Wegen Lippstadt-Ausschreitungen

HSV spürt "Genugtuung" nach erfolgreicher Berufung

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Hamm/Duisburg - Das Sportgericht des Westdeutschen Fußballverbandes (WDFV) hat in der Berufungsverhandlung am Mittwoch das Urteil des Verbandssportgerichtes gegen die Hammer SpVg aus dem November vergangenen Jahres aufgehoben. Die HSV verspürt danach Genugtuung.

Wegen der Geschehnisse rund um Zuschauer aus dem rechten Milieu beim Auswärtsspiel in Lippstadt am 15. Oktober (0:2) war die HSV wegen vermeintlich unsportlichen Verhaltens ihrer Fans zu 1 250 Euro Geldstrafe verurteilt worden.

Der Klub aus dem Hammer Osten kommentierte das Urteil am Donnerstag mit einer ausführlichen Pressemitteilung. Darin heißt es unter anderem, der Verein habe die Entscheidung des WDFV-Gerichtes „mit Erleichterung, aber durchaus auch einer gewissen Genugtuung zur Kenntnis genommen“.

Gemeinsam mit Vertretern der beiden beteiligten Vereine, der Polizei, dem Schiedsrichter und dem von der HSV bevollmächtigten Juristen Horst Kletke seien die Geschehnisse bei der Verhandlung in Duisburg aufgearbeitet worden. Mit dem Urteil wird den Hammern auch die Geldstrafe zurückerstattet.

Vereinsfremde steigen in Dolberg zu

Bei der Partie in Lippstadt waren rund 20 Personen offensichtlich rechter Gesinnung im Publikum gewesen, die in einem von HSV-Fans organisierten Bus zum Stadion gelangt waren. Im gleichen Bus hatten neben Hammer Anhängern auch HSV-Pressesprecher Ulli Gruszka und Abteilungsleiter Dirk Blumenkemper sowie der Marketingbeauftragte Benjamin Doll gesessen. „Diese Leute sind in Dolberg reingekommen, als der Bus angehalten hat. Das waren wohl Gütersloher und Essener Fans“, hatte Gruszka in der Ausgabe vom 16. Oktober, also am Tag nach dem Lippstadt-Spiel, gegenüber dem WA über die betroffenen Personen geäußert. 

In einer Stellungnahme, aus der der WA am 17. Oktober zitierte, hatte der Klub noch eher zurückhaltende Töne zu den Ausschreitungen angeschlagen. Derartiges geschehe „bundesweit an fast jedem Wochenende, unabhängig von der Liga und dem Verein und ist daher ein gesellschaftliches Problem, mit dem man umzugehen lernen muss.“ Erst im WA-Interview vom 23. Oktober räumte Blumenkemper Fehler ein – etwa, dass die HSV-Funktionäre auch die Rückfahrt in dem Bus mit bestritten hatten. „Natürlich hätte man da ein Zeichen setzen können, um zu sagen, wir distanzieren uns klar und deutlich. Das kann man uns vorwerfen.“

Reichsflaggen „nicht zu beanstanden“

Auf beiden Seiten – also von Lippstädter Fans, aber auch von solchen, die der HSV zuzugeordnet wurden – war es im Stadion zu Schmähgesängen gekommen, zudem zeigten die offenkundig Rechten im Block Reichsflaggen. Der Schiedsrichter hatte im Spielbericht allerdings das Vorkommen von „Reichskriegsflaggen“ vermerkt, weshalb sich die HSV in ihrer anlässlich des aktuellen Urteils verbreiteten Pressemitteilung zu der merkwürdig anmutenden Klarstellung genötigt sieht: „Reichsflaggen [...] sind zwar zweifellos Ausdruck einer politischen Gesinnung, jedoch, anders als Kriegsflaggen des Dritten Reiches mit Hakenkreuz, nicht verboten und waren daher von Sicherheitsdienst und Polizei bei den Einlasskontrollen nicht zu beanstanden.“ Dabei hatte Vizepräsident Dennis Kocker gegenüber dem WA in der Ausgabe vom 18. Oktober erklärt: „Wischi waschi ist vorbei. Ich persönlich dulde absolut kein rechtes Gedankengut.“

Unverständnis in der lokalen Politik

Weiter erklärt der Klub in seinem aktuellen Statement, die Hammer SpVg sei durch die intensive Berichterstattung der lokalen Presse unter massiven Druck geraten. Dieser habe sich „primär gegen diejenigen Verantwortlichen gerichtet, die sich der gegebenen Problematik offen und offensiv gestellt und ihre echten Fans auf der Anfahrt zum Spiel im Bus begleitet“ hätten.

Tatsächlich dürfte der Druck eher durch die Geschehnisse selbst als durch die Berichterstattung entstanden sein. Schließlich sorgte der Umgang der HSV mit den Vorfällen auch in der lokalen Politik zunehmend für Unverständnis. Ulrich Kroker, Mitglied am Runden Tisch gegen Rassismus und Gewalt, betonte damals: „Es ist eigentlich nicht erklärlich, dass der HSV-Vorstand nach den Vorfällen in Lippstadt im Frühjahr [...] erneut rechte Ausschreitungen und Pöbeleien im eigenen ‘Fanblock’ nicht wirksam unterbinden konnte.“

HSV sieht vorbildliche Kooperation mit Lippstadt und den Behörden

Die HSV-Verantwortlichen sind laut Pressemitteilung zudem der Auffassung, das Urteil zeige, dass ihr eigener Verein, der SV Lippstadt und die Ordnungsbehörden im Vorfeld und während der Partie vorbildlich kooperiert hätten. Zweifel an dieser Aussage nährt unter anderem die Stellungnahme von Frank Meiske, Pressesprecher der Kreispolizei Soest, der im WA vom 21. Oktober unter anderem festhielt: „Infos über den Halt und die Angehörigen der rechten Szene hat die Polizei während der Anfahrt nicht bekommen. Diese Information wäre entscheidend gewesen.“

Immerhin: Nach interner Aufarbeitung und der Abteilungsversammlung hatte der Verein erste Projekte gegen Rechts eingeleitet. Zudem hatte Trainer Sven Hozjak frühzeitig die Geschehnisse verurteilt. „Ich möchte mich in aller Form entschuldigen, was da auf der Tribüne passiert ist. Davon distanziere ich mich genauso wie die Mannschaft und der Verein. Das hat mit Fußball nichts zu tun“, hatte der Coach noch am Spieltag erklärt.

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