Mit 67 Jahren auf höchstem Niveau

Vom Staatsprofi zum Pokalabräumer - Schach ist sein Full-Time-Job

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Der Hammer Hans-Werner Ackermann spielt Schach auf höchsten Niveau. In den vergangenen Jahren wurde er nicht nur wiederholt Deutscher Meister, sondern sammelte auch zahlreiche Pokale.

Seit frühester Jugend beschäftigt sich Hans-Werner Ackermann mit dem Brettsport und misst sich schon lange mit den Besten der Welt. In diesem Jahr stehen auch Welt- und Europameisterschaften für ihn an.

Hamm – Ob er lieber mit weiß oder schwarz spielt, weiß er selber nicht so genau. „Ich denke, ich bin ein bisschen erfolgreicher, wenn ich die schwarzen Figuren habe. Dann kann ich abwarten und darauf reagieren, was der Gegner macht. Aber letztlich habe ich mit weiß auch genug Eröffnungen in meinem Repertoire“, sagt Hans-Werner Ackermann und zuckt ratlos mit den Schultern.

Ansonsten aber kennt er sich im Schachsport so gut aus wie kaum ein Zweiter in Hamm. Denn der 67-Jährige hat in den vergangenen Jahren im Seniorenschach fast alles gewonnen, was es in Europa zu gewinnen gibt – und will seine Erfolgsserie auch in den kommenden Monaten wieder bei verschiedenen Turniere wie bei der Mannschafts-Weltmeisterschaft im März in Prag, bei der Europameisterschaft im April in Polen und bei den deutschen Titelkämpfen im Mai in Magdeburg nur zu gerne fortführen.

Angefangen hat seine Leidenschaft für das königliche Brettspiel im zarten Alter von sechs Jahren. Sein Vater Anton spielte damals in Bockum-Hövel sonntags nach dem Kirchgang mit einigen Freunden immer Schach. Und die Mutter schickte den kleinen Hans Werner am späten Vormittag meist los, den Vater zu holen, damit dieser pünktlich zum Mittagessen wieder zuhause war.

Rentner lehrt das Schachtalent Kniffe und Tricks

„Ich fand das spannend, wie die vor den Schachbrettern saßen und immer auf die Uhren gedrückt haben“, erinnert sich Ackermann, der irgendwann von einem der Freunde seines Vaters in die Geheimnisse des Brettspiels eingeweiht wurde – mit dem Ergebnis, dass wenig später nicht nur sein Vater, sondern auch Hans Werner Ackermann wiederholt zu spät zum Mittagessen erschien.

Denn der Schachvirus hatte ihn komplett ergriffen. Der Filius wurde innerhalb kürzester Zeit – auch durch einen Rentner, der ihm nach der Schule weitere Tricks und Kniffe beibrachte – im Umgang mit König, Dame und Bauern so gut, dass sein Vater nach wenigen Monaten nicht mehr gegen seinen Sprössling spielen wollte.

Konzentriert und vorausplanend: Hans-Werner Ackermann bereitet sich auf jede Partie intensiv vor, um möglichst viele Varianten parat zu haben.

Und auch andere Gegner setzte er immer häufiger schachmatt, so dass er zuerst Jugendstadtmeister in Hamm wurde und auch auf NRW-Ebene zahlreiche Siege einfuhr. Mit der Auswahl von Nordrhein-Westfalen gewann er zweimal die deutsche Mannschaftsmeisterschaft und wechselte schließlich nach Menden sowie später nach Bochum, wo er jeweils in der Bundesliga antrat. Und sogar für die Nationalmannschaft wurde er nominiert.

Ackermann: "Ich war quasi ein Staatsprofi"

Ackermann gehörte nämlich zwei Jahre lang der Sportförderkompanie der Bundeswehr in Essen-Kupferdreh an. „Ich war quasi ein Staatsprofi“ sagt Ackermann, der zu dieser Zeit auch in einem Länderkampf gegen die Niederlande zum Einsatz kam. Als für ihn der Berufsalltag begann, musste seine Leidenschaft für viele Jahre ein wenig hinten anstehen. Als er aber vor sieben Jahren pensioniert wurde, legte Ackermann richtig los. „Endlich hatte ich wieder Zeit für Turniere“, sagt er mit einem verschmitzten Lächeln und war seitdem an fast jedem Wochenende unterwegs. Dabei heimste er zahlreiche Titel und Pokale ein, die jetzt alle in seiner Wohnung stehen und laut Ackermann „dort verstauben.“

So spielte er für Rostock wieder in der Bundesliga, wurde bei den Senioren gleich dreimal Deutscher Meister im Schnellschach, zweimal Dritter bei der Schach-DM, setzte sich im vergangenen Jahr bei der Blitzschach-DM durch, kam bei der Europameisterschaft in Norwegen vor zwei Jahren auf den mit drei anderen Spielern geteilten ersten Platz, gewann bei der Mannschafts-Europameisterschaft in Polen vor zwei Jahren die Silbermedaille und brachte von verschiedenen Seniorenturnieren im In- und Ausland immer wieder die Siegerpokale mit nach Hause. „Ich habe in den vergangenen sieben Jahre so viele Trophäen gewonnen wie noch nie“, so Ackermann.

Diese Erfolge kommen aber nicht von irgendwoher, sondern sind das Ergebnis harter und intensiver Arbeit. Zwei bis drei Stunden investiert Ackermann jeden Tag in seine Leidenschaft, schaut sich im Internet die Partien von Schach-Großmeistern an und zieht aus deren Zügen die entsprechenden Schlüsse für sein eigenes Spiel. Und auch während eines Turniers setzt er sich nicht unvorbereitet an den Tisch.

Striktes Konditionstraining ist gefordert

Vielmehr lotet er vorher die Stärken und Schwächen seines Gegenübers aus oder überlegt sich verschiedene Eröffnungsvarianten. „Wenn man weiß, gegen wen man antritt, dann schaut man schon, wie der andere spielt, damit man entsprechende Antworten parat hat“, erklärt Ackermann, der zudem jede vom ihm absolvierte Partie nacharbeitet, sich zuhause an den Computer setzt, sich die Züge noch einmal anschaut und überlegt, was er hätte besser machen können.

„Eigentlich kann man sagen, dass ich rund um die Uhr mit Schach beschäftigt bin.“ Um bei den Turnieren für die Partien, die meist fünf bis sechs Stunden dauern, nicht die Konzentration zu verlieren, arbeitet Ackermann jede Woche an seiner Kondition, geht schwimmen und besucht regelmäßig ein Fitness-Studio. „Man muss körperlich auf der Höhe sein und sollte auch mental gut drauf sein“, erklärt er und verrät auch gleich, was sonst noch alles wichtig ist, um ein guter Schachspieler zu sein: „Man muss gut rechnen, kombinieren und vorausplanen können.

"Eigentlich kann man sagen, dass ich rund um die Uhr mit Schach beschäftigt bin", sagt Hans-Werner Ackermann. Der 67-Jährige hat sein Hobby nach seiner Pensionierung quasi zu einem Full-Time-Job gemacht.

Man benötigt Kampfeswillen. Und man braucht eine gute Auffassungsgabe, denn das Spiel bietet so viele Möglichkeiten, was auch das Faszinierende an Schach ist.“ Was er aber gar nicht mag, ist das Spiel gegen einen Schachcomputer. Selbst zu Trainingszwecken nutzt er diesen nicht. „Ich schaue mir Spiele am Computer an. Aber ich mag diesen Kampf Mensch gegen Mensch, das macht Spaß. Aber nicht Mensch gegen Computer“, erläutert er und genießt es, wenn er auf den Turnieren Schachspieler wieder sieht, gegen die er vor 30 oder 40 Jahren das letzte Mal angetreten ist.

Ackermann will noch lange weitermachen

„Das ist einfach traumhaft. Man kommt viel herum. Und man trifft immer wieder Gleichgesinnte. Da braucht man keine Sprache. Denn die Schachregeln sind auf der ganzen Welt die gleichen.“ Zu diesen Regeln gehört es auch, dass bei einem Turnier nicht auf technische Hilfsmittel zurückgegriffen werden darf. Smartphones, Computer und gar elektronische Uhren sind absolut verboten.

Und wer gegen diese Bestimmungen verstößt, muss mit einer langen Sperre rechnen. „Das nennt man bei uns E-Doping. Ich finde, das ist eine große Sauerei, wenn das jemand macht“, sagt Ackermann und erzählt, dass es vor zwei Jahren bei der Europameisterschaft in Norwegen extra eine Sicherheitsschleuse am Eingang der Halle gab, durch die jeder Spieler gehen musste und durchleuchtet wurde, ob nicht jemand heimlich ein mobiles Gerät einschmuggeln wollte.

An das Ende seiner Karriere denkt Ackermann übrigens noch lange nicht. „Es gibt Leute, die zeigen mit über 80 Jahren immer noch tolle Partien. Das ist das Schöne an diesem Hobby, man kann so lange spielen, wie man körperlich und geistig fit ist. Ich habe mir jedenfalls kein Ende gesetzt, sondern lasse das auf mich zukommen“, sagt Ackermann.

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