Fußball

Holger Wortmann über die Situation der Hammer SpVg: „Seit Monaten nicht geliefert“

Holger Wortmann und Trainer Steven Degelmann glauben weiter an ihre Mannschaft.
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Holger Wortmann und Trainer Steven Degelmann glauben weiter an ihre Mannschaft.

 Es ist eine in der langen Vereinsgeschichte der Hammer SpVg noch nie dagewesene Horrorbilanz: In der vergangenen Saison fuhr das Team in der Fußball-Oberliga keinen einzigen Sieg ein, in dieser Spielzeit setzte es in acht Spielen acht teilweise krachende Niederlagen.

Hamm - Warum all dies Holger Wortmann nicht davon abgehalten hat, beim Traditionsverein aus dem Hammer Osten als Sportlicher Leiter einzusteigen, verrät er in einem Gespräch mit Patrick Droste.

Herr Wortmann, den bislang letzten Sieg landete die Hammer SpVg am 26. Mai 2019. Muss man masochistisch veranlagt sein, um bei so einem Verein in verantwortungsvoller Position einzusteigen?
Masochistisch ist ein guter Ausdruck, das stimmt tatsächlich. Aber es gibt mehrere Gründe. So habe ich zu den handelnden Personen bei der HSV schon seit vielen Jahren einen engen Draht, gerade zu Steven Degelmann. Wir haben da in Sachen Fußball eine ähnliche Denke. Und wir haben alle das gleiche Ziel: Wir wollen versuchen, diesen Verein wieder sportlich nach vorne zu bringen. Ich denke, wir können in dieser Saison durchaus noch etwas erreichen. Außerdem ist die Hammer SpVg immer noch eine Marke mit einer tollen Jugendarbeit. Das merkt man im Moment auch gerade daran, dass es sehr, sehr vielen Leuten nicht egal ist, wie es um die HSV steht. Der Verein interessiert viele Leute. Und ich habe festgestellt, dass auch im Vorstand mit der nötigen Ruhe und Kontinuität gearbeitet wird. Da wurde man ja sonst schnell mal unruhig. Dort gehen die handelnden Personen mit Bedacht an die Arbeit heran. Aber man muss natürlich auch den Finger in die Wunde legen: Es ist ganz offensichtlich, dass die erste Mannschaft seit ganz ganz vielen Monaten sportlich nicht liefert. Ich bin da mit Steven auf einer Linie: Die Mannschaft ist derzeit nur phasenweise Oberliga-tauglich, und sie ist auch nur phasenweise wettbewerbsfähig.
Sie haben jetzt seit zwei Wochen einen Einblick in die Situation im Hammer Osten. Was ist da in der Vergangenheit alles schief gelaufen? Und was läuft da jetzt noch schief?
Ich kann nur über die letzten zwei, drei Wochen sprechen. Aber da war natürlich zu sehen, was eine so lange Zeit ohne Erfolgserlebnis mit der Mannschaft macht. Dass man in die Spiele nicht mit einer breiten Brust und viel Selbstvertrauen geht, ist ganz klar. Hinzu kommt, dass bei den kleinsten negativen Erlebnissen sofort die Köpfe runter gehen. Am Sonntag gegen Gütersloh war es in der ersten Halbzeit eine komplette Bankrotterklärung. In der zweiten Hälfte hat das Team zumindest eine Reaktion gezeigt und ordentlich mitgespielt. Aber da muss mehr kommen. Die Mannschaft muss beweisen, dass sie Entwicklungspotenzial hat. Das hat sie immer mal wieder phasenweise gezeigt, aber nicht über 90 Minuten. Das muss sie über die gesamte Spieldauer abrufen, sonst wird es nicht funktionieren.
In den vergangenen Jahren gab es sowohl im Sommer als auch im Winter immer zahlreiche Wechsel, meist wurde mehr als eine komplette Mannschaft ausgetauscht. Ist da nicht mehr Kontinuität vonnöten, dass sich Strukturen und vor allem Hierarchien entwickeln können?
Ja, natürlich. Jede Mannschaft ist dankbar, wenn charakterstarke Jungs in der Truppe sind. Man braucht echte Typen, die auf und neben dem Platz Zeichen setzen. Dazu kann man dann junge Talente packen, die von den erfahrenen Akteuren geführt werden. Das muss das Ziel der HSV sein, in der Zukunft eine Hierarchienbildung hinzubekommen und Spieler über einen längeren Zeitraum zu behalten, damit man drumherum immer wieder junge Leute packen kann, die sich an den anderen aufrichten und entwickeln können. Das wurde in der Vergangenheit ein bisschen unterschätzt, da sind in den Transferperioden der eine oder andere Spieler zu viel geholt oder auch abgegeben worden, so dass sich eine gewisse Hackordnung gar nicht bilden konnte.
Dabei sind die Voraussetzungen im Hammer Osten, erfolgreich Fußball zu spielen, eigentlich optimal: Es ist ein Traditionsverein, der im Erfolgsfall viele Zuschauer zieht, es gibt gute strukturelle Voraussetzungen, die Jugendarbeit ist stark. Wo liegt das Problem?
Wie gesagt, die erste Mannschaft hat seit längerer Zeit nicht geliefert. Da muss ganz kurzfristig angesetzt werden. Gerade wenn man auf Sponsoren zugeht, dann ist es wichtig, dass man ein entsprechendes Produkt anbietet. Wenn man aber monatelang keine Erfolgserlebnisse hatte, dann hat man wenig Möglichkeiten, da überzeugend aufzutreten. Denn letztlich definiert sich ganz viel über den sportlichen Erfolg.
Was sind Ihre Aufgaben als Sportlicher Leiter?
Unser gemeinsames Ziel ist es aktuell, dass die Mannschaft wettbewerbsfähig wird. Im Moment sehe ich diese Wettbewerbsfähigkeit nicht. Das mittelfristige Ziel ist es, bis zur Winterpause den einen oder anderen Punkt zu holen, um dann eventuell das Unmögliche noch möglich zu machen – nämlich den Klassenerhalt zu schaffen. Ich als Sportlicher Leiter bin angetreten, um jeden Stein hier im Verein hochzuheben. Wir müssen zum Beispiel an der Außendarstellung der Hammer SpVg arbeiten. Das fängt mit der Leistung der ersten Mannschaft an. Ich sehe mich als Innenminister, bei dem die sportlichen Fäden zusammenlaufen. Auch als Kümmerer für die Mannschaft, als erster Ansprechpartner für Steven in sportlichen Fragen, verantwortlich für die Kaderplanung und sicherlich auch als jemand, der sich über Konzepte unterhält, wie geht es weiter, welche Strategiepläne verfolgen wir in den nächsten Monaten und eventuell auch über einen längeren Zeitraum.
Apropos Kaderplanung: Hätten Sie, wenn Sie schon im Sommer tätig gewesen wären, den Kader so zusammengestellt?
Unter den gegeben Umständen sind sicherlich sehr gute Jungs in den Hammer Osten gewechselt, und der Kader ist vernünftig zusammengestellt worden. Man darf nicht vergessen, dass der Verein gerade zu Coronazeiten in diesem Transferfenster ganz wenig Budget zur Verfügung hatte. Nichts desto trotz ist es schon auffällig, dass zum Beispiel im defensiven Mittelfeld viele gleichgeartete Spieler im Kader stehen. Da hätte man vielleicht für mehr Körperlichkeit sorgen können. Das ist in den ersten Spielen, die ich gesehen habe, auffällig gewesen.
Im Sommer 2019 unter dem damaligen Trainer René Lewejohann hat es mit der Kaderzusammenstellung auch nicht gepasst. Ist das ein grundsätzliches Problem der HSV? Oder warum macht man augenscheinlich den gleichen Fehler zweimal?
Dinge, die länger als vier bis sechs Wochen zurückliegen, da möchte und kann ich nichts zu sagen. Ich kann das nicht bewerten. Wahrscheinlich war es aber aufgrund des engen Finanzrahmens nicht anders möglich.
Wenn der Etat ausgereizt ist, bleiben da am Ende nur Durchhalteparolen?
Nein, wir versuchen mit kreativen Lösungen Spieler in den Hammer Osten zu locken. Wir halten Augen und Ohren offen, denn wir können auch nach Ende der Transferperiode Spieler, die derzeit keinen Verein haben, verpflichten. Da werden aktuell auch Gespräche geführt. Aber der finanzielle Rahmen ist sehr eng und eigentlich ausgeschöpft. Wir wollen bis zur Winterpause punkten, damit das Unterfangen nicht ganz aussichtslos ist. Dann können wir schauen, wie wir uns für die Rückrunde aufstellen.
Wie wie schwer wird es sein, angesichts der desaströsen sportlichen Bilanz im Winter Spieler zur HSV zu holen?
Es wird sicherlich nicht einfacher, wenn die Mannschaft bis dahin punktemäßig nichts abgeliefert hat. Das ist uns klar. Trotzdem ist die HSV für viele Spieler immer noch ein attraktiver Ansprechpartner. Es gibt immer Akteure, die bei uns spielen wollen, aber wenn sie hören, was sie bei uns verdienen können, springen sie wieder ab und gehen woanders hin.
Wie wollen Sie die aktuelle Mannschaft wettbewerbsfähig machen, wenn das schon in der Vorbereitung und in den ersten acht Spielen nicht geklappt hat?
Wir müssen der Mannschaft das Gefühl geben, dass wir zu ihr stehen, dass sie Potenzial hat, dass wir eng an ihr dran sind und dass wir ihr weiter das Vertrauen geben. Wir müssen viel mit den Jungs reden. Gleichwohl müssen wir auch klar auf die Fehler hinweisen und durch Videosequenzen aufzeigen, was die Spieler falsch gemacht haben und wie sie es besser machen können. Wir haben leider immer wieder Aussetzer drin. Mal der Torwart, mal der Innenverteidiger, mal der Sechser – das sind Kleinigkeiten, dass sind Konzentrationsschwächen. Aber Konzentration ist auch eine Art von Qualität. Wenn ich es 90 Minuten lang nicht schaffe, mich auf meinen Job zu konzentrieren, dann muss man sich die Frage irgendwann stellen, ob man noch wettbewerbsfähig ist. Trotzdem glauben wir an diese Truppe.
Wäre es vielleicht im Sommer besser gewesen, freiwillig in die Westfalenliga zurück zu gehen und dort in aller Ruhe einen Neustart zu machen?
Wenn man aus dem Rathaus kommt, ist man immer schlauer, als wenn man hineingeht. Ich persönlich bin der Meinung, dass man genau die richtige Entscheidung getroffen hat. Junge Leute können sich dadurch auf Oberliga-Niveau beweisen und sich anhand der Anforderungen auch entwickeln. Und wenn man die Möglichkeit hat, so hoch wie möglich zu spielen, dann ist die Entscheidung auch richtig gewesen.

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