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Theo, Jupp und der Ballon d`Or

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Von: Patrick Droste

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Sport spricht eine Sprache: Tihomir Slavov (Mitte, links) und Yousef Darraj mit den SVE-Trainern Eric Schmitz (links) und Eckhard Strickmann.
Sport spricht eine Sprache: Tihomir Slavov (Mitte, links) und Yousef Darraj mit den SVE-Trainern Eric Schmitz (links) und Eckhard Strickmann. © Robert Szkudlarek

Tihomir Slavov und Yousef Darraj spielen Fußball beim Hammer Bezirksligiste SVE Heessen. Ein Beispiel, wie der Sport zur Integration beiträgt.

Hamm – Wenn sie sich beeilen, benötigen sie für den 1,5 Kilometer langen Weg von ihrem Zuhause in der Minister-Stein-Straße in der Nähe der Heessener Sachsenhalle zum Sportplatz des SVE an der Barbarastraße keine 15 Minuten. Doch Tihomir Slavov und Yousef Darraj haben sich auf ihrem Fußmarsch meist so viel zu erzählen, dass sie manchmal auch eine halbe Stunde unterwegs sind. Dann lassen die 12- und 13-jährigen Nachwuchskicker nur zu gerne ihre Gedanken schweifen und fangen an zu träumen, was sie in ihrer Karriere später noch gerne alles erreichen möchten. „Ich will so wie mein Vorbild Luca Modric den Ballon d’Or gewinnen“, verrät Tihomir, den sie beim SVE alle nur Theo rufen. Und der ein Jahr ältere Yousef, der den Spitznamen Jupp verpasst bekommen hat, fügt voller Überzeugung hinzu: „Ich bin Stürmer und will mal Profi werden.“

Im vergangenen Sommer standen die beiden Jungs urplötzlich im Marienstadion und fragten, ob sie beim SVE im Verein Fußball spielen können. Kennen gelernt hatten sich der in Bulgarien geborene und in Griechenland aufgewachsene Tihomir sowie der wegen des Krieges in Syrien mit seiner Familie nach Deutschland geflüchtete Yousef in der Grundschule. „Wir haben da zusammen Fußball gespielt und fanden uns sofort nett“, sagt Yousef. Beide verabredeten sich danach immer wieder auf einer Wiese neben der Sachsenhalle und gingen dort ihrem Lieblingshobby nach. „Fußball macht einfach Spaß. Dabei kann ich alles andere vergessen“, erklärt Tihomir.

Doch im vergangenen Jahr hatten sie noch mehr Lust auf Fußball, wollten Teil einer Mannschaft sein, machten sich daher auf den Weg zum Marienstadion – und kicken seitdem in der zweiten D-Junioren-Mannschaft des SVE Heessen. „Wir haben dann schnell festgestellt, dass sie von der Entwicklung weiter sind als die meisten anderen bei uns. Das hat uns sehr gut gefallen, was sie draufhaben“, sagt Eckhard Strickmann, der zusammen mit Eric Schmitz das Team trainiert. „Sie sind technisch richtig gut, haben tolle Tricks drauf, aber sie waren es anfangs nicht gewohnt, in einer Mannschaft zu spielen.“

Doch Jupp und Theo, wie Schmitz und Strickmann die beiden tauften („Das war einfacher so. Ansonsten wäre die Aktion auf dem Platz ja schon vorbei gewesen, ehe man die Namen der beiden ausgesprochen hätte.“), lernten schnell und fügten sich gut in das Team ein. „Die beiden haben sich nicht nur in der Mannschaft toll eingefunden, sondern auch im ganzen Verein“, sagt Schmitz, während Strickmann betont: „Sie haben sich hier selbst integriert. Das haben die aus ihrem eigenen Antrieb heraus gemacht. Das war interessant zu sehen, welche Funktion der Sport da übernehmen kann. Egal, welche Nationalität, welches Alter, welcher Kulterkreis, die Jungs sind mit den anderen zu einer Einheit zusammengewachsen.“

Aber auch die beiden Trainer haben ihren Teil zur guten Integration beigetragen. Schmitz, der im vergangenen Sommer vom VfL Mark zum SVE gekommen war und der ein Studium „Training und coachen“ an einer privaten Universität anstrebt, hatte ein gutes Händchen für die Neulinge und sorgte mit seinem detailreichen Fachwissen und seinem Einfühlungsvermögen dafür, dass eine richtig gute Struktur mit den zwei Nachwuchskickern entstanden ist. „Die beiden sind einfach verrückt auf Fußball. Sie sind fast immer die ersten beim Training. Und wenn von uns mal ein Spiel ausgefallen ist, haben sie sofort gefragt, ob sie nicht in einem anderen Team aushelfen können“, sagt Strickmann. Und Schmitz fügt hinzu: „Man muss sie quasi vom Platz runterzerren, wenn das Training vorbei ist.“

Und so sind Yousef und Tihomir stolz, dass sie das SVE-Trikot tragen und Teil einer richtigen Fußball-Mannschaft sein dürfen. „Im Training kann man viel lernen“, sagt Tihomir. „Und die Spiele machen Spaß – vor allem dann, wenn man gewinnt.“

Zur neuen Saison werden sie bei den C-Junioren mitwirken. Bevor es so weit ist, müssen sie aber noch die lange Sommerpause ohne Vereinstraining überbrücken. Dafür haben sie schon eine Idee. „Wenn kein Training ist, treffen wir uns an der Sachsenhalle, am Platz oder bei uns an der Straße und üben, den Ball hochzuhalten“, meint Yousef, der immer wieder an neuen Tricks feilt.

Dass sie beim SVE nicht mit ihren richtigen Namen gerufen werden, finden sie übrigens richtig cool. „Ich finde Theo ist ein besserer Name als mein eigener“, sagt Tihomir. Und Yousef betont mit deutlich hörbarem Stolz in der Stimme: „Ich finde es klasse, einen Spitznamen zu haben.“ Und auch diese Namensgebung war schon mal Thema bei ihnen auf dem Weg zum Platz und einer der Gründe, warum sie wieder einmal etwas länger gebraucht haben.

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