Reitsport

Von der Dressur bis zum Galoppsprung: Laura Hinkmann lebt ihren Traum

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Laura Hinkmann lebt, arbeitet und trainiert auf dem Reiterhof Frehe-Siermann in der Nähe von Osnabrück. 

Aus ihrer Reiterhose schlüpft Laura Hinkmann nur heraus, wenn sie es muss. Die 22-Jährige lebt, arbeitet und trainiert auf dem Reiterhof Frehe-Siermann in der Nähe von Osnabrück und träumt vom Nationenpreis.

Mettingen – Für viele junge Frauen im Alter von Laura Hinkmann ist es jeden Morgen eine schwerwiegende Entscheidung: Ziehe ich eine Hose an? Oder trage ich heute lieber ein Kleid oder einen Rock? Und wenn ja, welche Farbe, welchen Style, welches Muster?

Die 22-jährige Hammerin macht sich über die Wahl ihrer Kleidung allerdings weniger Gedanken. Sie streift nach dem Aufstehen fast jeden Tag eine Reiterhose über und schlüpft erst am frühen Abend in ein anderes Outfit. „Das ist meine Arbeitskleidung. Damit fühle ich mich glücklich“, sagt sie.

Auch an diesem Morgen, an dem die WA-Sportredaktion Laura Hinkmann auf dem Reiterhof in der Nähe von Osnabrück für mehrere Stunden begleiten darf, empfängt sie zusammen mit ihrem Lebensgefährten Marten Frehe-Siermann ihre Gäste in einer Reiterhose. Denn ihr Tag ist geprägt von einer überaus intensiven Arbeit mit Pferden.

Auf dem Reiterhof genießt Laura Hinkmann die tägliche Arbeit mit den Pferden und hofft, sich jeden Tag sportlich weiterzuentwickeln.


Sie reitet selbst, erteilt aber auch Unterricht. Jeden Tag sitzt sie auf bis zu zehn verschiedenen Pferden und trainiert mit ihnen von morgens 7 Uhr bis zum frühen Abend auf den zum Hof gehörenden Springplätzen. „Ich arbeite hier unter Profibedingungen und lebe jetzt meinen Traum“, sagt Hinkmann, die im Alter von neun Jahren ihr erstes eigenes Pony von ihren Eltern geschenkt bekommen hatte. „Ich habe mein großes Hobby, meine Leidenschaft mit dem Beruf kombiniert.“

Das Reiten gelernt hat sie als kleines Mädchen beim RV Rhynern. Über den Zuchthoff Sterthoff im Hammer Süden zog es sie, nachdem sie das Beisenkamp Gymnasium nach dem Fachabitur verlassen hatte, an das Landgestüt Warendorf, wo sie eine Ausbildung zur Pferdewirtin absolviert hat. „Das war wirklich eine schöne Zeit, für die ich mehr als dankbar bin. Aber dort war alles mehr auf die Zucht konzentriert“, erklärt die Hammerin, die vor eineinhalb Jahren in China Marten Frehe-Siermann kennen lernte.

Schon Erfahrungen in der Nationalmannschaft

Die Hammerin war in Peking als sogenannte Junge Reiterin Teil der deutschen Nationalmannschaft, während Frehe-Siermann in Fernost in die Organisation des Turniers eingebunden war. Die beiden verliebten sich, und im Oktober des vergangenen Jahres zog Hinkmann zu ihrem Freund nach Mettingen. „Für Laura ist es eine gute Möglichkeit, sich weiter zu entwickeln. Denn wir haben hier viele gute Pferde im Stall. Ihr stehen 20 verschiedenen Pferde zum Training zur Verfügung. Daher passt das sehr gut“, sagt Frehe-Siermann. Und Hinkmann fügt hinzu: „Ich möchte gerne versuchen, in den großen Springsport zu wachsen und auch selbstständig zu arbeiten.“ Beides ist auf dem Gehöft in dem kleinen Ortsteil Nordhausen gegeben.

So auch an diesem Vormittag. Als erstes ist Capri, ihr Lieblingspferd an der Reihe. Nachdem sie die zehnjährige Stute aus der Box geholt hat, steht Körperhygiene auf dem Programm. Das Pferd wird abgebürstet, damit Überreste vom Stroh oder Sand nicht unter dem Sattel scheuern. Anschließend säubert Hinkmann die Hufe von Capri, ehe sie aus der Sattelkammer den Sattel und die Trense holt.

Die geeignete Ausrüstung hat Laura Hinkmann parat.

Zum Schluss checkt sie die Gelenke von Capri und legt ihr zum Schutz an den Vorderbeinen noch Bandagen und an den Hinterbeinen Gamaschen an, bevor sie sich selbst vorbereitet: Sie schnallt die Sporen an die Stiefel, setzt ihren Helm auf und holt sich noch flugs einen Hocker, um in den Sattel zu kommen. „Den Hocker benutzt Laura nicht, weil sie das sonst nicht schaffen würde. Sondern weil durch das sanftere Aufsteigen der Rücken vom Pferd geschont wird“, erläutert Frehe-Siermann.

Da es an diesem Morgen regnet und windig ist, geht es nicht auf die Außenfläche, sondern in die Halle. „Das sind natürlich optimale Bedingungen hier für mich. Egal, wie das Wetter ist, wir können immer trainieren“, sagt Hinkmann, ehe sie von Frehe-Siermann die ersten Anweisungen erhält. Denn ihr Freund ist nicht nur ihr Lebenspartner, sondern auch ihr Trainer – eine Kombination, die bislang ganz hervorragend funktioniert.

So läuft das Training ab

In den ersten zehn Minuten reitet Hinkmann mit Capri nur im Schritt, ehe die sogenannte Lösungsphase ansteht, in der die Muskulatur des Pferdes gelockert wird. Nach ein paar Minuten im Trab und Galopp folgt ein gymnastizierendes Training mit Übergängen und fliegenden Wechseln. Anschließend legt der Coach Stangen auf den Boden, die Hinkmann mit Capri in einer bestimmten Anzahl an Galoppsprüngen zu überwinden hat. Zum Abschluss der Einheit stehen noch Sprünge in unterschiedlichen Kombinationen auf dem Programm. Mal sind es nur vier Galoppsprünge zwischen den Hindernissen, mal sollen Reiter und Pferd sechs oder gar sieben Galoppsprünge ausführen. „Die Grundlage für das Reiten zwischen den Sprüngen bezeichnen wir als Dressurarbeit. Das macht 80 Prozent des Trainings aus“, erklärt Frehe-Siermann.

Laura Hinkmann auf ihrem Lieblingspferd, das den namen "Capri" trägt.

Gekonnt und mit viel Freude absolviert Hinkmann all diese Aufgaben und versucht dabei auch immer wieder die Korrekturen und Anweisungen, die sie von ihrem Coach erhält, umzusetzen. Mal soll sie Capri gerader halten, mehr über den äußeren Zügel führen oder den Zirkel verkleinern. „Laura hat viel Talent“, lobt Frehe-Siermann seinen Schützling und hofft, dass der Weg von Hinkmann weiter nach oben geht und sie ihre starken Ergebnisse aus den vergangenen Jahren toppen kann.

So hatte sie sich 2019 über ein Sichtungsturnier in Balve für die U25-Tour qualifiziert und durfte beim CHIO in Aachen mit Cordynox starten. Beim „Goldenen Sattel“, ein von der deutschen Springreiter-Legende Hans-Günther Winkler ins Leben gerufenes Turnier für Junge Reiter in Leipzig, hatte sie 2018 mit ihrem Erfolgspferd Captain Jack Rang zwei belegt.

Hinkmanns Ziele sind zunächst kurzfristig

„Ich möchte in diesem Jahr noch mal bei der U25 Tour in Aachen starten und irgendwann bei der Deutschen Meisterschaft dabei sein“, sagt Hinkmann, die an weitere Ziele gar nicht zu denken wagt: „Natürlich ist es ein Traum, bei einem Nationenpreis zu starten. Aber da gehört dann ein richtig gutes Pferd dazu. Das ist für mich aktuell ganz weit weg“, sagt die Hammerin, wohl wissend, wie schwer es ist, in der deutschen Reitszene ganz vorne mitzumischen. „Dadurch, dass man diesen Sport so lange ausüben kann, ist die Konkurrenz einfach riesengroß“, betont Frehe-Siermann. „Die Dichte an guten Reitern ist enorm. Und man benötigt eben ein richtig gutes Pferd. So etwas ist ohne entsprechendes Sponsoring nicht möglich. Aber Laura hat noch viel Zeit. Die richtig guten Reiter sind mindestens 30 Jahre alt.“

Für die Trainingseinheiten bereitet Laura Hinkmann ihre Pferde immer gut vor.

Daher wollen die beiden einen Schritt nach dem anderen machen. Derzeit springt Hinkmann zum Beispiel über Hindernisse mit einer Maximalhöhe von 1,50 Metern. Bei den Weltcupspringen liegen die Stangen auf 1,60 m. Zudem muss die 22-Jährige, die gleichzeitig noch Pferdewirtschaftsmeisterin werden möchte, weitere Erfahrungen sammeln, auch wenn Frehe-Siermann jetzt schon in den höchsten Tönen von den reiterischen Fähigkeiten seiner Freundin schwärmt: „Mir ist sie das erste Mal beim Goldenen Sattel in Leipzig aufgefallen, als sie unglaublich viel Rhythmusgefühl im Sattel gezeigt hat. Sie hat viel Nervenstärke, eine tolle Wettkampfhärte und macht es den Pferden leicht, auch über die höheren Abmessungen zu springen. Und sie schafft es, dass die Pferde nicht nur Spaß am Springen haben, sondern für sie kämpfen. Das alles ist eine Gabe, die nicht jeder Reiter hat.“

Das alles erzählt Frehe-Siermann, während Hinkmann nach Beendigung des Trainings Capri absattelt, abbürstet und in die Box zurückführt. Beendet ist ihre Arbeit damit aber noch lange nicht. Auch an diesem Tag sind es wieder acht bis zehn Pferde, die sie reitet und mit denen sie trainiert. „Mit den jüngeren Pferden muss man die Abläufe üben, damit sie mehr Routine bekommen. Die älteren kennen ihren Job, die wissen, was zu tun ist. Die muss man nur fit halten“, erklärt Hinkmann, die auch jede Trainingseinheit dazu nutzt, selbst weitere Erfahrungen zu sammeln und sich zu verbessern. Dafür trägt sie von morgens bis abends ihre Reithose – und fühlt sich darin pudelwohl.

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