiges abgenommen worden. „Hier gehört zum Beispiel auch Kochen für mich dazu. Ich achte darauf, nicht zu viele Nudeln oder Reis zu essen, mehr Gemüse oder Hähnchen. In Leverkusen hatte ich zweimal Training am Tag, da war letztlich egal, was ich esse.“

Immerhin habe er dort unter Anleitung eines Sportpsychologen gelernt, sich Ziele zu setzen. „Am Anfang will ja jeder in die NBA, aber das ist ja galaktisch weit weg. Dann lernst du, kleinteiliger zu denken und dir in einem vernünftigen Maß Ziele zu setzten.“ Das sei sehr wichtig für seine Zeit bei den HammStars, denn: „Ich muss mir jede Minute hart erkämpfen, wobei die, die du mehr spielst als erwartet, die schönsten sind. Diese Saison, das weiß ich, werde ich nicht so viele Minuten haben.“ Das habe sein Trainer offen kommuniziert. „Aber Ivan hat auch schon angekündigt, dass er im nächsten Sommer zusätzlich verstärkt individuell mit mir arbeiten will.“

Darauf freue er sich schon – und auf die spürbaren Fortschritte, die ihn für die Saison 2022/23 auf das nächste Level bringen sollen. Arbeiten also für den Traum, Basketball hochklassig zu erleben – erst auf dem Feld, später im Job. „Denn ich will nicht später irgendwann mal auf der Couch sitzen und meinen Kindern sagen: Wenn ich das damals so oder so gemacht hätte, wäre ich das und das geworden…“

Auch interessant

Kommentare