Fußball

Wie der Hammer Björn Hegemann zu seinem Job bei Borussia Dortmund kam

Björn Hegemann bereut es nicht, das Hobby zum Beruf gemacht zu haben.
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Björn Hegemann bereut es nicht, das Hobby zum Beruf gemacht zu haben.

Der Hammer Björn Hegemann ist als Leiter der BVB-Abteilung für Fanangelegenheiten nah am Geschehen. Dass er sein Hobby zum Beruf gemacht hat, bereut er nicht.

Hamm - Als die Fußball-Karriere von Björn Hegemann begann, deutete noch nichts darauf hin, dass er später einmal mit diesem Sport seinen Lebensunterhalt verdienen würde. Als sechsjähriger Stepke meldete ihn Vater Jörg bei Arminia Hamm an, etwa zeitgleich wurde er glühender Fan von Borussia Dortmund – 23 Jahre später ist der gebürtige Hammer Leiter der Abteilung für Fanangelegenheiten beim BVB. 

„Ich habe mit den Meisterschaften 1995 und 96 angefangen, mein Zimmer schwarz-gelb zu dekorieren“, erinnert sich Hegemann. „Und mein Onkel Kai hat mich dann relativ schnell mit auf die Südtribüne genommen. Wir hatten eine Cola-Kiste dabei, auf der ich gestanden habe, um etwas zu sehen. Das war damals noch erlaubt.“

Die Lunte für eine intensiv gelebte Fußball-Leidenschaft war gelegt. Denn während Hegemann für die Arminia und dann für den TuS Uentrop aktiv war, wuchs seine Leidenschaft für den BVB stetig an. Der Besuch aller Heimspiele wurde schnell zur Pflicht, und auch auswärts nahm der Hammer ab seinem 15. Lebensjahr von der Meisterschaft bis zu europäischen Pokalspielen alles mit, was möglich war. 

„Dadurch lernt man viele Leute kennen, bekommt ein großes Netzwerk in der Fanszene und Kontakt zum Verein“, sagt der 29-Jährige, der seit 2016 in Dortmund wohnt. „Ich war zu dem Zeitpunkt Student an der Fachhochschule in Münster, wollte meine Bachelor-Arbeit über einen Sportverein schreiben – im besten Fall zu einem Thema rund um Borussia Dortmund.“

Bachelor-Arbeit und Praktikum verbunden

2014 war Hegemanns Kontakt zum damaligen Fanbeauftragten Daniel Lörcher durch sein ehrenamtliches fanpolitisches Engagement relativ eng. Sein Bachelor-Thema „Anti-Rassismusarbeit“ war bei Borussia zu dem Zeitpunkt auch aktuell. „Dann hat Daniel mir gesagt, dass der BVB zufällig gerade einen Praktikanten suchen würde“, erinnert sich Hegemann. „So konnte ich meine Arbeit direkt mit einem Praktikum verknüpfen. Von September 2014 bis März 2015 war ich Praktikant, habe meine Arbeit geschrieben und hatte dadurch beim BVB den Fuß in der Tür. Am Ende des Praktikums wurde ich dann gefragt, ob ich als festangestellter Fan-Beauftragter bleiben möchte.“

Nur genau das wusste Hegemann damals nicht so genau. Denn der BVB war vor allem eins: sein Hobby. Noch dazu ein sehr intensiv gelebtes, das einen elementaren Teil seines Lebens ausmachte. „Eigentlich war es überhaupt nicht meine Absicht, hier hängen zu bleiben“, gesteht er, während sein Blick durch sein Büro in der Dortmunder Geschäftsstelle schweift. „Darum habe ich mir zwei, drei Wochen Zeit genommen, mit Freunden und Familie gesprochen und dann beschlossen, dass ich diese Chance nutzen sollte. Seit Mai 2015 bin ich fest beim BVB angestellt.“

Die Aufgaben sind vielfältig

Die Strukturen haben sich seitdem komplett verändert. Fünf einzelne Mitarbeiter wurden zur „Abteilung für Fanangelegenheiten“ zusammengefasst, die bis heute auf zehn Personen angewachsen ist, deren Abteilungsleiter Hegemann seit Februar, 2019 ist. „Meine Aufgaben sind vielfältig“, sagt er. „Auf der einen Seite haben sie einen sozialpädagogischen Hintergrund – auf der anderen einen kaufmännisch-administrativen. Ich bin zuständig für dei strategische Ausrichtung der Abteilung, die sehr öffentlichkeitswirksam arbeitet, da wir das Bindeglied zwischen Fans und dem BVB sind.“

In der Praxis sieht das so aus, dass Hegemann regelmäßig bei den Spielen des BVB vor Ort ist. „Da bin ich ansprechbar für alle Fans“, betont er. „Sei es, dass sie Tickets verloren haben oder wissen wollen, wie hoch die Busgebühren sind. Oder wenn jemand Sanitäter braucht. Wichtig ist es, erkennbar zu sein: über die Akkreditierung, aber auch über die Gesichter. Unser Ziel ist es, dass große Teile der aktiven Fanszene uns kennen und wissen, dass wir helfen können.“ Hegemann und seine Abteilung sind die Schnittstelle zwischen den Fans und den jeweiligen Themenbereichen. In Corona-Zeiten ist die Arbeit deutlich überschaubarer – vor allem an den Spieltagen. „Aber wir sind trotzdem weiter im Austausch mit den Fans“, versichert der Wahl-Dortmunder. „Vor dem Bayern-Spiel haben sich zum Beispiel 30 bis 40 Fans aus München angekündigt. So genannte Allesfahrer, die auch in der Krise zu den Spielen kommen. Da haben wir im Voraus die Polizei informieren können. Andersherum schicken wir den Gästefans Corona-Regelungen aus NRW zu. Und informieren im Vorfeld darüber, dass die Leute zuhause bleiben sollen, dass wir uns für die Unterstützung bedanken, sie aber nicht zum Stadion gehen sollen.“

Feste Arbeitszeiten gibt es nicht

Seinen Tagesablauf sieht Hegemann, ähnlich wie in anderen Bürojobs auch. „Allerdings haben wir keine festen Arbeitszeiten.“ Er selbst ist schon morgens im Büro. E-Mails checken, Telefonate führen, aber auch viele hausinterne Termine abarbeiten. „Daran hat sich mit Corona nichts geändert“, sagt er. „Nur leider sind die externen Termine auf Null gefahren.“

Dazu gehören die nun fehlenden Besuche im Stadion. Denn dort ist die Zahl der zugelassenen Personen sehr begrenzt. Ordner, Balljungen, Mannschaften, TV-Produktion, Journalisten – darüber hinaus acht Personen des Heim- plus vier der Auswärtsvereins. Plätze, die für Geschäftsführungsebene und Präsidium reserviert sind. „Für unsere Abteilung ist der Anspruch nicht gegeben, im Stadion zu sein“, weiß Hegemann. „Für uns ist es besser draußen vor dem Stadion präsent zu sein, wenn doch mal ein Fan mit dem Fahrrad vorbei kommt und quatschen will.“

Entzugserscheinungen haben sich bereits eingestellt. „Man vermisst es, im Stadion Teil des Ganzen zu sein. Das Spiel packt dich mehr, wenn du nah dran bist und nicht nur vor dem Fernseher“, sagt Hegemann, der die Fortsetzung der Saison unter Ausschluss der Fans durchaus kritisch sieht. „Aus meiner Sicht hat die Saison durch die Medienspiele ihren emotionalen und sportlichen Wert größtenteils verloren. Es hat eben einen wirtschaftlichen Aspekt bekommen, die Saison zu beenden, was nachvollziehbar ist. Wir können froh sein, dass niemand beim BVB in Kurzarbeit ist.“

Corona und die Folgen

Auch bei den Fans hat er geteilte Meinungen zu dem Thema vernommen, das differenziert diskutiert wird. „Wenn das mit den Coronabeschränkungen noch ein halbes Jahr dauern sollte, ist es für mich durchaus vorstellbar, dass sich einige vom Fußball abwenden werden. Damit müssen wir uns beschäftigen: wie man über einen langen Zeitraum die Fans an den BVB gebunden hält.“

Seine persönlichen Erlebnisse als Fan-Verantwortlicher sind vielschichtig, reichen von sportlichen Highlights wie den drei Pokalfinal-Teilnahmen 2015, 2016 und 2017 bis zu den internationalen Partien in Baku oder Krasnodar, „wo ich privat nie hingekommen wäre. Der Pokalgewinn 2017 war aber das bisher größte Erlebnis. Da als Hauptansprechpartner der Fanbeauftragten dabei sein zu dürfen und auf der Tartanbahn zu stehen, wenn das goldene Lametta runterkommt. Die Spieler, die an einem vorbeilaufen und abklatschen – das war schon etwas Besonderes.“

Auch skurrile Erlebnisse mit Fans sind haften geblieben. „In London war ein Fan vor dem Spiel einfach weg“, schildert Hegemann. „Die Freunde haben sich an uns gewendet, wir mit der Polizei gesprochen, der deutschen Botschaft – haben dann über eigene Kommunikationskanäle sein Foto hochgeladen. Am nächsten Tag ist der betrunken in die deutsche Botschaft getorkelt. Er hatte sich einfach verlaufen.“ Das gleiche passierte vergangenes Jahr in Barcelona. Die Person tauchte erst zwei Tage später wieder auf, hatte Rucksack, Pass und Handy verloren, den Flug verpasst – und hat es trotzdem zurück nach Deutschland geschafft.

Oder ein Abend vor dem Champions-League-Spiel in Liverpool, den der Hammer bis sechs Uhr morgens mit BVB-Legende Wolfgang Paul an der Hotelbar verbracht hat, der von dem Europacup-Spiel 1966 in Glasgow erzählt hat und noch jedes Detail wusste. Wie sie in Glasgow kein Bier gekriegt haben. weil die Bürgersteige hoch geklappt waren. „Und am nächsten Tag steht man selbst hinter der Eckfahne an der Anfield Road“, sagt Hegemann. „So nah wäre ich dem BVB sonst nie gekommen.“

Der Traum von der Meisterschaft

Entsprechend bereut Hegemann den Schritt, das Hobby zum Beruf gemacht zu haben, nicht. „Es gibt sicher die eine oder andere Situation, wo man geschockt ist, oder die Motivation verliert und denkt, das ist nicht das, was ich mir vorgestellt habe“, räumt er ein. „Aber es überwiegt das Positive, das Magische, das der Fußball hat. Die Vielzahl der Menschen, die man erreichen kann. Deswegen habe ich über die Jahre nie meine Bindung zum Fußball oder dem BVB verloren. Ich gucke immer noch fast alles, was läuft.“

Als wichtiges Bestandteil seiner Arbeit sieht Hegemann „dass wir unserer gesellschaftlichen Verantwortung als Fußballverein gerecht werden können. Darum haben wir Aktionen, wie die Gedenkstättenfahrten nach Auschwitz, aber auch Ostpolen ins Leben gerufen – die zahlreichen Aktivitäten des BVB im Bereich der Anti-Diskriminierungsarbeit sind ja bekannt. Damit haben wir uns einen Namen gemacht, was gar nicht das Ziel war.“

Trotz des ausfüllenden Jobs hat der gebürtige Hammer noch genügend Zeit, um in seiner Freizeit vielfältig aktiv zu werden: Tennis spielen, Laufen, Musikkonzerte besuchen, reisen. „Dass ich seit der Grundschule meinen Freundeskreis behalten habe, der nicht diese Beziehung zum Fußball hat, war mir immer sehr wichtig“, sagt er. „Eine Basis zu haben, um sich mit anderen Dingen als Fußball zu beschäftigen.“

Seine beruflichen Ziele, sind weniger an einer aufstrebenden Karriere als an erfüllende Arbeitsinhalte geknüpft. „Ich möchte in gewisser Weise autark arbeiten, eigene Projekte umsetzen und Entscheidungen treffen können und Verantwortung für Themen und Mitarbeiter haben.“ Sportlich ist das Ziel wesentlich schneller umrissen. „Da würde ich gerne mit Borussia Dortmund nochmal Deutscher Meister werden, bin mir aber unsicher, ob das in dieser Saison so gefeiert werden könnte wie man es gerne würde“, sagt er. Zumindest darüber muss er sich nach der 0:1-Niederlage gegen Bayern München keine Gedanken mehr machen.

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