„Das Kapitel ist zu Ende“

Kay Rothenpieler schließt dritte Rückkehr auf ASV-Trainerbank aus

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Kay Rothenpieler konzentriert sich ab sofort auf den Job des ASV-Managers.

Hamm - Es ist die letzte Dienstreise – zumindest in seiner Funktion als Trainer des ASV Hamm-Westfalen: Am Sonntag endet mit dem Gastspiel beim HSC Coburg die 14-jährige Ära Kay Rothenpielers als Coach beim Handball-Zweitligisten. Künftig konzentriert sich der 44-Jährige ganz auf die Managertätigkeit. Im Interview zieht Rothenpieler Bilanz. Und schließt eine Rückkehr auf die Trainerbank beim ASV kategorisch aus.

Welcher Eindruck bleibt am Ende der Saison haften? Der zwischenzeitliche, als der ASV länger um den Aufstieg spielte? Oder der letzte mit den eher durchwachsenen Resultaten?

Kay Rothenpieler: Ich glaube, dass wir eine richtig gute Saison hingelegt haben. Es war schon bemerkenswert, dass wir über einen längeren Zeitraum auf sehr hohem Niveau gespielt haben. Das sollte in den Köpfen bleiben. Es gibt sicher Erklärungen, warum es zuletzt durchwachsener lief. Daraus müssen wir Lehren ziehen, damit wir konstanter werden. Aber: Die Gegner waren stark, die Liga ausgeglichen – und trotzdem haben wir lange oben mitgespielt. Das konnte man so vor der Saison nicht erwarten.

Hat die Mannschaft also einen Schritt nach vorne gemacht?

Rothenpieler: Ja, natürlich. Ich denke, dass wir reifer geworden sind und konstanter, was die Abwehrleistung betrifft. Ich finde, dass wir es hinbekommen haben, eine gute Atmosphäre zu schaffen innerhalb des Teams und dass wir unser Spiel attraktiver gestaltet haben. Aber: Wir hatten auch Phasen, in denen wir das nicht halten konnten, in denen wir von zwei, drei Faktoren – wie den Verletzungen – abhängig waren, aber auch von ein, zwei Spielern, die zumindest ihre Normalform bringen müssen.

Mit Blick auf die Atmosphäre in der Mannschaft – war das der Grund für die weitgehende personelle Kontinuität?

Rothenpieler: Auf jeden Fall. Ich glaube, wir zählen zu den jüngsten Mannschaften in der 2. Liga. Und man muss dem Team einfach Zeit geben. Deswegen haben wir uns gesagt: Als nächster Schritt muss jetzt der neue Trainer (Niels Pfannenschmidt, Anm. d. Red.) kommen, um einen neuen Impuls zu geben. Und wir wollten die Mannschaft punktuell verstärken, um nicht wieder den ganz großen Umbruch zu machen. Wir wollen der Mannschaft die Möglichkeit zu geben, sich weiterzuentwickeln.

Angesichts der zwischenzeitlichen Aufstiegschance: Wäre es besser gewesen, Abwehrchef Jakob Macke in Hamm zu halten und nicht im Februar an die SG Flensburg-Handewitt auszuleihen?

Rothenpieler: Dazu muss man fragen: Was war unsere Zielsetzung? Die war, wieder auf gesunden Füßen zu stehen. Wir mussten die Personalpolitik entsprechend der Wirtschaftlichkeit ausrichten. Dennoch hat sich die Mannschaft nach Anlaufschwierigkeiten gefunden. Man hat gesehen, wie viel Potenzial in ihr steckt. Den Fall Jakob Macke kann man in diesem Zusammenhang aus der einen oder anderen Sicht sehen.

Und zwar?

Kay Rothenpieler stand unserer Redaktion Rede und Antwort.

Rothenpieler: Für uns war klar, dass wir nicht unbedingt aufsteigen mussten. Sonst hätten wir das natürlich nicht gemacht. Es war für uns alle keine leichte Entscheidung, aber so einem Mann den Weg zu verbauen, das wäre falsch gewesen. Wir verstehen uns als Ausbildungsverein. Insofern war es genau das, was wir eigentlich wollen. Und Jakob ist ja nicht zu irgendeinem Erstligisten gegangen, sondern nach Flensburg, das um die Meisterschaft und in der Champions League gespielt hat. Es war auch ein Schritt für die Zukunft, ihn gehen zu lassen. Er kommt mit einer ganz anderen Motivation, einem neuen Erfahrungsschatz zurück. Er wird jede Menge mitgenommen haben, was er in die Mannschaft bringen kann. Und bei uns bekam Jan Brosch so auch viele Freiräume und konnte sich weiterentwickeln. Deswegen finde ich: Es war der richtige Schritt.

Für Sie endet am Sonntag eine Ära von 14 Jahren als ASV-Trainer. Mit Wehmut? Oder eher mit Erleichterung?

Rothenpieler: Die Erleichterung überwiegt. Das hat überhaupt nichts mit dem Verein zu tun, an dem ich sehr hänge und der Teil meines Lebens ist. Ich bin einfach froh, nicht mehr auf dieser Trainerstelle zu sitzen. Nach 14 Jahren sind gewisse Abnutzungserscheinungen da. Auf beiden Seiten. Das ist normal. Eine so lange Zeit ist sowieso ungewöhnlich. Gerade die letzten zwei Jahre mit der Doppelfunktion haben sehr an den Kräften gezehrt. Deshalb ist es gut, dass ich die sportlichen Dinge mal in eine andere Hand geben kann, damit ich den Akku mal wieder aufladen kann.

Ist das ein Schritt zur angekündigten Professionalisierung der Strukturen?

Rothenpieler: Das ist einer, den wir ja schon vor zwei, drei Jahren machen wollten. Da ging es aber einfach wirtschaftlich nicht. Daher mussten wir diese Doppellösung machen, haben aber immer gesagt: Sobald der Zeitpunkt kommt, müssen wir diesen Schritt vollziehen, weil er notwendig ist. Es ist wichtig, eine klare Struktur zu haben. Und jetzt haben wir den Umbruch geschafft, die Lizenz ohne Probleme bekommen. Das war vor drei, vier Jahren fast undenkbar. Das ist ein Riesenerfolg.

Was sind jetzt die vordringlichen Aufgaben für Sie als Manager?

Rothenpieler: Es ist ja nicht so, dass ich jetzt nur noch halbtags arbeite (lacht). Viele Dinge kenne ich durch die Doppellösung schon. Ob es ums Marketing geht, die Sponsorenbetreuung oder Fragen wie die, wie wir Handball Hamm zusammenbringen und so weiter. Nur: Jetzt kann ich mich sehr viel intensiver um die Dinge kümmern, weil ich nicht ins Training oder die Spielvorbereitung muss. Mal eben mit links managt man auch eine gute Zweitliga-Mannschaft nicht mehr. Es ist ein Wirtschaftsunternehmen. Wenn wir mittelfristig darüber nachdenken, uns nachhaltig in der 1. Liga etablieren zu wollen, dann müssen wir das Netzwerk vergrößern, mehr Kapital bekommen. Auch mit den Spielern kann ich jetzt als Manager ein anderes Verhältnis aufbauen und das Scouten viel intensiver machen. Wobei uns zugute kommt, dass wir uns einen guten Namen erarbeitet haben, viele junge Spieler kommen gerne zu uns. Weil wir eine gute Atmosphäre, ein gutes Umfeld haben und weil die jungen Spieler bei uns auch wirklich spielen. Das spricht sich rum.

Sie haben kürzlich gesagt, dass beim ASV „vieles in die richtigen Bahnen gelenkt“ sei. Nun kommt mit Niels Pfannenschmidt ein neuer Trainer. Zählen Sie diese Personalie dazu?

Kay Rothenpieler mit seinem Nachfolger Niels Pfannenschmidt.

Rothenpieler: Klar. Wir haben versucht, einen charakterlich starken, deutschen Trainer zu holen, der von der Philosophie her ähnlich ist wie wir. Wir wollten ja nicht alles komplett umdrehen, wir haben ja auch viele gute Sachen gemacht. Aber natürlich kommt er mit einer anderen Frische und einem anderen Impuls da rein. Ich glaube, die Mannschaft wird erst einmal begeistert sein, weil eine neue Ansprache da ist und sich jeder neu positionieren muss. Die Hierarchie wird ein bisschen durchgerüttelt, jeder muss sich neu anbieten.

Und die Neuverpflichtungen?

Rothenpieler: Wir haben die richtigen Leute verpflichtet in dem wirtschaftlichen Rahmen, den wir stemmen können. Mit jungen, sehr talentierten Spielern plus Erfahrung durch Stefan Just. Und dann sind wir, so glauben wir, gut aufgestellt. Jetzt muss sich die Mannschaft finden, sie muss sich nachhaltig einspielen. Und dann hoffen wir, dass wir eine ähnliche Rolle wie derzeit spielen mit der Tendenz, etwas weiter nach oben zu rücken. Wir müssen vom Verletzungspech verschont bleiben, wir wissen nicht genau, wie stark die anderen sind. Aber wir haben unsere Hausaufgaben gemacht.

Eine konkrete Vorgabe wird es nicht geben…

Rothenpieler: Nein. Wir wollen natürlich weiter nach oben, die erste Liga ist irgendwann unser Ziel. Wir haben gesagt: in den nächsten fünf Jahren. Jetzt waren wir schon nah dran, haben aber auch gesehen, dass es noch nicht ganz reicht. Wir arbeiten weiter daran. Es gibt aber ein paar Vereine in der Liga, die wirtschaftlich ganz anders aufgestellt sind als wir. Doch wir sagen auch: Wenn wir uns einspielen, wenn wir konstant sind, haben wir keine Angst davor, weil wir auch in der Lage sind, durch Teamgeist einiges wettzumachen. Zudem versuchen wir, in der Breite besser aufgestellt zu sein. Du brauchst eine gewisse Anzahl an Spielern. Die nächste Saison wird echt brutal mit 21 Mannschaften und einigen Doppelspieltagen, wo du freitags und sonntags spielst. Es wird krass, solche Wochenenden zu überstehen. Man muss haushalten mit seinen Kräften.

In den 14 Jahren als Trainer – was war das positivste Erlebnis?

Rothenpieler: Es gab viele schöne Momente. Wir haben einige Aufstiege erlebt. Natürlich war die Krönung, in die 1. Bundesliga aufzusteigen. Auch so ein Spiel in der Westfalenhalle mit 11.000 Zuschauern (gegen Hamburg, Anm. d. Red.) war natürlich ebenfalls ein Moment, den man nicht alle Tage hat.

Negativ war es sicher die Beinahe-Insolvenz der HSG Ahlen-Hamm Anfang 2011?

Rothenpieler: Klar, das war schon nervenraubend. Kurz vor dem Exodus zu stehen, das war hart. Irgendwie ist es ja auch mein Kind und ich hoffe, dass es so lange wie möglich weitergeht.

Gab es andere Dinge, an die Sie ungern zurückdenken?

Rothenpieler: Ganz generell trifft man natürlich ab und an Entscheidungen, die man hinterher vielleicht anders treffen würde. Aber ich habe in dem Moment immer gemeint, dass es das Beste für den Verein war. Dadurch stößt man dem einen oder anderen vielleicht mal vor den Kopf, aber das ist in so einer Position vielleicht auch normal. Doch wenn man das große Ganze sieht, wenn ich bedenke, wo wir vor zehn, zwölf Jahren waren und was wir erreicht haben, dann haben wir vieles richtig gemacht. Das macht mich stolz. Da muss man auch Franz Dressel (Geschäftsführer, Anm. d. Red.) Danke sagen, der den Weg ermöglicht hat durch sein Engagement. Ich bin mit ihm vielleicht nicht immer einer Meinung, aber dann raufen wir uns nach zwei, drei Tagen immer wieder zusammen. Es ist eine super Zusammenarbeit – wie mit dem ganzen Team.

Sie sind schon zweimal als Trainer zurückgekehrt, haben Jens Pfänder und Maik Machulla jeweils nach kurzen Intermezzi wieder beerbt. Wird es ein drittes Mal geben?

Rothenpieler: Ich komme definitiv nicht als Trainer zurück, das kann ich ausschließen. Damals die Entwicklung mit Jens Pfänder bei der HSG Ahlen-Hamm tat mir sehr leid. Aber da ging es letztlich um den Verein, der in einer Notsituation war. Und da wollte ich helfen. Klar konnte ich so in die 1. Liga rutschen, aber das war nie im Leben so geplant. Das hätten wir uns anders gewünscht. Aber ich beschäftige mich damit jetzt auch gar nicht, ob Niels das schafft oder nicht. Ihm muss man die Zeit geben, was zu entwickeln. Sollten mal Schwierigkeiten sein, würde ich ihn unterstützen, wo es nur geht. Ich freue mich, das von außen zu sehen, zu beobachten, was „Pfanne“ neu macht, welche Impulse er setzt. Ansonsten halte ich mich raus. Ich zurück auf die Trainerbank in Hamm? Nein, nicht mehr. Das Kapitel ist ein für allemal zu Ende, sonst werde ich unglaubwürdig.

Auch nicht, wenn es schlecht laufen sollte?

Rothenpieler: Ich bin völlig davon überzeugt, dass wir „Pfanne“ die nächsten Jahre hier sehen werden, weil er ein sehr guter Trainer ist. Sollte es mal nicht gut laufen, setzen wie uns zusammen und analysieren vernünftig. Das haben wir in diesem Jahr zu Saisonbeginn übrigens auch gemacht. Da hatten wir auch die Überlegung, ob es nicht Sinn macht, einen neuen Trainer zu installieren, haben alles durchleuchtet, weil es nicht so lief. Wir hatten eine Aussprache – und auf einmal gab es den Ruck und wir haben die Serie gestartet.

Wenn Sie betonen, dass Sie nicht in Hamm nochmal als Trainer arbeiten werden, wäre es bei einem anderen Klub für Sie vorstellbar?

Rothenpieler: Jetzt habe ich erstmal hier meine Aufgabe, für die ich mich hundertprozentig einsetze. Aber: Ich würde niemals nie sagen. Die 1. Liga ist immer reizvoll, egal in welcher Position. Sollte mal so ein Angebot kommen, würde ich natürlich darüber nachdenken. Aber derzeit beschäftige ich mich überhaupt nicht damit. Im Moment zählt nur der ASV.

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