Interview: Eisbären-Kapitän Tim Pietzko hält Meisterschaft für möglich

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Tim Pietzko trägt schon im siebten Jahr das Trikot der Hammer Eisbären.

Hamm - Rechtzeitig zum Spitzenspiel am Freitag (20 Uhr) auf eigenem Eis gegen den Tabellenführer Ratinger Ice Aliens sind die Hammer Eisbären in der Endrunde der 1. Eishockey-Liga West in die Erfolgsspur zurückgekehrt. Kapitän Tim Pietzko traut der Mannschaft in dieser Saison noch einiges zu.

Das verriet er im Gespräch mit Peter Schwennecker.

Sie sind in Dortmund geboren, haben als Kleinkind die Laufbahn beim EHC Westfalen gestartet, sind anschließend über die Stationen Essen und Rießersee im Jahre 2009 in Hamm gelandet. Wie haben Sie diesen Weg erlebt? 

Pietzko: Ich habe schon im Alter von vier Jahren in Dortmund erstmals Eishockey gespielt. Da habe ich viele Freunde kennen- und den Sport lieben gelernt. Das hat viel Spaß gemacht. Irgendwann wollte ich dann auch ein bisschen mehr. Das konnte mir Dortmund damals im Nachwuchsbereich leider nicht bieten. Deshalb bin ich nach Essen zu den Moskitos gewechselt, war dort mehrere Jahre relativ hoch im Nachwuchsbereich aktiv. Dann bin ich nach Rießersee gegangen, wo ich ein Jahr unter der Zugspitze in Garmisch-Partenkirchen in der Deutschen Nachwuchs-Liga gespielt habe. Das war eine gute Erfahrung. 

Wie alt waren sie zu diesem Zeitpunkt? 

Pietzko: Ich war erst 17. Mein Vater hat mich dort hingebracht, doch dann habe ich da ganz alleine in einem Hotel gewohnt. Ich bin aber sehr gut vom Verein betreut worden. Da stand mir immer jemand mit Rat und Tat zur Seite. 

"Eishockey war manchmal nicht mehr so wichtig"

Haben Sie damals auch von einer Karriere als Eishockey-Profi geträumt? 

Pietzko: Definitiv habe ich davon geträumt. Das war damals der Zeitpunkt, wo man erkannt hat, dass man sportlich was drauf hat und in der höchsten Nachwuchsliga spielt. Da war der Schritt zum Profi eigentlich nicht mehr weit. Doch dann habe ich schnell gemerkt, dass es auch andere Dinge gibt. Einfach leben. Freunde, Freundinnen, die ersten Partys. Da war Eishockey dann manchmal nicht mehr so wichtig. 

Hat es also im Endeffekt nur an der Einstellung gelegen, dass Sie den Sprung nicht geschafft haben?

Pietzko: Das war die Einstellung. Als Sportler muss man auch nach dem Sport leben. Regelmäßig schlafen gehen, sich richtig ernähren, ordentlich trainieren und ständig eine Topleistung abrufen. Ich habe andere Prioritäten gesetzt, andere Interessen gehabt und Eishockey nicht mehr mit der erforderlichen Intensität betrieben, die eigentlich notwendig gewesen wäre, um Profi zu werden. 

Bereuen Sie das im Nachhinein oder sagen Sie, ich habe alles richtig gemacht? 

Pietzko: Im Endeffekt behaupte ich, dass ich alles richtig gemacht habe. Ich hätte gerne noch einmal erste oder zweite Liga gespielt, aber vom Leistungsniveau her war es nicht möglich. Doch ich habe ein tolles Leben, einen guten Job, eine tolle Frau, fühle mich in Hamm sehr wohl und bin bei den Eisbären inzwischen sehr stark verwurzelt. 

Sie sind jetzt schon in der siebten Saison in Hamm. Für einen Eishockeyspieler auf diesem Niveau eigentlich eine Seltenheit. Was gefällt Ihnen so besonders in Hamm? 

Pietzko: Mir geht es vor allem darum, kontinuierlich auf einem Level zu spielen und sich damit auch beliebt zu machen. Das kann ich in Hamm sehr gut. Ich wohne in Hamm, habe deshalb keinen Grund zu wechseln. Ich habe ein tolles Team an meiner Seite. Der Vorstand, der Trainer, es passt einfach alles. Wir gehen schon seit Jahren einen Weg, haben gemeinsam langfristige Ziele, die wir verwirklichen wollen. Ich bin fest davon überzeugt, dass wir das schaffen. Dass mir Hamm besonders gefällt, liegt zum größten Teil auch an den Menschen. 

"Hammer sind extrovertierter"

Was haben Ihrer Meinung nach die Hammer für besondere Eigenschaften? 

Pietzko: Ich bin von Beruf her Bezirksleiter eines großen Modeunternehmens, kann daher gut vergleichen, weil mein Bereich in Ostwestfalen liegt. Mit den Ostwestfalen ist es etwas schwieriger, in Kontakt zu treten. Die sind etwas reservierter, vielleicht nicht ganz so lebensfroh. Die Hammer sind einfach extrovertierter, die gehen auf Menschen zu, sind freundlich und zuvorkommend. Man kommt mit ihnen auch leichter ins Gespräch. 

Sie haben in Hamm nicht nur schöne und erfolgreiche Jahre erlebt. Es gab auch Situationen, in denen der komplette Eishockey-Standort auf der Kippe stand. Wie erlebt man das als Spieler? 

Pietzko: Als Spieler ist es sehr schwer. Als die Kenston-Unternehmensgruppe in Hamm einsteigen wollte, hörte sich das zunächst alles sehr gut an. Professionelle Strukturen, ein renommierter Trainer, vielleicht mehr Geld für bessere Spieler. Nach dem Rückzug von Kenston drohte alles den Bach runter zu gehen. In dieser Situation waren dann Macher gefragt, die den Verein neu strukturieren, in kürzester Zeit eine Mannschaft zusammenstellen, praktisch die Eishalle sanieren mussten. Alles, was in einem normalen wirtschaftlichen Betrieb passiert, musste bei den Hammer Eisbären auch geschafft werden. Das ist dann geschehen. Darüber bin ich sehr froh. Das war keine einfache Aufgabe. Dass die Situation gemeistert wurde, ist vor allem Werner Nimmert zu verdanken, der sich täglich aufgeopfert und immer wieder auch andere für den Sport begeistert hat. Er war zu diesem Zeitpunkt genau der richtige Mann für diesen Job. 

Werner Nimmert und seine Mitstreiter werden als Retter des Eishockeys in Hamm gefeiert. Welchen Beitrag kann jetzt auch die Mannschaft leisten? 

Pietzko: Die Mannschaft kann einen ganz großen Beitrag leisten. Die Hammer Eis eG ist ja nicht nur die Eishalle, sondern dazu gehört auch der Blueliner, die Pistenbar, die sehr gut läuft und natürlich der Eishockeysport. Erfolgreich sind wir nur, wenn alle drei Standbeine sehr gut funktionieren. Als Mannschaft können wir dazu beitragen. Ich sage auf jeden Fall, die Meisterschaft könnte drin sein. Dann kommen die richtigen Spiele, die Play-offs, wo es um alles geht. Das wäre dann auch für die Zuschauer sehr interessant. Da kann die Halle richtig voll werden. 

Sie haben als Kapitän auch einen sehr guten Draht zu den Fans. Im Blueliner zapfen sie den Anhängern schon einmal ein Bier, wenn es sehr voll ist. 

Pietzko: Das mache ich sehr gerne. Als Kapitän muss man gegenüber den jüngeren Spielern auch Vorbild sein. Es geht darum, Fannähe zu zeigen. Wir sind keine Profis und möchten die Leute für uns gewinnen. Da helfe ich den Mitarbeitern im Blueliner gerne, springe ein, wenn Not am Mann ist. Wenn ich mal gesperrt bin, dann gehe ich bei den Spielen in der Halle auch zu den Fans und helfe mit, die Mannschaft zu unterstützen. Das ist für mich eine Selbstverständlichkeit. 

Zuletzt haben die Eisbären nach etwas holprigem Start fünf Siege in Serie gefeiert. Was zeichnet die Mannschaft derzeit aus? 

Pietzko: Die Stärke ist momentan ganz klar der Teamspirit. Wir halten zusammen, in guten und in schlechten Zeiten, auch wenn wir mal hinten liegen. Wir geben nicht auf, geben Vollgas. Es sind einige Spieler dabei, die woanders herkommen, aber schon seit mehreren Jahren in Hamm spielen, sich in der Stadt ein Leben aufgebaut haben. Wir verstehen uns einfach, haben eine gute Mischung. Der Älteste ist Igor Furda mit knapp über 40 Jahren, der Jüngste Kevin Trapp mit 17. Die Jungen können immer noch von den erfahrenen Spielern lernen. In der Endrunde wird sich die Mannschaft durchsetzen, die als Team gut funktioniert. 

"Haben uns vielleicht zu sicher gefühlt"

Ständigen Beobachtern fällt auf, dass zuletzt das zweite Drittel immer das schwächste der Mannschaft in einer Partie war. Woran liegt das? 

Pietzko: Das ist eine sehr gute Frage. Wenn ich die beantworten könnte, könnten wir auch gut daran arbeiten. Wir haben gegen Ratingen und auch gegen Dortmund 3:0 geführt, uns danach vielleicht zu sicher gefühlt. Durch diese Nachlässigkeiten kommt der Gegner heran, gewinnt dadurch wieder einen Extra-Schub an Motivation. Daran müssen wir arbeiten, das sagt uns der Trainer auch immer wieder. Wir müssen über 60 Minuten die Konzentration hochhalten und immer Gas geben. 

Gegen Ratingen hat es in der laufenden Saison noch keinen Sieg gegeben. Gegen Ende der Vorrunde gab es gegen die Aliens nach einer 3:0-Führung eine 3:7-Pleite. Was muss am Freitag im Spitzenspiel anders laufen?

Pietzko: Es gibt klare Anweisungen des Trainers. An erster Stelle steht die Disziplin. Von der Strafbank aus kann man kein Spiel gewinnen. Ratingen spielt nicht immer ein sauberes Eishockey, spielt körperbetont, dabei manchmal auch unfair. Da müssen wir cool bleiben und uns nicht aus dem Konzept bringen lassen. Wir müssen Strafzeiten vermeiden, möglichst in Führung gehen und die Partie so gestalten, dass die Ratinger gar nicht erst ins Spiel kommen. In der Abwehr müssen wir kompakt stehen. Vorne werden wir unsere Chancen bekommen. Wichtig wird nur sein, dass wir diese dann auch nutzen. Nur als Team können wir bestehen. Trainer, Betreuer, Spieler und die Fans müssen alle an einem Strang ziehen, wenn wir an diesem Tag erfolgreich sein wollen. 

Wie sieht Ihre Lebensplanung, auch im Eishockey, aus? Mit 29 Jahren sind sie ja eigentlich im besten Alter. 

Pietzko: Ich bin für Eishockey in einem super Alter, kann bestimmt noch mehrere Jahre spielen. Ich habe in diesem Jahr auch privat einiges vor, werde noch heiraten und dann soll auch die Familienplanung nicht fern bleiben. Ich will auf jeden Fall weiter Eishockey spielen, wenn sich das mit dem Beruf vereinbaren lässt. Momentan passt das sehr gut. Ich fühle mich in Hamm sehr wohl. Ich könnte mir sehr gut vorstellen, allerdings erst in sehr ferner Zukunft, meine Eishockey-Karriere bei den Eisbären zu beenden.

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