Hausbesuche

HSV-II-Trainer Robin Grosch musste früh mit Schicksalsschlägen umgehen

Zuhause auf 50 Quadratmetern in Ahlen: Robin Grosch, Trainer der Hammer SpVg II.
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Zuhause auf 50 Quadratmetern in Ahlen: Robin Grosch, Trainer der Hammer SpVg II.

Hausbesuche heißt die neue Serie im Lokalsport. Wir besuchen die Fußball-Trainer von der Kreisliga A bis zur Oberliga zuhause. Diesmal: Robin Grosch, Trainer der Hammer SpVg II.

Hamm - Die einen verschönern ihre Wohnungen mit Fotos von ihren Familienmitgliedern, die sie an die Wand hängen oder irgendwo aufstellen. Andere setzen auf Gemälde. Robin Grosch, Trainer des Fußball-Bezirksligisten Hammer SpVg II, hat dagegen Sprüche wie „If you can dream, you can do it“ (Wenn du träumen kannst, kannst du es schaffen) oder „Sometimes you win, sometimes you learn“ (Manchmal gewinnst du, manchmals lernst du) eingerahmt und mit einem Nagel neben seinem Sofa in der kleinen, nur 50 Quadratmeter großen Junggesellenwohnung in Ahlen befestigft. „Motivation ist das A und O, egal, ob im Job oder im Fußball“, sagt der 31-Jährige. Und wer seine Vorgeschichte kennt, der weiß, warum er dies sagt.

Denn Grosch hat in seinem jungen Leben schon einige schlimme Schicksalsschläge wegstecken müssen. Als er zarte fünf Jahre alt war, stürzte sein Vater in der heimischen Wohnung so unglücklich die Treppe herunter, dass er an den Kopfverletzungen verstarb. Der kleine Robin hatte dies mitansehen müssen – ein Anblick, den er bis heute nicht vergessen hat. „Diese Bilder bekomme ich nicht mehr aus meinem Kopf“, sagt er und fügt hinzu: „Da musste ich als kleines Kind schon sehr schnell erwachsen werden.“

Vollwaise mit 29 Jahren

Im Winter 2019, in der Nacht auf Silvester, starb seine Mutter an Krebs. Grosch war mit seinen 29 Jahren Vollwaise. „Ich habe mehrere Monate gebraucht, um das zu verarbeiten. Aber das Leben geht nun mal weiter, man muss sich aus so etwas irgendwann wieder rausziehen. Mein Motto lautet daher: Schau nicht zurück, sondern nach vorne“, erklärt er.

In seiner aktiven Fußball-Karriere konnte Grosch, der mit fünf Jahren mit dem Kicken angefangen hatte, allerdings auch nicht weit nach vorne schauen. Bei Roland Beckum und GW Westkirchen hatte er das Tor gehütet, bis ein Knorpelschaden für das Aus sorgte. Gleich dreimal musste er unters Messer, ihm wurde sogar Knorpel aus dem Fußgelenk entfernt und ins Knie eingesetzt. „Ich kann mich noch genau an diese Operation erinnern. Das war am 6. Dezember 2017, die Kinder hatten im Krankenhaus alle einen Schokoladennikolaus vor der Tür, ich aber nicht“, sagt er. Anschließend konnte er sich sieben Monate lang nur auf Krücken fortbewegen. „Das war schon eine lange Leidenszeit. Aber ich habe immer gesagt, dass ich aufhöre, wenn ich verletzt bin. Denn die Gesundheit ist wichtiger als alles andere“, stellt Grosch klar.

„Nicht für immer Co-Trainer“

So war es für ihn ein glücklicher Zufall, dass Alexis Koumatzidis, damals B-Jugend-Coach bei RW Ahlen, einen Co-Trainer suchte. Und da sich die beiden aus gemeinsamen Zeiten beim SC Roland kannten, fanden sie zusammen, kümmerten sich zuerst um den Nachwuchs in der Wersestadt, ehe sie in gleicher Funktion zur Hammer SpVg wechselten. „Ich habe da schnell gemerkt, dass die Umgebung passt und mir das bei der HSV Spaß bereitet“, sagt er, meldete aber auch schnell seine Ambitionen an: „Ich habe klar gemacht, dass ich nicht immer Co-Trainer bleiben will.“ So coachte Grosch, der in Neubeckum im Bereich Logistik tätig ist, in der vergangenen Saison in hauptverantwortlicher Funktion die U16 und die U21, in dieser Spielzeit gilt sein ganzes Augenmerk der Bezirksliga-Reserve.

Und diesen Job führt er mit viel Akribie und einer Menge Leidenschaft aus. So ist er intensiv mit anderen Trainern in Kontakt, sammelt Informationen über den nächsten Gegner, analysiert die Stärken und Schwächen des Kontrahenten, bereitet am Laptop das Training vor und tauscht sich immer wieder mit seinem Co-Trainer aus. „Ich bin sonntags für das Spiel immer so gut vorbereitet, so dass ich nur noch reagieren muss, wenn sich jemand kurzfristig krank oder verletzt abmeldet“, verrät er. Daher kann er am Spieltag auch immer entspannt frühstücken, ehe er sich ins Auto setzt und sich auf den Weg Richtung Hamm macht.

Nach Siegen ein Gläschen Wodka

Während der Fahrt hört er – na klar – Songs, die ihn motivieren. So finden sich auf seiner Playlist unter anderen Songs aus den Rocky-Filmen oder „Don‘t stop“ von den Red Hot Chili Peppers, als das Lied, bei dem der frühere Boxweltmeister Wladimir Klitschko in die Halle marschiert ist. „Ich bin noch jung, bin ehrgeizig und will immer wieder Ausrufezeichen setzen“, erklärt er sein hohes Maß an Engagement und freut sich, wenn seine Mühen belohnt werden. So wie zum Beispiel in der vergangenen Saison, als sich seine Mannschaft Freitagabends vor einer stattlichen Kulisse mit 4:2 beim favorisierten SVE Heessen durchgesetzt hatte.

Auch in der neuen Spielzeit will er mit seinem Team wieder für die eine oder andere Überraschung sorgen – und möglichst viele Gläschen Wodka trinken. Denn nach jedem Sieg gönnt er sich einen Schluck und kann beruhigt einschlummern. Schwerer fällt ihm das Einschlafen nach einer Niederlage. „Die verarbeite ich länger. Ich rede dann sogar im Schlaf. Das ist mal aufgenommen worden, seitdem weiß ich das“, sagt Grosch, der aber nicht nur möglichst viele Spiele gewinnen will, sondern als Trainer der U21 auch noch einen anderen Auftrag hat: Er soll die jungen Akteure entwickeln und sie auf höhere Aufgaben vorbereiten. „Unser Ziel ist es, immer wieder Leute in die Erste hochzubringen“, erklärt er.

Auf lange Sicht eine Mannschaft aufbauen

Für ihn bedeutet dies allerdings, dass er keine Mannschaft aufbauen und entwickeln kann, sondern er muss von Saison zu Saison denken, immer wieder junge Akteure einbauen und sie eventuell nach einem Jahr schon wieder abgeben. „Aktuell macht mir das großen Spaß und ich stehe da voll hinter. Zumal die Kommunikation mit Alexis, Steven (Anm. der Redaktion: Degelmann, Trainer der Ersten) und Holger (Wortmann, Sportlicher Leiter) richtig gut ist. So etwas muss eingespielt sein, sonst funktioniert das nicht“, meint Grosch. „Aber auf lange Sicht ist es schon mein Ziel, mal eine Mannschaft über drei, vier oder fünf Jahre aufzubauen.“

Doch noch ist dies Zukunftsmusik. Seine ganze Konzentration gilt der U21 der Hammer SpVg, mit der er einen einstelligen Tabellenplatz erreichen, nicht zweimal im Laufe der Saison gegen den gleichen Gegner verlieren will. Zudem will er den jungen Akteuren seines Teams auch außerhalb des Fußball-Platzes zur Seite stehen. „Es geht ja im Leben nicht immer nur um Fußball. Ich habe ja leider schon einiges mitgemacht, da kann ich den Jungs schon mit meiner Erfahrung weiter helfen“, meint Grosch.

Hat er neben seinem Trainerjob in Hamm und seiner Arbeit in Neubeckum noch ein wenig Zeit übrig, spielt er gerne Tennis und ist auch schon nach Halle gefahren, um bei dem Rasenturnier die besten Tennisspieler der Welt zu sehen. „Mein großer Traum ist es, mal bei einem Grand-Slam-Turnier auf der Tribüne zu sitzen“, meint er. Außerdem muss er sich auch noch um seinen Lieblingsverein kümmern. Denn Grosch ist großer Fan von Borussia Dortmund. Auf seinem großen Fernsehgerät in seinem Wohnzimmer verfolgt er jedes Spiel. Und er hat sich sogar schon mal einen Tag frei genommen, um die Partien in der Youth League der BVB-A-Junioren in Brakel anzuschauen. „Bei mir dreht sich nun mal sehr viel um Fußball“, sagt er, zumal er weiß, wie viel ihm dieser Sport in seinen schwierigen Zeiten gegeben hat.

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