Fußball

Kehrt die Zeitstrafe zurück? Das sagen heimische Trainer und Verantwortliche

Zeitstrafen im Fußball? Im Hessener Amateurbereich haben die Schiedsrichter diese Möglichkeit jetzt wieder.
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Zeitstrafen im Fußball? Im Hessener Amateurbereich haben die Schiedsrichter diese Möglichkeit jetzt wieder.

Die Zeitstrafe ist zurück – zumindest in Hessen. Dort hatte der Fußballverband die Regel 30 Jahre nach ihrem Verschwinden zur neuen Saison als Pilotprojekt auf Kreisebene bei den Männern wieder eingeführt. 

Hamm - Verbandspräsident Stefan Reuß möchte so gegen „Gewalt auf den Sportplätzen“ vorgehen. „Im Laufe des Spiels passieren Aktionen, die zwar keine Rote Karte rechtfertigen, aber die es zu unterbinden gilt“, sagte Reuß auf fussball.de. Er geht von einer „beruhigenden Wirkung“ aus, wenn man „Spieler, von denen solche Aktionen ausgehen“, für eine gewisse Zeit aus dem Spiel nimmt.

Der frühere Schiedsrichter-Spitzenfunktionär und WM-Referee Hellmut Krug hatte am Sonntag in der Debatte um die Gelb-Rote Karte für Dortmunds Mahmoud Dahoud ebenfalls Zeitstrafen für ähnliche Fälle vorgeschlagen. „Mit einer Zeitstrafe wäre allen gedient, damit könnte man das rigoros eingrenzen“, sagte der 65-Jährige. „Damit gibt man den Schiedsrichtern ein Tool an die Hand, mit dem sie einen Spieler und sein Team umgehend und spürbar sanktionieren können, ohne mit einer potenziellen Gelb-Roten Karte allzu großen Einfluss aufs Spiel ausüben“, so Krug weiter. Das habe sich in vielen Sportarten bewährt.

Partien auf Verbandsniveau, Jugend- und Freundschaftsspiele sowie die Frauen sind in Hessen von der Regelung ausgenommen. Die Zehn-Minuten-Strafe soll die Gelb-Rote Karte ersetzen und nur ausgesprochen werden, wenn sich ein bereits verwarnter Spieler ein weiteres verwarnungswürdiges Vergehen zu Schulden kommen lässt. Ein Ersatz ist in den zehn Minuten nicht erlaubt.

Der Hessische Verband verspricht sich also mehr Ruhe auf dem Platz, doch was denken die Protagonisten im heimischen Fußball, die es betreffen würde, wenn die Zeitstrafe so in Westfalen eingeführt wird?

Torsten Perschke (Vorsitzender Kreisschiedsrichterausschuss): „Ich habe mich mit der Gelb-Rote-Karte eigentlich angefreundet. Mit der Zeitstrafe gab es das Problem, dass die leider früher zu Regelbeugungen genutzt wurde. Sie war für Fouls nicht vorgesehen, sondern nur für Unsportlichkeiten wie Kritik am Schiedsrichter oder Zeitspiel. Sie wurde dann aber oft für Fouls ausgesprochen, für die Gelb zu wenig, aber Rot zu viel gewesen wäre. Wenn der Schiedsrichter sich nicht traut eine Rote Karte zu verteilen, darf das nicht dazu führen, dass er eine Zeitstrafe gibt. Ich kann den Nutzen nicht erkennen. Ich bin so zufrieden wie es ist. Wenn man das einführt, muss man drüber nachdenken, wofür gibt es die Zeitstrafe und muss das genau präzisieren.“

Philipp Schimmler (Trainer TuS Germania Lohauserholz II): „Ich halte nicht viel von. Das sind immer so Ideen, die machen den Fußball – ich will nicht sagen – kaputt, aber nicht besser. In der Bundesliga gehören Gelb-Rote und Rote Karten ja auch dazu. Bei den Kiddies sehe ich das noch ein, dass es da vielleicht etwas bringt. Aber im Seniorenbereich denke ich nicht.“

Erdal Akyüz (Trainer TSC Hamm): „Das hatte ich das letzte Mal in der A-Jugend, aber im Großen und Ganzen kann ich mich da gar nicht dran erinnern. Im Endeffekt ist es für einen Spieler vielleicht die letzte Chance für einen Lerneffekt. Manchmal ist die zweite Gelbe Karte auch etwas überhart. So hat man die Chance, sich nochmal zu fangen. Ich finde es okay für den Spieler. Für den Gegner, der ein Foul hinnehmen muss, und dann kein Tor passiert, ist nach den zehn Minuten alles wieder so wie vorher. Diskussionen wird es aber auf jeden Fall geben. Die Frage ist, wo ist der Härtegrad, ab wann es die Zeitstrafe gibt? Da wird es Reibungspunkte geben.“

Andreas Reins (Co-Trainer TuS Wiescherhöfen II): „Ich finde das nicht schlecht. Ich kenne das noch von früher und kann mich daran erinnern. Man sieht sonst nach einer Gelben schnell auch mal eine Rote Karte und ist gesperrt. So können sich die Gemüter wieder beruhigen. Manchmal ist eine kurze Denkpause gar nicht so verkehrt.“

Orhan Secer (Trainer BV 09 Hamm): „Weil ich auch längere Zeit in der Jugend tätig war, kenne ich das. Da gab es aber nur fünf statt zehn Minuten. Es kann den Effekt haben, dass einer sieht, ich habe Scheiße gebaut und kann dann wieder runterkommen und ist nicht vier Wochen gesperrt. Man muss dann nicht sofort die Rote Karte geben, der Schiedsrichter kann auch sagen, ich gebe erst die Zeitstrafe. Für mich hat das mehr Vor- als Nachteile.“

Christian Grewe (Trainer SSV Hamm): „Ob das was bringt, weiß ich nicht. Von einer Gelb-Roten Karte hat der Gegner danach oft mehr als der aktuelle. Das könnte mit der Zeitstrafe anders sein. Das ist vielleicht gar nicht so schlecht. Das sollte man vielleicht mal ausprobieren. Aber was passiert danach? Das kann funktionieren bei einigen, die sich dann beruhigen, aber bei einigen wird das auch nichts bringen.“

Cengiz Güner (Spielertrainer SpVg Bönen): „Ich finde es Quatsch. Es gibt ja eine Begründung für die Gelbe Karte, und wer mehr macht, soll dann auch dafür zahlen und nicht nach zehn Minuten wieder hinhauen können. Ich finde das Blödsinn.“

Lars Lenser (Spielertrainer VfK Nordbögge): „Das ist nichts für mich. Ganz ehrlich, da bin ich, glaube ich, im falschen Kreis und in der falschen Mannschaft. Für die normalen Foulspiele soll es Gelb geben und für Unsportlichkeiten dann auch Rot und nicht eine Verschnaufpause. Gelb, Gelb-Rot und Rot – das ist okay. Das mit den Zeitstrafen ist doch auch schwammig, und am Ende gibt es doch nur wieder Diskussionen. Vielleicht kann man bei den Roten Karten genauer hinschauen und nicht pauschal gleiche Strafen geben.“

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