Fußball

Erdal Akyüz: In Deutschland ein Ausländer, in der Türkei ein Deutschländer

TSC-Trainer Erdal Akyüz in seinem Lokal. Seit 2013 betreibt er den iRoom in Dortmund.
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TSC-Trainer Erdal Akyüz in seinem Lokal. Seit 2013 betreibt er den iRoom in Dortmund.

Erdal Akyüz, Trainer des Fußball-A-Kreisligisten TSC Hamm, ist ein Mensch mit vielen Gesichtern und Facetten.

Hamm – Auf dem Fußball-Platz kann er als Trainer des Fußball-A-Kreisligisten TSC oftmals sehr emotional und aufbrausend, fast schon cholerisch sein. Wer ihn im Umgang mit seinem elf Jahre alten Sohn Arda sieht, der bei der U3-Untersuchung einen Impfschaden erlitten hat und seitdem unter fokaler Epilepsie leitet, erlebt Erdal Akyüz als einen zärtlichen und überaus fürsorglichen Vater. Der 49-Jährige kann sich als Besitzer des iRooms, einer Cocktailbar und Nachtclub, aber auch als knallharter Geschäftsmann geben. „So bin ich. So bleibe ich. Ich bin niemandem Rechenschaft schuldig und habe nichts zu verbergen“, sagt er.

Im Jahr 2013 hatte er die Lokalität in unmittelbarer Nähe des Dortmunder Hauptbahnhofs übernommen. Zuerst waren in den Räumlichkeiten eine Sushi-Bar und ein Club. „Aber das lief unter der Woche nicht gut“, sagt Akyüz, der schnell das Konzept umstellte und die Lokalität in eine Cocktail- und Shishabar sowie einen Club umfunktionierte. „In Dortmund muss man sich angesichts der großen Konkurrenz immer wieder neu entdecken“, erklärt er und versucht daher Gäste mit besonderen Events anzulocken. So fand im iRoom schon einmal der Dreh für einen Tatort statt („Da hatten wir dann eine Leiche hier auf der Tanzfläche liegen“), fanden Theateraufführungen, eine Film-Gala mit Schauspieler Moritz Bleibtreu oder auch Tanzpartys mit bekannten DJs wie Pierre Sarkozy aka DJ Mosey, dem Sohn des früheren französischen Präsidenten Nicolas Sarkozy, statt. „Wir haben hier schon einiges gemacht“, sagt Akyüz. In den Zeiten von Pierre-Emerick Aubameyang kamen auch immer viele Spieler von Borussia Dortmund in das iRoom. Doch seitdem der Paradiesvogel zum FC Arsenal gewechselt ist, gehen die BVB-Akteure laut Akyüz kaum noch raus: „Der letzte, der vor der Corona-Pandemie hier war, war Thomas Delaney. Es ist schade, dass die BVB-Jungs nicht mehr kommen. Das waren immer gute Magneten.“

Meist macht er sich mittags von Hamm aus auf den Weg nach Dortmund und bleibt dann bis zum Schluss in seinem Club. Während der Woche ist er dann gegen halb zwei in der Nacht zuhause, an den Wochenenden wird es dann auch schon mal 7 Uhr in der früh. „Daher muss ich auch sagen, dass dieser Club mein Zuhause ist“, sagt Akyüz, der mit seiner Frau und seinen beiden Söhnen im Hammer Westen lebt. „Für meine Familie bleibt leider nicht viel Zeit. Ich habe hier über 30 Mitarbeiter, für die ich die Verantwortung trage. Und ich habe einen Mietvertrag für zehn Jahre unterschrieben, der erfüllt werden muss. Aber wenn meine Familie mich braucht, bin ich natürlich da.“

Vor allem sein Sohn Arda, der ganz normal zur Welt gekommen war, benötigt viel Aufmerksamkeit. Nachdem dieser den Impfschaden erlitten hatte, hat er drei Jahre zuhause nur gelegen und musste intensivst gepflegt werden. Doch durch die Hilfe von Ärzten, Heilprakikern, Physiotherapeuten, Hunde-, Pferde- und Delfintherapien hat sich der Zustand immer mehr verbessert, so dass er mittlerweile alleine gehen und laufen kann. „Da muss ich meiner Frau ein Riesenkompliment machen, wie sie das alles durchgezogen hat“, betont Akyüz, der seinen Sohn auch nicht als behindert bezeichnet. „Wir behandeln ihn nicht, als sei er behindert. Arda ist vielmehr ein ganz besonderes Kind. Es ist die größte Freude in meinen Leben, wenn ich sehe, wie er sich entwickelt und voran kommt“, sagtz Akyüz – und seine leuchtenden Augen bestätigen, dass dies genauso stimmt, wie er es sagt.

Aber auch wenn er vom TSC Hamm spricht, sind ihm seine Leidenschaft und Begeisterung anzumerken. „Diese Verein ist für mich eine Herzensangelegenheit“, stellt er klar. Er war aus der Oberliga vom Lüner SV in den Hammer Westen zum TSC gewechselt – zu einer Zeit, als der Verein noch viel Geld zur Verfügung hatte. Als die finanziellen Mittel weniger wurden, verließen viele Akteure den Club. Doch Akyüz blieb: zuerst als Spieler, dann als Trainer.

Als Akyüz sieben Jahre alt war, kam er mit seiner Familie 1979 nach Hamm. „Es gab damals so viele Anschläge in der Türkei. Da hat unser Vater uns ins Auto gesetzt und ist mit uns nach Deutschland gefahren“, erzählt Akyüz. Und während sein Vater Arbeit als Bergmann auf der Zeche Heinrich-Robert fand, hatte der kleine Erdal nur Fußball im Kopf, kickte mit seinen neuen Freunden im Hammer Westen auf der Straße und wollte dann genauso wie seine Kumpels in einem Verein kicken. „Ich bin dann zum Herringer SV gegangen und habe mich da angemeldet“, sagt er, wunderte sich allerdings, dass er dort kein bekanntes Gesicht traf. „Ich hatte ja keine Ahnung, dass es in Herringen damals zwei Vereine gab. Meine Freunde waren alle bei Fortuna. Aber ich bin dann lange beim Herringer SV geblieben.“

Erdal Akyüz hat aber nicht nur seinem Jugendverein lange die Treue gehalten, sondern hat seitdem auch sein ganzes Leben in Deutschland verbracht, ist hier zur Schule gegangen, hat hier seinen Job, hat hier eine Familie gegründet und hat viele Freunde gefunden. Dennoch gibt er offen und ehrlich zu: „Ich bin da wirklich gespalten. Ich hätte mir auch gut vorstellen können, mein Leben in der Türkei zu verbringen. Aber ich bin nun mal in Deutschland groß worden. Und dieses Land hat mir auch viel ermöglicht, so bin ich jetzt zum Beispiel erfolgreicher Kleinunternehmer. Letztlich bin ich in Deutschland aber ein Ausländer. Und wenn ich in die Türkei fliege, um zum Beispiel meine Mutter zu besuchen, bin ich da ein Deutschländer.“

Und so ist er hin- und hergerissen, kann in beiden Ländern Vor- und Nachteile sehen, fühlt sich aber nirgendwo richtig angekommen und akzeptiert. „Ich bin hier nun mal ein Seh-Ausländer. Man erkennt sofort, dass ich nicht aus Deutschland komme. Wir müssen uns immer wieder aufs Neue behaupten. Das gibt einem oft das Gefühl, dass man für andere hier ein Dorn im Auge ist“, sagt er. „Aber ich nehme hier niemandem etwas weg, ich liege dem Staat doch nicht auf der Tasche. Ich bin ein Machertyp, habe mir doch selbst etwas aufgebaut und schaffe Arbeitsplätze. Aber hier gibt es nun mal dieses Schubladendenken – und dagegen kommt man nicht an.“ Dabei hatte er zwischenzeitlich durchaus das Gefühl, dass sich die Zeiten ändern und die Akzeptanz größer wird: „Einige Jahre hatte Deutschland das im Griff. Aber seit der Flüchtlingswelle ist das Gefühl, dass wir hier nicht willkommen sind, wieder entfacht. Es muss mal einer in meiner Haut stecken. Wir kämpfen leider gegen zu viele Klischees. Aber wir lassen uns nicht unterkriegen.“

Natürlich weiß Akyüz, der übrigens nur die türkische Staatsbürgerschaft besitzt („Wenn ich die deutsche Staatsbürgerschaft hätte, hätte ich keine Garantie, dass ich hier wie ein Deutscher behandelt werden würde“), den hohen Lebensstandard in Deutschland zu schätzen. Gleichzeitig gibt er aber zu, dass die Lebensqualität in der Türkei klar größer sei. „Hier ist es kälter, die Sonne scheint weniger, die Leute sind nicht so offen, das soziale Miteinander fehlt. Die Türken machen in ihrem Land aus wenig viel, Deutschland macht aus viel leider zu wenig“, meint er.

Umso mehr will Akyüz aber aus den jungen Akteuren beim TSC machen. Die Zeiten, dass mit viel Geld starke Akteure verpflichten werden, sind vorbei. Vielmehr setzt Akyüz, dessen zweiter Sohn Emirhan bei ihm im Kader steht, auf Nachwuchstalente aus den eigenen Reihen, die er fordern und fördern möchte. „Diese Jungs haben alle eine hohe Identifikation mit dem TSC. Da macht die Arbeit dann viel mehr Spaß“, sagt er und versucht, ihnen neben dem Fußballspielen auch Dinge wie Disziplin und Respekt zu vermitteln.

Er selbst, so sieht es manchmal aus, scheint diese Tugenden als Trainer an der Seitenlinie hin und wieder zu vergessen. Dann gestikuliert er, schreit, schimpft und tobt. „Wenn ich sehe, dass meine Mannschaft benachteiligt wird, dann stelle ich mich vor mein Team, schütze es, helfe ihm“, erklärt er und meint: „Letztlich gehören Hingabe, Stimmung und Leidenschaft doch einfach zum Fußball dazu. Ich habe früher als Kind hauptsächlich auf der Straße gekickt. Da war jedes Spiel voller Emotionen. Und das lasse ich mir von einem Schiedsrichter nicht wegnehmen. Es will doch keiner Roboter an der Seitenlinie. Es darf nur nie beleidigend oder diskriminierend sein.“

Und so sehr Akyüz letztlich auch durch seinen Job eingebunden ist, auf Fußball möchte er nicht verzichten: „Ich sage immer, das ist mein letztes Jahr als Trainer. Und dann mache ich doch weiter. Ohne Fußball kann ich nicht leben, er lässt mich nicht los.“

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