Ex-Bundesligaspielerin Marion Rudolph aus Hamm:

Frauenfußball ist bis heute nicht richtig gleichberechtigt

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Marion Rudolph bei der Verabschiedung in Werne, wo sie den Frauenfußball über viele Jahre geprägt hat.

Seit 50 Jahren wird in Deutschland unter dem Dach des DFB offiziell Frauenfußball gespielt, 46 davon hat Marion Rudolph mitgemacht. So richtig gleichberechtigt sei der Frauenfußball bis heute nicht, berichtet die 60-Jährige aus der langjährigen Praxis.

Hamm – „Ich habe von der Kreis- bis zur Bundesliga in allen Klassen gespielt“, sagt die Hammerin, die als Staffelleiterin für U15-Juniorinnen weiter mit ihrem Sport verbunden ist. Kistenweise Fotos oder Zeitungsausschnitte aus ihrer aktiven Zeit hat sie nicht mehr, denn: „Ich habe irgendwann im Keller mal general-aufgeräumt.“ Einzig das Kicker-Sonderheft zur Einführung der Frauen-Bundesliga in der Saison 1990/91 hütet sie wie einen Schatz. „Eine echte Rarität“, sagt Rudolph, die auf dem Mannschaftsfoto des VfB Rheine in der ersten Reihe zu sehen ist – als Nummer eins. 

Begonnen hat alles 1974 in der Frauenmannschaft des TuS Wiescherhöfen. „Man musste 14 Jahre alt sein, um da spielen zu dürfen, Mädchenmannschaften gab es damals noch nicht“, erzählt sie. Bis in die Verbandsliga führte der Weg, dann wechselte sie 1983 nach Werne zu den Sportfreunden 67, stieg mit den Rot-Weißen gleich in die Verbands- und ein Jahr später in die Regionalliga auf – Deutschlands damals höchste Spielklasse für Frauen. 

Die Spiele gegen die SSG Bergisch-Gladbach mit der legendären Spielertrainerin Anne Trabant-Haarbach oder gegen den TSV Siegen – unter anderem mit der späteren Bundestrainerin Silvia Neid – gehörten zu den Höhepunkten. „Siegen hat sich bei uns immer schwer getan. Einmal haben wir bis zehn Minuten vor Schluss das Nullnull gehalten gegen den damaligen Deutschen Meister, aber in den letzten Minuten noch drei oder vier Stück kassiert“, erinnert sich Rudolph. Ein späteres Wiedersehen gab es in der Bundesliga. 

Zur Saison 1990/91 wechselte die damals 30-Jährige nach Rheine und wurde im Premierenjahr der Frauen-Eliteliga gleich Stammtorfrau. „Wir hatten ein Testspiel gegen den Deutschen Meister FSV Frankfurt mit 3:1 gewonnen – und da habe ich wohl ganz gut ausgesehen“, sagt Rudolph, und weiter: „Das eine Jahr in der Bundesliga habe ich sehr genossen. Ich hatte ja überhaupt nicht damit gerechnet, die Nummer eins zu werden.“ Am besten habe ihr gefallen, „dass die Stürmerinnen über mich drüber gesprungen sind, wenn ich auf dem Boden lag. In den unteren Ligen wurde da schon mal eher der Schlappen reingehalten.“ 

Geld verdient hat sie nicht in der Eliteklasse: „Ich habe meine Spritkosten erstattet gekriegt, das war schon okay. Das Geld verdienen begann ja erst so zehn Jahre später.“ Nach einem Jahr war das Thema Bundesliga für Rudolph erledigt. Rheine verpflichtete die niederländische Nationaltorfrau Marleen Wissink. „Die war zwanzig, ich dreißig, da konnte ich nicht mehr mithalten“, sagt sie. Als Wissings Backup spielte sie fortan in der zweiten Mannschaft, stieg auch mit diesem Team in die Verbandsliga auf. Schon in dieser Zeit, seit 1984, trainierte sie Nachwuchsmannschaften der Sportfreunde 67, später auch des Nachfolgevereins Werner SC 2000. 

Zwischenzeitlich hilf sie bei den Frauen im Tor aus, bis 1994/95 mit dem Abstieg aus der Regionalliga die Hochzeit des Werner Frauenfußballs ziemlich abrupt endete – und ihre Laufbahn auch. Bis 2014 betreute sie dort die Teams am Bahndamm, dann war Feierabend. „Die Knochen wollten nicht mehr so“, sagt Rudolph. Von Frauen verachtenden oder sexistischen Sprüchen, wie sie in den Anfangszeiten des offiziellen Spielbetriebs zuhauf zu hören waren, habe sie relativ wenig mitbekommen. „Wir waren akzeptiert“, sagt sie – wohl auch, weil sie und ihre Kolleginnen in höheren Spielklassen unterwegs waren. „Okay“, sagt sie, „ab und an kam mal der Ruf nach einem Trikottausch, wenn die Jungs ein paar Bierchen auf hatten, aber darüber haben wir nur gelächelt.“ 

Dass dem Frauenfußball noch die letzte Anerkennung und Gleichberechtigung fehlt, zeige sich in anderen Bereichen: „In Werne zum Beispiel mussten wir um jede Trainingseinheit kämpfen.“ Vor allem in der Zeit, in der sie Teams in allen drei Mädchenklassen (U13, U15, U17) und bei den Frauen auf die Beine gestellt hatte. „Da gab es Gerangel, zumal wir nur einen Platz zur Verfügung hatten. Die nehmen uns schon wieder einen Platz weg, hieß es dann“, berichtet sie. Konsequenz: Die Frauen bekamen die letzte Trainingszeit ab 20 Uhr. „Das war vor allem im Winter ganz unangenehm, da fing es an zu frieren. Das konnte man den Männern ja nicht zumuten. Die bestanden auf ihre Trainingszeit um 18.30 Uhr – auch wenn da viele von denen noch arbeiten mussten.“

 Marion Rudolph hat das Gefühl, dass die Situation sich bis heute nicht gebessert hat: „Ich glaube, viele Vereine wollen Frauenfußball nicht mehr und sich nicht damit belasten – auch finanziell.“ Ihr Appell: „Sie sollten wieder mehr für den Mädchen- und Frauenfußball tun.“ In Hamm sei der TuS Germania Lohauserholz auf dem richtigen Weg. „Da hat man die Möglichkeit bekommen, sich zu entwickeln. Du musst aber immer Ellbogen zeigen, wenn du was durchsetzen willst“, sagt sie. 

Die Entwicklung sei nach dem letzten Boom mit der Heim-Weltmeisterschaft im Jahr 2011 sogar rückläufig. Das sei nicht zuletzt an ihrem Tätigkeitsfeld abzulesen, sagt Marion Rudolph in ihrer Funktion als Staffelleiterin. Nur sechs der 19 Hammer Fußballklubs bieten Mädchen- und Frauenfußball an. Und bei den Juniorinnen gibt es inzwischen einen Zusammenschluss der Kreise Unna-Hamm, Dortmund und Soest, damit in den Altersklassen U13, U15 und U17 überhaupt noch vernünftige Spielklassen gebildet werden können. Und selbst darin macht sich schleichend ein Mangel an Spielerinnen bemerkbar. Zur Saison 2020/21 beschlossen die Vereine mit großer Mehrheit, nur noch Neuner- statt Elfermannschaften spielen zu lassen...

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