Kanuslalom 

Absage der Olympia-Quali: Hengst hat keinen Fixpunkt mehr

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Kanuslalom-Ass Stefan Hengst (Kanu-Ring Hamm) weiß aktuell nicht, wie es bei ihm sportlich und beruflich weitergehen wird.

Das Leben von Stefan Hengst besteht derzeit fast nur noch aus Fragezeichen. Das 26 Jahre alte Kanu-Slalom-Ass vom Kanu-Ring Hamm weiß nicht, wie die kommenden Wochen und Monate aussehen werden.

Hamm – Sowohl beruflich als auch sportlich herrscht für ihn Ungewissheit. „Das ist alles nicht so einfach. Aber aufgrund der aktuellen Lage mit dem Coronavirus nun mal nicht zu ändern“, sagt Hengst.

Eigentlich wollte der gebürtige Heessener, der in Augsburg lebt, im Mai die Abschlussprüfungen für seine Ausbildung zum Groß- und Außenhandelskaufmann absolvieren. Doch aufgrund der Schließungen der Schulen und Universitäten in Bayern ist es völlig offen, ob Hengst seine Lehre wie geplant beenden kann.

Und auch in sportlicher Hinsicht ist er von großer Unwissenheit umgeben. Ursprünglich war geplant, dass er am ersten Mai-Wochenende in Markkleeberg die Qualifikation für die Nationalmannschaft bestreitet, wo er sich unbedingt den einzig verbliebenen freien Platz im A-Team erkämpfen wollte.

Doch die Rennen sind am Donnerstagmorgen abgesetzt worden – genauso wie zuvor bereits die drei Weltranglistenrennen in Basel, Solkan und Leipzig sowie die für Mitte Mai in London angesetzte Europameisterschaft. Und dass das Weltcup-Rennen Ende Mai im italienischen Ivrea stattfinden wird, ist angesichts der prekären Lage in Italien mehr als unwahrscheinlich.

Erinnerungen an Trainingslager in Dubai

„Bis zum Donnerstag war das erste Wochenende im Mai mein Fixpunkt. Entsprechend hatte ich mich dafür vorbereitet“, erinnert Hengst an das Trainingslager in Dubai (der WA berichtete) und zuletzt an Fahrten von seinem Wohnort Augsburg nach Leipzig zur Qualifikationsstrecke, wo er sich akribisch auf den wichtigen Wettkampf, der die Weichen für den weiteren Saisonverlauf stellen sollte, vorbereitet hatte.

Doch nun fährt Hengst sein komplettes Trainingsprogramm herunter. Denn auch für die Kanuten ist es völlig offen, wie und wann es für sie weiter geht. „Ob die Qualifikation jetzt im Sommer stattfindet oder ob wir erst im nächsten Jahr weitermachen – das alles wissen wir derzeit nicht“, sagt der Heessener und hat daher für sich entschlossen: „Daher muss ich jetzt keinen Wilden mehr machen.“

Dennoch will er sich fit halten. Zum einen kann sich Hengst ein Leben ohne Sport nur schwer vorstellen. Zum anderen will er auch seine Grundform erhalten, um für den Fall, dass es für ihn in Sachen Kanuslalom im Sommer weiter geht, vorbereitet zu sein. An das Befahren des Eiskanals in Augsburg ist momentan allerdings nicht zu denken, die Strecke ist genauso wie alle anderen Sportstätten gesperrt. „Da gibt es sogar Polizeikontrollen. Der Kanal ist für uns Kanuten erst einmal gestorben“, betont Hengst.

Ausgangsbeschränkung in Bayern

Auch den Kraftraum des Olympia-Stützpunktes in Augsburg kann er derzeit nicht besuchen, der ist ebenfalls verschlossen. Zudem gilt in Bayern seit Samstag die so genannte grundlegende Ausgangsbeschränkung. Daher hat er sich bereits eine Klimmzugstange für einen Türrahmen und andere Trainingsutensilien bestellt, mit denen er sich zuhause fithalten kann.

„Ich versuche mich, so gut es geht, einzurichten. Es gibt da genug Alternativen“, betont er – wohl wissend, dass all seine derzeitigen Mühen vielleicht im Hinblick auf die nicht mehr stattfindende Kanuslalom-Saison im Jahr 2020 vergebens sein können. „Optimal ist sicherlich etwas anderes. Aber das ist besser, als nur auf der Couch zu liegen. Man muss das Beste aus der Sache machen. Wenn ich gar nichts machen würde, würde ich ja eingehen.“

Trotz der vielen Ungewissheiten, die derzeit sein Leben begleiten, hat er ein klares Ziel vor Augen: Der Kanusport auf Wildwasserflüssen oder Eiskanälen soll auch in den kommenden Jahren ein wichtiger Teil seines Lebens sein. Nur aktuell hat er einen deutlich anderen Fokus auf die Dinge. „Ich lebe eben derzeit wie alle anderen Menschen mit vielen Ungewissheiten und kann nur spekulieren. Das ist schon eine blöde Situation, die aber nicht nur uns Sportler, sondern die ganze Welt betrifft. Es ist jetzt einfach wichtiger als alles andere, dass man den Kontakt zu den anderen meidet und zuhause bleibt“, sagt Hengst.

Schornberg wird „das Herz ganz schwer“

Auch die 33-jährige Jasmin Schornberg, neben Stefan Hengst zweites Kanuslalom-Ass des Kanu-Rings Hamm, hat mit den enormen Beschränkungen durch das Coronavirus zu kämpfen – und das ausgerechnet in ihrer letzten Saison als Hochleistungssportlerin. „Da wird das Herz ganz schwer: keine EM in diesem Jahr, keine Wettkämpfe für unbestimmte Zeit – als würde die Welt stillstehen“, schreibt die gebürtige Lippstädterin in den sozialen Medien.

„Natürlich aus nachvollziehbaren Gründen. Trotzdem ist es traurig. Ich habe mir nochmal eine EM-Medaille als letztes großes Ziel gesetzt, und auf einmal verpufft alles. Das muss ich jetzt erst einmal verdauen. Das ganze Training, all die Rennen – das, was man als Leistungssportler liebt und wofür man lebt – liegen jetzt auf Eis. Ich komme mir vor wie in einem Science-Fiction-Film.“

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