Sieg gegen Tabenführer

Wie im Rausch: Eisbären-Kapitän voller Stolz nach Märchen-Wochenende 

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Traumhafte Vorstellung in Diez-Limburg: Tim Pietzko und die Eisbären setzten ein Ausrufezeichen.

Fehlstart, Krise, falscher Film. Nach der Pleiten-Serie zum Saisonauftakt herrschte ein rauer Wind bei den Hammer Eisbären, der spätestens nach dem vergangenen märchenhaften Wochenende abgeflacht ist.

Hamm – Etwas müde und kaputt war Tim Pietzko schon, als er am frühen Montagmorgen wieder mit dem Mannschaftsbus an der Hammer Eishalle ankam – aber auch stolz und glücklich. Und ein wenig muss er sich gefühlt haben, als hätte er in den vergangenen Tagen einen Klassiker aus Grimms Märchen in Dauerschleife gehört. 

Sieben Treffer auf einen Streich gelangen den Hammer Eisbären in der Auswärtspartie bei der EG Diez-Limburg allein im ersten Drittel. Am Ende stand es 8:2 für die Gäste beim unangefochtenen Tabellenführer der Eishockey-Regionalliga West – und Pietzko wähnte sich ein wenig wie im falschen Film. 

Eisbären erwischen Gegner auf dem falschen Fuß

„Erstmal freust du dich beim eins, zwei, drei zu null“, sagt der Kapitän der Eisbären. „Ab dem fünften Tor war das dann schon ein merkwürdiges Gefühl, da hast du nur noch gedacht: Was ist hier los?“ Wie im Rausch spielten die Eisbären zu Beginn beim Spitzenreiter auf und setzten nach dem 4:2-Erfolg beim EHC Neuwied vom Freitag ein weiteres Ausrufezeichen. „So kriegen wir die nicht mehr vor die Flinte“, ist sich Pietzko sicher. „Ich denke, die haben wir auf dem falschen Fuß erwischt. Diez war nicht ganz bereit für uns. Und wir hatten viel Schussglück im ersten Drittel – gefühlt war jeder Schuss ein Treffer.“ 

Nicht zuletzt aus diesem Grund blieb für den weiteren Verlauf der Partie „die Sorge. Denn Diez kann auch fünf, sechs Tore in einem Drittel schießen“, weiß der Hammer Kapitän. „Aber wir haben uns die komfortable Führung nicht mehr nehmen lassen.“ 

Pietzko: "Michal ist ein Kämpfer vor dem Herrn"

Noch zu Saisonbeginn hatte es eher düster im Hammer Osten ausgesehen. Niederlagen zuhause gegen Neuwied (2:7) und Diez-Limburg (2:4) sowie in Herford (4:6) sorgten für einen klassischen Fehlstart der Eisbären, die sich als Vorjahres-Finalist plötzlich am Tabellenende wiederfanden. Unruhig geworden ist jedoch niemand im Hammer Lager. „Gegen Neuwied und Diez kannst du verlieren, es war uns klar, dass wir da mit sechs, aber auch null Punkten rausgehen können“, sagt Pietzko. „Und beim Saisonstart kann es sein, dass du noch nicht richtig im Flow bist. Da waren wir nicht bereit. Aber jetzt sind wir in einer deutlich besseren Form.“ 

Was sich auch dadurch erklären lasst, dass Kevin Orendorz zu Saisonbeginn länger ausfiel. Jetzt fehlt mit Michal Spacek wieder ein ganz wichtiger Spieler, ist seit Wochen verletzt. Dass es einen Zusammenhang zwischen seinem Ausfall und der Formanstieg der Mannschaft gibt, wie manch ein Fan flapsig vermutet, wehrt Pietzko lachend ab: „Klar, das haben sie bei mir damals auch gesagt, als ich ausgefallen bin: Jetzt ist die Bremse raus. Aber Michal ist ein Kämpfer vor dem Herrn, hat sich in Belgien einen dreifachen Fingerbruch zugezogen, als er sich in einen Schlagschuss aus einem Meter Entfernung geworfen hat. Es ist eher so, wenn ein Leistungsträger fehlt, und das ist er, dass dann die Mannschaft näher zusammenrückt. Und wir hätten Michal definitiv lieber dabei. Er ist ein super Spieler.“ 

Familienfrühstück für den wachsenden Teamgeist

So hat Trainer Ralf Hoja nach den ersten verloren gegangenen Spielen und dem Ausfall Spaceks auch gar nicht viel im Team verändert, weil „intern nichts bei uns verkehrt gelaufen ist“, sagt Pietzko, der mehrere „Standbeine“ dafür, dass das Team nach den ersten drei Niederlagen eine Serie von 8:1-Siegen hingelegt hat, verantwortlich macht. „Nach dem schwierigen Auftakt, wo du denkst, boah, was passiert hier gerade, da waren wir geknickt. Aber wir haben hart trainiert: Kondition, Kraft, die Intensität war hoch. Danach ging es in die Bereiche der Automatismen. Das Fine- tuning kommt jetzt rein. Jeder weiß, was der andere macht.“ 

Aber auch neben dem Sportlichen passt es immer besser im Team. „Und diese kleinen Dinge sind für mich persönlich sehr wichtig“, sagt Pietzko. „Wir machen mehr zusammen, sprechen viel. Und es gibt keinerlei Starallüren. Am Samstag haben wir alle zusammen mit den Familien im Café del Sol gefrühstückt. Wenn die Stimmung gut ist, dann hast du die Chance über den Teamspirit zu gewinnen.“ 

Pietzko über eine "unegoistische" Meisterschaft

Auch für den Kapitän, der schon seit zehn Jahren bei den Eisbären spielt, läuft es in dieser Saison. Nachdem er im Vorjahr aufgrund eines Mittelhandbruchs lange zusehen musste, hat er jetzt keine Verletzungssorgen und fehlte, wenn, nur aus beruflichen Gründen. „Im vergangenen Jahr war ich im Finale nicht dabei, das war schon ein bisschen traurig“, sagt der 33-Jährige. „Mittlerweile läuft es. Gegen Diez hat meine Reihe vier der ersten sieben Tore im ersten Drittel gemacht. So etwas erlebst du nicht oft.“ 

Gemeinsam mit Aaron Reckers bildet Pietzko ein Duo in der Verteidigung, das sich „blind versteht“, meist hinter Kevin Trapp, Oliver Kraft und am Sonntag Dustin Demuth, weil Thomas Lichnovsky gefehlt hat. „Ob ich dabei dann selbst ein Tor erziele, ist mir mittlerweile egal. Der Erfolg mit dem Team ist wichtig. Als wir Meister geworden sind, habe ich nicht ein Tor geschossen – da bin ich eher unegoistisch.“ 

Pietzko: Trainer Ralf Hoja "ist ein Erfolgsgarant"

Seine Rolle im Team ist eh eine andere – vor allem, wenn es nicht läuft. „Da machst du dir halt als Kapitän mehr Gedanken“, sagt er und versteht sich dabei als Mittelsmann zwischen Trainer und Mannschaft. „Du versuchst, Gespräche zu führen, zu supporten, bist ja so etwas wie der verlängerte Arm des Trainers. Ansprachen gehören dazu. Disziplin reinbringen. Aber ich habe mittlerweile auch viele Aufgaben abgetreten. Oliver Kraft ist zum Beispiel sehr zahlenaffin – der macht die Kasse.“ 

Auf den Trainer lässt Pietzko nichts kommen. Wenn es nicht läuft, aber auch, wenn es gut geht. „Ralf ist ein Erfolgsgarant. Er gibt die Marschrichtung vor, macht das Training. Sonst würde es nicht funktionieren“, sprechen die Erfolge mit einem Titel und einer Finalteilnahme laut Pietzko für sich. 

Entscheidende Phase folgt im Januar

Und eine weitere Eigenschaft Hojas weiß der Kapitän überraschend zu schätzen: „Ralf ist immer persönlich beleidigt, wenn wir verlieren. Aus meiner Sicht zeichnet das den guten Sportsmann aus. Bei ihm wirkt das lange nach – insbesondere letztes Jahr, als wir nicht Meister geworden sind. 

Er ist sehr erfolgshungrig und gibt das weiter an die Mannschaft. Du brauchst so einen Mann, der dich ständig weiter bringt.“ Damit die Mannschaft noch weitere solch märchenhafte Erfolge feiern kann wie am Wochenende – vor allem, in der Phase ab Januar, in der die Meisterschaft in ihre entscheidende Phase gehen wird.

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