Interview

HSV-Trainer will den Klassenerhalt nicht geschenkt bekommen

HSV-Trainer Steven Degelmann will den Klassenerhalt sportlich schaffen.
+
HSV-Trainer Steven Degelmann will den Klassenerhalt sportlich schaffen.

Ohne Sieg in einem Punktspiel wird Fußball-Oberligist Hammer SpVg aus dem Jahr 2020 herausgehen, nachdem der Fußball- und Leichtathletik-Verband Westfalen (FLVW) den Spielbetrieb in der vergangenen Woche auch für den Monat Dezember ausgeschlossen hat. Wie sehr diese lange Zeit ohne ein Erfolgserlebnis – der letzte Dreier gelang am 26. Mai 2019 – das Team beschäftigt und warum das Oberliga-Schlusslicht hofft, dass es trotz der sportlich prekären Lage noch zu einer Wertung der aktuellen Saison kommt, erklärt Trainer Steven Degelmann in einem Gespräch mit Patrick Droste.

Herr Degelmann, wie fühlt es sich an, nach der Zwangspause im Frühjahr erneut ein Trainer außer Dienst zu sein?
Nicht schön. Es fehlt ja nicht nur das reine Training mit der Mannschaft, sondern man vermisst auch die Leidenschaft, die man mitbringt, die Fahrten zum Platz, die Vorfreude, der Spaß, den Ball selbst am Fuß zu haben, und sogar das akribische Arbeiten. Es ist schon einiges, was da momentan wegbricht. Man verbringt dann ein bisschen mehr Zeit als sonst mit der Familie, das ist ein schöner Nebeneffekt. Oder man nutzt die Zeit, um sich Videosequenzen anzuschauen, oder man surft durch Trainerportale, um sich fortzubilden und neue Ideen zu sammeln. Aber letztlich ist der Fußball derzeit schon weit weg – außer vielleicht in der Flimmerkiste.
Können Sie nachvollziehen, dass es einen erneuten Lockdown gab und der Spiel- sowie Trainingsbetrieb zum zweiten Mal in diesem Jahr wegen der Corona-Pandemie eingestellt ist?
Das verstehe ich definitiv, und ich kann den Entscheidungen der Politik nur zustimmen. Es kann ja nicht sein, dass man sich in anderen Bereichen einschränken muss, im Sport aber alles weiter läuft. Außerdem sieht man es ja auch an den Krankheitsfällen, wie wichtig es ist, dass man persönlich zurücksteckt und versucht, die Infektionszahlen nicht weiter steigen zu lassen. Aber natürlich macht es uns auch traurig, dass wir erneut auf unseren geliebten Fußballsport verzichten müssen.
Kam diese Entscheidung für Sie überraschend?
Nein, das war im Oktober absehbar, als die Zahlen der Infizierten anstiegen. Wir haben da ja auch unsere eigenen Erfahrungen gemacht, als wir einen positiven Fall im Funktionsteam bei uns hatten. Es hing im Oktober jedes Spiel am seidenen Faden. Jeder Verein fragte am Samstag nach, ob einer der Spieler vielleicht Schnupfen hat und musste entscheiden, ob man sonntags antreten kann oder nicht. Das war schon alles recht waghalsig. Und andererseits hoffte man immer, dass der Gegner nicht anruft und einen positiven Fall vermeldet. Es war einfach schwer, da vernünftig Fußball zu spielen.
Wie intensiv stehen Sie derzeit mit Ihren Spielern, die Sie ja sonst fast täglich sehen, in Kontakt?
Wir sind da schon im Austausch. Zum Beispiel in der Whatsapp-Gruppe der Mannschaft, wo am vergangenen Freitag ein Spieler einem anderen zum Geburtstag gratuliert hat und 20 weitere sich dann den Glückwünschen angeschlossen haben, ehe das vermeintliche Geburtstagskind aufklärte, dass es gar nicht Geburtstag habe. Natürlich frage ich auch im Mannschaftsrat nach, wie die Stimmung bei den Jungs ist. Aber den intensivsten Austausch durch Telefonate und geschriebene Nachrichten habe ich zu unserem Sportlichen Leiter Holger Wortmann und zu meinem Co-Trainer Adriano Ciallella.
Ein Mannschaftstraining findet derzeit nicht statt. Aber müssen sich Ihre Spieler weiter fit halten, auch wenn der Re-Start erst in der zweiten Januar-Hälfte erfolgen soll?
Noch haben die Jungs einen Plan bis Ende November. Den hatten wir so festgezurrt. Bislang halten sich da auch alle ordentlich dran. Vor dem ersten Meisterschaftsspiel soll es ja zwei Wochen Vorlauf geben, aber das ist natürlich zu wenig Zeit, um fit zu werden. Aber unsere Jungs sind da auch fordernd, die brennen, wollen unbedingt was tun.
Kommt Ihnen diese Zwangspause nach dem desaströsen Start in die neue Saison mit acht Niederlagen in acht Spielen vielleicht sogar gelegen, um neue Energie zu tanken?
In der Tat kann und will ich das nur positiv sehen. Zu Beginn hatten wir uns mit der neu zusammen gestellten Mannschaft schnell gefunden und in der Vorbereitung auch einige positive Momente gehabt. Entsprechend gut war die Stimmung. Aber dass eine gute Vorbereitung nicht unbedingt aussagekräftig ist, haben wir dann bitter zu spüren bekommen mit den acht Niederlagen. Daher kann es für uns nur von Vorteil sein, jetzt mal durchzuatmen, Luft zu holen und dann neu anzugreifen. Ich habe weiter das Vertrauen in unser Team, dass wir das hinbekommen. Meiner Meinung nach ist das eine Kopfsache.
Der Re-Start soll also für Sie ein Neustart werden. Sie wollen und müssen anders auftreten. Wird die Mannschaft auch ein anderes Gesicht bekommen?
Fakt ist, dass ein ‚Weiter so‘ uns nicht weiter bringen wird. Wir müssen es abstellen, dass wir so extreme Niederlagen wie in Kaan-Marienborn kassieren, wir müssen zusehen, dass wir nach dem ersten Gegentor nicht gleich das zweite kassieren, wir müssen die eklatanten Abwehrfehler abstellen, wir müssen effektiver spielen als zum Beispiel in Vreden und dürfen ein Spiel am Ende nicht mehr aus der Hand geben wie in Sprockhövel. Daher werden wir daran arbeiten, dass die Mannschaft anders auftreten wird. Groß ändern wird sich das Gesicht der Mannschaft aber nicht. Wir haben nicht die finanziellen Möglichkeiten, den Kader extrem zu verändern. Es werden also im Großen und Ganzen die gleichen Gesichter und Namen sein. Aber wir als Trainer müssen den Jungs das richtige Werkzeug mitgeben, damit sie wieder Erfolge einfahren und wieder positiv nach vorne schauen können.
Schauen Sie nur voller Zuversicht Richtung Re-Start? Oder haben Sie auch Sorgen oder gar Ängste?
Natürlich hat man Sorgen, vor allem davor, dass es wieder zu Infektionen kommt. So wie wird das ja bei uns im Funktionsteam hatten. Danach mussten wir in Quarantäne und 14 Tage zuhause bleiben. Das möchte ich nicht noch einmal erleben. Ich weiß aber auch nicht, wie das im neuen Jahr mit den Impfungen laufen soll. Ich als Polizeitbeamter bekomme meine Impfung vielleicht etwas früher. Aber die Spieler nicht. Daher denke ich nicht, dass wir ab Januar einfach so spielen können, als würde es Corona nicht mehr geben. Wir werden weiter mit Spielausfällen zu kämpfen haben. Es lastet einfach viel Verantwortung auf einem. Durch unsere eigenen Erfahrungen ist die Schwelle sehr niedrig geworden, man ist äußerst vorsichtig. Denn man will ja nicht für sieben oder acht neue Corona-Fälle verantwortlich sein. Ich als Trainer und der Corona-Beauftrage im Verein haben da nun mal den Hut auf, dass das alles vernünftig läuft.
Sie haben erst acht von 40 Saisonspielen ausgetragen. Sollte letztlich die Entscheidung fallen, dass eine komplette Runde nicht mehr stattfinden, sondern nur noch eine Hinserie gespielt werden kann, wäre das ein Nachteil für die HSV? Denn Sie müssen, um den Klassenerhalt noch zu schaffen, eine Menge Punkte aufholen. Und weniger Spiele verringern die Chancen.
Einen Nachteil sehe ich nicht. Wenn es zu einer einfachen Runde kommen sollte, hätten wir den Vorteil, dass wir schon gegen viele Mannschaften aus der oberen Tabellenhälfte gespielt hätten und wir im neuen Jahr fast ausnahmslos auf Teams von unten treffen. Dann wäre jede Partie für uns ein Endspiel. Und dann kommt es auf die mentale Stärke an und darauf, wie die Mannschaft das annimmt.
Apropos mentale Stärke: Wie sehr belastet es Sie und Ihre Mannschaft, dass die Zeit ohne Sieg durch die Zwangspause immer größer wird? Oder beschäftigt sich bei der HSV niemand damit, dass die Oberliga-Mannschaft seit eineinhalb Jahren auf ein Erfolgserlebnis wartet?
Natürlich ist das ein Thema bei uns. Das schieben wir nicht einfach so zur Seite, auch wenn die aktuelle Mannschaft ein anderes Gesicht hat als die aus der Vorsaison. Aber Fakt ist, dass wir im Jahr 2020 kein Meisterschaftsspiel gewonnen haben. Ich bin seit Januar diesen Jahres Trainer der HSV, habe seitdem zehn Punktspiele als Coach bestritten – und habe alle zehn verloren. Das ist verdammt blöd, und ich hätte das gerne anders. Und daher müssen wir alle zusammen alles dafür tun, dass wir das ändern.
Spekulieren Sie insgeheim darauf, dass es wieder eine Saison ohne Wertung gibt und die HSV erneut am grünen Tisch den Klassenerhalt schaffen könnte?
Erst einmal glauben wir weiter daran, dass wir den Abstieg auf sportlichem Weg verhindern können. Dafür arbeiten wir. Aber natürlich müssen wir uns auch mit dem Gedanken auseinandersetzen, dass wir es nicht schaffen. Wir sind sicherlich nicht so naiv, dass wir bei null Punkten und einer Ausgangsposition, die viel schlechter nicht sein kann, fest damit rechnen, in der Saison 2021/22 weiter in der Oberliga zu spielen. Wir haben es natürlich auch im Kopf, dass es passieren kann, dass wir dann in der Westfalenliga auflaufen werden. Aber Fakt ist: Ich hoffe darauf, dass es eine sportliche Entscheidung gibt. Es wäre schon sehr komisch und verrückt, wenn man zwei Jahre hintereinander kein Spiel gewinnt und dann die Klasse hält. Das kann nicht im Sinne der Sportlichkeit sein.

Das könnte Sie auch interessieren

Kommentare

Unsere Kommentarfunktion wird über den Anbieter DISQUS gesteuert.

Hinweise zum Kommentieren: Auf wa.de können Sie Ihre Meinung zu einem Artikel äußern. Im Interesse aller Nutzer behält sich die Redaktion vor, Beiträge zu prüfen und gegebenenfalls abzulehnen. Halten Sie sich beim Kommentieren bitte an unsere Richtlinien: Bleiben Sie fair und sachlich - keine Beleidigungen, keine rassistischen, rufschädigenden und gegen die guten Sitten verstoßenden Beiträge. Kommentare, die gegen diese Regeln verstoßen, werden von der Redaktion kommentarlos gelöscht. Bitte halten Sie sich bei Ihren Beiträgen an das Thema des Artikels. Lesen Sie hier unsere kompletten Nutzungsbedingungen.


Bitte beachten Sie: Die Kommentarfunktion unter einem Artikel wird automatisch nach drei Tagen geschlossen.

Netiquette
Hinweis: Kommentieren Sie fair und sachlich! Rassistische, pornografische, menschenverachtende, beleidigende oder gegen die guten Sitten verstoßende Äußerungen sind verboten und werden gelöscht.

Kommentare