Ennatz – ein Film über eine Fußball-Legende

Passend zum 70. Geburtstag entsteht ein Film über Bernard Dietz

Das Film-Team mit den Hammer Fußball-Ikonen Bernard Dietz und Horst Hrubesch im Fußball-Museum in Dortmund.

Dortmund - Thorsten „Ippi“ Ippendorf weiß nicht so genau, was eigentlich schwieriger war: Einen Dokumentarfilm über eine Fußball-Ikone wie Bernard Dietz zu drehen, oder den Mann davon zu überzeugen, dass es auch heute noch Menschen gibt, die so etwas sehen wollen.

„Hach ne, so ein Quatsch“, lautete die erste, abwehrende Reaktion des Kapitäns der deutschen Fußball-Nationalmannschaft, die 1980 in Italien Europameister wurde, als Ippendorf vor einem Jahr den ersten Vorstoß wagte. „Das will doch keiner mehr wissen.“ Doch Ippendorf, Filmproduzent und Spieler der Bernard-Dietz-Promi-Mannschaft, war hartnäckig. „Wir haben unsere Bratwurst zuende gegessen, und beim nächsten Mal habe ich es wieder versucht“, sagt er. Irgendwann hat Dietz nachgegeben. Gestern war der letzte von sechs Drehtagen für „Ennatz – ein Film über eine Fußball-Legende.“ Erscheinen soll er am 21. März: einen Tag vor Dietz‘ 70. Geburtstag.

Es ist eng im Bus der Fußball-Nationalmannschaft, der im Deutschen Fußball-Museum in Dortmund parkt. Sehr eng. Und heiß. Für Bernard Dietz und Horst Hrubesch kein Problem. Schließlich haben die beiden Europameister von 1980 in ihrer Fußballerkarriere viele heiße Schlachten gemeinsam geschlagen – und zudem einen komfortablen Sitzplatz im hinteren Teil des WM-Gefährts erwischt. 

Auch, dass eine Filmkamera, ein Richtmikrofon, diverse weitere technische Geräte sowie die Blicke des Regisseurs Adnan G. Köse und seiner kleinen Filmcrew auf sie gerichtet sind, stört die beiden lebenden Legenden, die so viele Kapitel der Fußball-Geschichte geschrieben haben, wenig. Nur knappe Anweisungen von Köse zur Gesprächssteuerung reichen, um den Plausch in Gang zu bringen: „Stichwort EM 1980, schreibt Köse den beiden ins Drehbuch. „Da wart ihr ja nach der schwachen WM 78 stark unter Druck. Wie seid ihr mit der Situation umgegangen? Wäre schön, wenn ihr dazu etwas sagen könntet – ansonsten könnt ihr frei reden.“ Und schon geht es los.

„Szene 12, Take eins Punkt vier, sagt Produzent Thorsten „Ippi“ Ippendorf, streckt die Regieklappe in die Kamera und schleicht aus dem Bild. Das Startzeichen für Dietz und Hrubesch, die gleich loslegen. „Langer, schön, dass du da bist“, sagt Dietz fröhlich, und Hrubesch frotzelt zurück: „Was ist los, alter Mann.“

Dietz: „EM 80, weißt du noch?“

Hrubesch: „Für mich ein absolutes Highlight. Da hatten wir ein super Team, der junge Bernd Schuster war dabei und hat ein super Turnier gespielt. Und es war etwas Besonderes, weil man es uns ja auch nicht zugetraut hat.“

Dietz: „Ja, ich weiß noch, dass vor dem Turnier alle acht Kapitäne der qualifizierten Teams eingeladen waren, und alle haben gesagt, sie wollen ein gutes Turnier spielen – und ich habe dann als einziger gesagt: Wir wollen Europameister werden.“

Munter plaudern die beiden weiter, vergessen dabei die Kamera. Hrubesch erzählt, wie er von Bundestrainer Jupp Derwall erst am Abend vor dem Endspiel gegen Belgien erfahren hat, dass er dabei sein wird. „Er hat gesagt, er weiß nicht, ob er mich spielen lassen soll, weil ich im Turnier ja noch kein Tor gemacht habe. Und ich habe geantwortet, dass er es entscheiden muss, ich aber alles geben würde. Ich habe zwei Tore gemacht – und er alles richtig.“ 

Natürlich darf die Papst-Geschichte nicht fehlen, findet Dietz und gibt dem langjährigen Weggefährten das Stichwort. „Ja, wir waren vor dem Griechenland-Spiel in Rom, und der Papst ging an uns vorbei und hat mich angesehen und dabei zwei Finger gehoben“, erinnert sich Hrubesch. „Und ein befreundeter Journalist hat gesagt, der meint, dass ich im nächsten Spiel zwei Tore mache. Das ist aber 0:0 gegen Griechenland ausgegangen. Als ich dann im Endspiel zwei Tore gemacht habe, kam der Journalist nach dem Spiel die Tribüne herunter gestürmt und hat mir zugerufen: Langer, der Alte hat nicht gelogen, der meinte das Endspiel.“

„Cut!“ Adnan Köse reißt das Duo aus der Erinnerung zurück in die Gegenwart. In den stickigen Bus. Und wirft den nächsten Themenvorschlag in die Runde. „Stichwort Jugendarbeit“, schlägt er vor, und Hrubesch antwortet trocken: „Wie lange bist du denn noch hier?“

"Der Lange ist aus Bönen oder so"

Hrubesch und Dietz, zwei Weggefährten, deren Karrieren nicht nur untrennbar durch den Titelgewinn 1980 miteinander verbunden sind. Sie eint auch die gleiche Heimatstadt Hamm, in der sie aufgewachsen sind – Dietz im Stadtteil Bockum-Hövel (Norden), und Hrubesch in Westtünnen (Süden). Wie nah sich beide sind, belegen die ständigen Frotzeleien, mit denen sie sich zwischen den Dreh-Takes gegenseitig auf den Arm nehmen und die über hohen Unterhaltungswert verfügen. So sagt Dietz lapidar „Der Lange ist aus Bönen (einem Nachbarort von Hamm) oder so“, und Hrubesch kontert: „Bockum-Hövel? Das war der Parkplatz von Hamm.“

Während sich die beiden im Bus die verbalen Bälle zuwerfen, sitzt Olaf Thon bereits seit einiger Zeit im Aufenthaltsraum und wartet auf seinen Dreh. „Ich bin hier geparkt“, sagt der Weltmeister von 1990 trocken, während er sich die Zeit am Handy vertreibt. Thon spielte mit Dietz gemeinsam beim FC Schalke 04, nachdem der nach zwölf Jahren beim MSV Duisburg (1970 bis 82) für weitere fünf Jahre zum Revierclub gewechselt war. „Bernard ist eine Vaterfigur für mich, die mich behutsam herangeführt hat“, sagt Thon. „Er hat sich darum gekümmert, dass ich pünktlich war und nicht so viel Fleisch gegessen habe. Und es hätte keinen gegeben, der nicht an dieser Dokumentation mitgewirkt hätte.“

Szene 13, Take eins Punkt eins: Thon steht vor einem Bildschirm und soll sich das legendäre Pokal-Halbfinale zwischen Schalke und dem FC Bayern München ansehen, das 1984 6:6 nach Verlängerung endete – dreifacher Torschütze: Olaf Thon. Kamera von hinten, gleiche Szene noch einmal mit der Kamera von vorn. „Nur gucken, nicht anfassen“, entfährt es dem Schalker Urgestein mit Blick auf die in der Halle ausgestellten Pokale. Zwischendurch kommt ein Techniker, fummelt an seinem Sender. „Tonprobleme“, sagt der Ton mit „H“ lächelnd und fügt in Richtung Dietz an: „Habe das Tor zum 5:5 von dir gerade noch einmal gesehen: brutal!“ Und Dietz antwortet. „Dann muss ich mir deine drei ja auch noch angucken...“

Muss er nicht. Denn Köse will nun, dass Thon für die Kamera noch einmal jubelt – 33 Jahre später. Doch das geht dem 51-Jährigen dann doch zu weit. Er gibt lieber stets freundlich und geduldig Autogramme an die Schüler, die neugierig vorbeikommen, oder macht Selfies mit Dietz, wenn der sich nicht gerade als Ordner nützlich macht, um die Dreharbeiten weiter zu sichern.

In der Pause erzählt Dietz von einem seiner fünf Enkel, dem achtjährige Linus, den er am Samstag zuvor auf beim Fußball spielen zugesehen hat. „Ein talentierter Bursche“, sagt der Opa stolz. „Der räumt hinten alles weg. Nach der Pause hat der Trainer ihn kurz vom Feld genommen und dann wieder eingewechselt. Und er ist gleich nach vorn gestürmt und hat aufs Tor geschossen – dann hat der Trainer gerufen Linus, falsches Tor. Er hat nicht gemerkt, dass sie die Seiten gewechselt haben...“

Szene 14, Take eins Punkt eins: Dietz und Thon im Museums-Kinosaal. Im Hintergrund läuft ein Film in Dauerschleife auf der Leinwand, von vorne steigt der Geräuschpegel der feixenden Schüler auf dem Fußball-Court eine Etage tiefer um einige Dezibel an. Ippendorf bittet um Ruhe: „Liebe Kinder, es wäre schön, wenn ihr ein bisschen ruhiger sein würdet. Wir drehen hier einen Film.“ Doch das Team hat sich einen schlechten Tag ausgesucht, um im Deutschen Fußball-Museum zu arbeiten. 17 Schulklassen haben sich für heute angemeldet. Der Geräuschpegel in der großen Halle ist immens. Entsprechend schlecht sind die Erfolgsaussichten auf mehr Ruhe. Mitten im Gespräch ruft Tonmann Thorsten: „Abbruch. Bringt nichts. Es ist zu laut.“

„Das ist ein Wahnsinnsstress hier bei der Lautstärke“, sagt Köse. „Man kann sich nicht konzentrieren.“ Zeit ist rar und vor allem teuer für die beiden Filmemacher aus Dinslaken, die mit der eigenen Produktionsgesellschaft New Dakota Independent in Vorleistung gegangen sind. Nur fünf Drehtage, und in der Langversion wird der Film der auf Kinoformat entsteht, über 90 Minuten dauern. „Wir sind nicht sendergebunden“, sagt Ippendorf. „Daher finanzieren wir den kompletten Film über Sponsorengelder.“ Regisseur Köse muss viel improvisieren während der Dreharbeiten. Jetzt beschließt er kurzerhand, das Gespräch mit Dietz und Thon auch in den Bus zu verlegen. Am Freitag folgen ein Dreh bei Dietz zuhause in Walstedde und weitere im Stadion der SG Bockum-Hövel und vor seinem Elternhaus. Dann fällt die Klappe. Erstmal. Bis zur Premiere, die am 21. März erneut im Deutschen Fußball-Museum stattfinden soll.

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