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Holger Wortmann: „Jeder hat sich über uns lustig gemacht“

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Von: Patrick Droste

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Holger Wortmann, Sportlicher Leiter der Hammer SpVg, glaubt an den Klassenerhalt des Oberligisten.
Holger Wortmann, Sportlicher Leiter der Hammer SpVg, glaubt an den Klassenerhalt des Oberligisten. © Reiner Mroß / Digitalfoto

Nach der 0:3-Niederlage in Kaan-Marienborn steht Fußball-Oberligist Hammer SpVg da, wo viele Experten die HSV von vorneherein erwartet haben: nämlich auf einem Abstiegsplatz.

Hamm - Warum es beim Team von Trainer Steven Degelmann nicht besser läuft, was aber gleichzeitig auch Hoffnung macht, erklärt der Sportliche Leiter Holger Wortmann im Gespräch mit Patrick Droste.

Herr Wortmann, die Hammer SpVg ist auf einen Abstiegsplatz abgerutscht. Haben Sie im Vorfeld der aktuellen Saison damit gerechnet, dass sich die HSV erneut tief im Tabellenkeller wieder finden wird?

Erst einmal muss man sagen, dass die Leistung in Kaan angenehm war, die fand ich in Ordnung. Gegen viele andere Gegner hätte das gereicht. Aber Kaan ist eine ganz andere Hausnummer. Wir müssen uns klar machen, wo wir herkommen. Wir hatten vorher mehr als zwei Jahre lang kein Spiel gewonnen. Es ist daher für mich nicht überraschend, dass wir auf einem Abstiegsplatz stehen, also auf einem Platz, wo uns viele in der Öffentlichkeit auch sehen. Wir wurden vor der Saison ja als Abstiegskandidat Nummer eins gehandelt. Jeder hat sich über uns lustig gemacht und hat gesagt, ihr spielt doch nur aufgrund der Corona-Geschichte noch in der Oberliga. Wir hatten im Sommer wieder einen großen Umbruch. Da ist es logisch, dass das ganze Gebilde noch fragil ist. Aber ich denke auch, dass es für den einen oder anderen auch überraschend ist, dass wir schon zwei Siege haben. Dies tut sicherlich der Seele gut. Aber in unseren Augen war noch ein bisschen mehr drin. Wir hätten sicher sechs Punkte mehr haben können.

Warum hat es mit diesen sechs Punkten mehr auf dem Konto nicht funktioniert? Was fehlt dem Team aktuell noch, um ein wenig weiter oben in der Tabelle zu stehen?

Ich mache das ein bisschen an unserem zweiten Spiel in Münster fest. Wir sind mit dem 4:0-Heimsieg über Erndtebrück wunderbar in die Saison gestartet. Es war richtig viel Euphorie in der Mannschaft, im gesamten Verein und im Umfeld. Wir sind dann selbstbewusst nach Münster gefahren, haben da auch einen guten Job gemacht. Aber haben dann aus der Euphorie heraus einen ganz großen Fehler gemacht. Nachdem wir kurz vor Schluss das 2:2 erzielt haben, haben wir alles nach vorne geworfen, anstatt den einen wichtigen Punkt mitzunehmen. Da sind wir dann klassisch ausgekontert worden. Dann ist das Selbstvertrauen wieder ein wenig verschwunden. Wir sind noch nicht so konstant und abgezockt, um zu sagen, wir nehmen den einen Punkt mit und starten mit vier Zählern in die Saison. Danach haben wir das schwere Heimspiel gegen Paderborn verloren und waren direkt wieder in diesem negativen Strudel. Anschließend haben wir in Meinerzhagen die bislang schlechteste Saisonleistung gezeigt. Daher hinken wir derzeit ein bisschen hinterher, sind aber dennoch der Meinung, dass wir auf einem guten Weg sind – wenn wir die Vergangenheit betrachten.

Wie können Sie und das Trainerteam um Steven Degelmann es hinbekommen, dass die Mannschaft stabiler wird und sich durch Rückschläge nicht so schnell aus dem Rhythmus bringen lässt? Warum passt es noch nicht so, wie Sie es sich vorstellen?

Wir haben noch nicht das Selbstvertrauen, um mit einem großen Selbstverständnis in ein Spiel zu gehen und zu sagen, wir gewinnen zum Beispiel gegen Finnentrop/Bamenohl. Dieses Selbstverständnis haben wir noch nicht. Das müssen wir uns erst wieder erarbeiten. Und das geht nur durch Erfolgserlebnisse. Und zusätzliches Selbstvertrauen. Da fehlt es uns noch, da müssen wir den Hebel ansetzen. Wo wir aber auch den Hebel ansetzen müssen – und da habe ich zusammen mit dem Trainerteam den Finger in die Wunde gelegt –, ist die Tatsache, dass wir in einem Derby gegen Westfalia Rhynern uns definitiv nicht so präsentieren dürfen wie in den ersten 45 Minuten. Es war sicher für den einen oder anderen das erste Derby. Und wir waren nach dem 4:0 gegen Westfalia Herne euphorisiert, während Rhynern in Sprockhövel eine Klatsche bekommen hatte. Aber dass wir dann mit so wenig Leidenschaft in ein Derby gehen, wo Mentalität gefragt ist, und das so abgeschenkt haben, das tut auch im Nachhinein noch weh. Das darf uns in dieser Form eigentlich nicht ein zweites Mal passieren. Aber das ist ein Zeichen, dass wir noch keine Konstanz haben.

Aber gegen die SG Finnentrop-Bamenohl beim 2:2 nach einer 2:0-Führung hat erneut die Bereitschaft gefehlt, so einen Vorsprung mit aller Macht ins Ziel zu bringen. Warum ist es da erneut passiert?

Das stimmt, da haben wir erst einmal fußballerisch überhaupt kein gutes Spiel gemacht. Wenn man 2:0 führt und noch die eine oder andere Chance hat, die Führung weiter auszubauen, dann muss man sicherlich mit Haut und Haaren versuchen, das über die Zeit zu bringen. Gerade dann, wenn man merkt, dass es an dem Tag fußballerisch nicht gut läuft. Das hat sicherlich gefehlt. Und darüber ist mit der Mannschaft gesprochen worden. Als Reaktion hat das Team in Kaan ein gutes Zeichen gesetzt. Klar, wir haben da 0:3 verloren, aber dennoch war das in Ordnung. Daher kann ich sagen, dass wir grundsätzlich mit der Entwicklung der Mannschaft zufrieden sind. Wie gesagt, man darf nicht vergessen, was in den etwas mehr als 24 Monaten vorher passiert ist.

Sie gehen aber davon aus, dass sich die Hammer SpVg nach der Hinserie in der Abstiegsrunde wiederfinden wird uns bis zum Ende um den Klassenerhalt kämpfen wird?

Wenn da irgendjemand etwas anderes gesagt haben sollte, dann war er ein Träumer. Man kann ja nicht erwarten, dass man mit einer Mannschaft, die sportlich über einen ganz langen Zeitraum am Boden lag, die einen erneuten Umbruch hatte und für die das Budget erneut reduziert wurde, durchstarten und die Regionalliga angreifen kann. Das können andere Mannschaften machen wie Kaan, wie Gütersloh oder wie die Rhyneraner, die das über Jahre hinweg gut machen, die aus einer ganz anderen Stabilität kommen. Das ist ein verschworener Haufen bei der Westfalia. Da müssen wir auch hinkommen, wir müssen uns auch gegen Widerstände besser wehren. Das geht aber nur gemeinsam und geschlossen. Und daher haben wir für uns immer das Ziel gesetzt, am letzten Spieltag der Saison die Möglichkeit zu haben, auch im nächsten Jahr in der Oberliga dabei zu sein. Alles andere wären Träumereien gewesen.

Was macht Ihnen Hoffnung, dass die HSV auch in der Saison 2022/23 in der Oberliga antreten wird? Immerhin werden mindestens fünf der elf Teams der Abstiegsrunde den Klassenerhalt nicht schaffen.

Die Entwicklung und der Charakter der Mannschaft. Es sind Jungs dabei, die wollen, die haben Spaß daran, für die Hammer SpVg zu spielen. Grundsätzlich sind wir mit der Einstellung, mit der Mentalität und mit dem Charakter in der Kabine zufrieden. Außerdem glauben wir auch, dass da noch was kommen wird. Wir haben einige junge Spieler wie Julius Woitaschek, der noch große Zeiten vor sich haben kann. Oder Halil Dogan und Rion Latifaj, da ist bei unseren Offensivkräften noch Luft nach oben. Wir hoffen, dass bei dem einen oder anderen der Knoten noch platzt, so wie bei Vincent Ocansey, der bislang eine gute Runde spielt. Daher sind wir zuversichtlich, dass wir die Liga halten können.

Gegen die vier unter der HSV stehenden Teams – Herne, Meinerzhagen, Finnentrop/Bamenohl und Holzwickede – hat die HSV bislang fünf Punkte geholt. Gegen die anderen Teams erst drei. Wie schätzen Sie dies ein?

Die Spiele, die ich bis jetzt gesehen habe, haben mir gezeigt, dass es da einige Mannschaften gibt, mit denen wir ganz klar auf Augenhöhe sind. Wir hatten vor der Saison gesagt, dass wir konkurrenzfähig sein werden. Das war in den 24 Monaten vorher ja nicht der Fall. Wir können wieder mithalten – zumindest gegen die Mannschaften von unten. Was wir uns wünschen, wäre jetzt auch mal ein Überraschungscoup gegen eine starke Mannschaft. Daher wäre es auch so schön gewesen, gegen eine Topmannschaft wie Rhynern mal ein Ausrufezeichen zu setzen. Das fehlt uns noch im Moment. Aber das hat alles mit Selbstvertrauen zu tun. Wir kommen aus einer ganz schlechten sportlichen Situation. Wir sind dabei, uns wieder zu konsolidieren. Und ich denke, da sind wir auf einem guten Weg.

Nichtsdestotrotz – am Sonntag kommt mit Viktoria Clarholz ein Gegner, der genauso wie die HSV erst acht Zähler auf dem Konto hat. Da kann es keine zwei Meinungen geben, da muss ein Dreier her, um das Punktekonto zu verbessern, um den Abstiegsplatz zu verlassen und um das Selbstvertrauen wieder aufzubauen. Wie wichtig ist dieses Heimspiel in Ihren Augen?

Wir gehen ganz klar in das Spiel mit dem Ziel, die drei Punkte zu behalten. Wir können nicht sagen, dass wir uns mit solchen Mannschaften auf Augenhöhe befinden – und sind dann mit einem Unentschieden zuhause zufrieden. Die Zielsetzung ist ganz eindeutig. Wir trainieren diese Woche für drei Punkte. Leider fehlt uns mit dem gesperrten Emre Cakir ein wichtiger Abwehrspieler. Aber wir sind der Meinung, dass der Kader stark genug ist, um das aufzufangen. Und auch stark genug, um – wie bereits gesagt – die Liga zu halten. Wir sind nicht so abgeschlagen, gammeln nicht wie letztes Jahr mit null Punkten da unten herum, sondern wir sind auf Augenhöhe, sind wettbewerbsfähig und müssen die Entwicklung, die wir schon gegangen sind, weiter auf den Platz bringen. Das ist das große Ziel. Ich sehe keine Mannschaft, die wir mit dem Fernglas beobachten müssen, alle da unten sind in Reichweite. Da ist es wichtig, dass wir die nicht aus den Augen verlieren, sondern nah dran sind.

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