Eishockey

Eisbären-Verantwortliche im Interview: "Oberliga wird Lernprozess für alle"

Ein Trio mit bescheidenen Zielen: Eisbären-Manager Jan Koch (von links), Eis eG-Aufsichtsratsvorsitzender Werner Nimmert und Trainer Ralf Hoja planen langfristig mit jungen Leuten für die Oberliga.
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Ein Trio mit bescheidenen Zielen: Eisbären-Manager Jan Koch (von links), Eis eG-Aufsichtsratsvorsitzender Werner Nimmert und Trainer Ralf Hoja planen langfristig mit jungen Leuten für die Oberliga.

Unter der Woche haben die Hammer Eisbären die Lizenz für die Eishockey-Oberliga Nord erhalten. Dass das Abenteuer in der dritthöchsten deutschen Klasse nicht schief gehen darf, ist auch für den Erhalt des Standortes Hamm und der Eishalle in Werries von existenzieller Bedeutung.

Hamm - Der Aufsichtsratsvorsitzende der Hammer Eis eG, Werner Nimmert, Eisbären-Manager Jan Koch und Trainer Ralf Hoja sehen den Klub aber für den nächsten großen Schritt gerüstet. Die Gründe für ihre Zuversicht verrieten die Hammer Eishockey-Macher im Gespräch mit Peter Schwennecker.

Sie haben sich schon seit einigen Jahren mit dem Thema Oberliga befasst, es aber immer wieder als aus wirtschaftlichen Gründen nicht stemmbar bezeichnet. Warum jetzt der Sinneswandel?

Koch: Bedingt durch die ganze Situation, wie sich die Regionalliga entwickelt hat, waren wir gezwungen, zu handeln. Wir hatten ja im Vorfeld eine Videokonferenz, die nach zwei Stunden mit dem Ergebnis endete, dass nur noch fünf oder sechs Vereine Regionalliga spielen wollten. Für einen Standort, der sich weiterentwickeln möchte, ist das nicht mehr lukrativ. Das kann man weder den Zuschauern noch den Sponsoren verkaufen. Es wird auch immer schwieriger, das den eigenen Spielern oder auch dem Trainer zu vermitteln. Die Spieler gewöhnen sich an dieses Niveau, wissen ganz genau, wie hoch sie springen müssen. Das sieht man dann an der Spielweise. Wir haben uns nach dieser Videokonferenz zusammengesetzt und beraten, ob wir kurzfristig einen Etat für die Oberliga aufstellen können und sind dann recht kurzfristig zu dem Entschluss gekommen, dass wir das hinkriegen, wenn ein Großteil der Mannschaft mitzieht. Da sind wir auf einem sehr guten Weg. Dieser Sprung bietet die Chance, dass wir uns als Verein weiterentwickeln.

Haben Sie, nachdem die Duisburger Füchse und auch die Essener Moskitos zurückgezogen haben, auch noch an einen Rückzieher gedacht?

Nimmert: Wir haben schon vor dem Rückzug der Essener und Duisburger für die Oberliga gemeldet. Für die Regionalliga gab es keine Kompromisse. Da haben wir uns gedacht, so kann es auf keinen Fall weitergehen.

Die Lizenz ist jetzt da, zwei Vereinen wurde sie verweigert. Auch die Oberliga könnte nach dem freiwilligen Verzicht von Essen und Duisburg noch weiter schrumpfen. Droht da ein ähnliches Schicksal wie der Regionalliga?

Nimmert: Ich bin mir sicher, dass in Sachen Leipzig und Hannover Indians noch nachverhandelt wird und beide Vereine letztlich die Zulassung für die Oberliga erhalten werden. So ein Verfahren ist ein Haufen Arbeit und nicht mal eben in einem Handstreich zu machen. Aber auch der Deutsche Eishockey-Bund dürfte Interesse daran haben, dass ein Verein wie die Indians, der über 3000 Zuschauer im Schnitt hat, weiter in der Oberliga spielen wird.

Warum fällt es im Eishockey so schwer, einheitliche Spielstrukturen mit Auf- und Abstieg zu schaffen?

Hoja: Das war ja schon immer so, weil wir einfach zu wenig Vereine haben. Außer im Süden. Da läuft alles etwas anders ab. Da haben ja sogar die Traditionsklubs gesagt, dass sie lieber in die Oberliga gehen, um dann wieder die Lokalderbys zu haben. Vereine wie Füssen hingen einst am Tropf, stehen jetzt aber wieder ganz oben. Bei uns ist das etwas schwieriger. Im Westen und Norden würden wir etwas zusammen bringen, im Osten gibt es aber nicht viele Klubs. Im Eishockey gibt es das Problem, dass sich die meisten Vereine die Liga aussuchen können. Das ist sicherlich nicht gut für den Sport.

Wie wichtig ist eine sportliche Entwicklung in Hamm auch mit Blick auf die Zukunft der Eishalle und der Eis eG?

Nimmert: Wir haben immer gesagt, das sich die Eis eG auf drei Säulen aufbaut. Auf die Eislaufzeiten, die Gastronomie und den Eissport mit dem Nachwuchs. Wir brauchen Pachtzahlungen für das Eis, Zuschauereinnahmen und Einnahmen aus der Gastronomie. Daraus entwickelt sich ein Gesamtkonzept für die eG, das dann auch zu einer schwarzen Null führt. Für uns ist es wichtig, dass wir eine Eishockeymannschaft haben, die im besten Fall für eine volle Halle sorgt. Die Alternative Regionalliga, wenn man sieht, welche Mannschaften da derzeit im Gespräch sind, hätte hier sich kaum noch einer angesehen. Sportlich wäre das keine Herausforderung mehr gewesen. Der Fan möchte attraktiveren Sport sehen. Das wird in der Oberliga der Fall sein. Zudem haben wir dort mehr Spiele.

Wie fest ist Ihr Glaube, dass die Oberliga-Saison wirklich am 16. Oktober gestartet werden kann? Großveranstaltungen sind erst einmal weiter bis zum 31. Oktober untersagt. Wäre ein Start ohne Zuschauer überhaupt denk- bzw. machbar? Die DEL hat den Auftakt ja schon in den November verlegt.

Koch: Ich habe keine Glaskugel, in die ich sehen kann. Von daher sind wir auf Signale der Politik angewiesen. Wir gehen, Stand heute, davon aus, dass die Oberliga-Saison am 16. Oktober beginnen wird. Daran hat sich auch nichts durch die Tatsache geändert, dass die DEL erst im November starten will. Die sind in ganz anderen Sphären unterwegs, was die Zuschauerzahlen angeht. Wir sind recht optimistisch, dass wir den angepeilten Termin in irgendeiner Form halten können. In der aktuellen Coronaschutzverordnung sind Sportveranstaltungen nicht explizit mit eingeschlossen. Da besteht sicherlich noch Klärungsbedarf, wie es dann tatsächlich weitergehen kann. Das betrifft aber auch viele andere Hallensportarten wie Hand-, Volley- oder Basketball. Deshalb wird es irgendwann Erklärungen geben müssen.

Einen Saisonstart ohne Zuschauer wird es aber in der Oberliga nicht geben, oder?

Koch: Davon können wir mal ausgehen. Das würde für alle nicht machbar sein, weil wir nun einmal von den Zuschauereinnahmen leben. Ohne Zuschauer haben es auch die DEL-Klubs schwer, zu überleben. Wie sollen wir das dann als kleiner Verein schaffen?

Wie waren die Reaktionen der Fans auf das Abenteuer Oberliga?

Nimmert: Es überwiegt die Rückendeckung. Es gab natürlich auch kritische Stimmen. Da waren Leute dabei, die nicht über das Hintergrundwissen verfügen. Die haben immer von den Beispielen aus Essen und Duisburg gesprochen. Wenn die das nicht schaffen, warum sollen es dann die Eisbären schaffen? Man muss auch mal die Kirche im Dorf lassen. Gerade die Vereine, die jetzt zurückgezogen haben, haben die Preisstruktur, was die Gehälter angeht, komplett kaputt gemacht. Wenn man da mitziehen würde, führt das zwangsläufig in einen Liquiditätsengpass. Auch einige Sponsoren waren zunächst kritisch, doch unsere Großsponsoren haben signalisiert, dass sie mitziehen wollen und sogar angeboten, dass sie noch etwas drauf schütten würden. Wenn man die Reaktionen in Zahlen ausdrücken müsste, würde ich sagen, dass wir 80 Prozent Zustimmung hatten.

Was erwartet die Hammer Eisbären aus sportlicher Sicht? Wie stark ist die Oberliga, wie groß der Unterschied zur Regionalliga West?

Hoja: Wir haben in der vergangenen Saison schon in der Regionalliga gegen Diez-Limburg gesehen, was es ausmacht, wenn eine Mannschaft mit guten Zweitligaspielern bestückt ist. Die Oberligaspitze wird für uns erst einmal nicht zu erreichen sein. Aber ich glaube schon, dass wir mit den Mannschaften aus dem Mittelfeld, auch wenn die Oberliga ein höheres Niveau haben wird, durchaus mithalten können. Bis auf drei oder vier Spitzenteams wird die Liga ausgewogen sein. Wir werden natürlich 105 Prozent geben müssen, um ein Spiel zu gewinnen. Das wird schwierig, das wissen wir. Es wird in dieser Liga kein Lauterbach oder Neuss geben. Wir werden immer Vollgas geben müssen. Ich denke aber, dass wir eine gute Mannschaft zusammenbekommen werden, um eine ansprechende Rolle zu spielen.

Die Personalplanungen liefen angesichts der Situation bisher recht schleppend. Geht es jetzt nach Erteilung der Lizenz zügiger voran?

Koch: Wir haben uns bisher, was die Veröffentlichung der Personalien angeht, zurückgehalten. Andere Vereine waren da zuletzt wesentlich schneller oder sind offensiver damit umgegangen. Wir haben aktuell 80 Prozent des Kaders stehen. Nach der Lizenzerteilung werden wird jetzt nach und nach die Gespräche finalisieren. Da wird es noch einige Vertragsverlängerungen, aber auch die eine oder andere Neuverpflichtung geben. Natürlich werden wir auch Abgänge haben.

Ist schon über eine personelle Zusammenarbeit oder Partnerschaft mit einem Klub der DEL oder DEL2 nachgedacht worden?

Hoja: Nachgedacht haben wir darüber sicherlich schon. Doch es muss dann alles passen. Herne arbeitet ganz gut mit Iserlohn zusammen. Auch wir hatten in vergangenen Jahren ja schon den einen oder anderen Iserlohner Nachwuchsakteur bei uns. Doch ich halte nicht viel davon. Ich bin kein Freund von diesen Förderlizenzen, denn ich weiß am Freitag nicht, ob der Spieler am Sonntag überhaupt wiederkommen kann. Zudem trainiert er vielleicht nur einmal die Woche mit der Mannschaft. Wenn wir junge Spieler haben, dann sollten sie fest bei uns eingebunden sein. Durch den Start in der Oberliga werden wir sicherlich aber für andere Vereine attraktiver, die dann sagen, da können wir unsere Nachwuchsleute hinschicken. Doch jetzt müssen wir uns erst einmal etablieren. Wir haben sehr gute junge Spieler an der Angel. Wir wollen uns jetzt einen Namen machen und diese weiterentwickeln. Das ist unser Ziel.

Werden sich die Eisbären auf langer Sicht in der Oberliga etablieren können? Haben Sie sich einen zeitlichen Rahmen gesteckt?

Nimmert: Wir haben ja 2015 in der Oberliga West gespielt. Wenn es die noch geben würde, wären wir heute noch da drin. Wir hätten sehr gerne gesehen, wenn sich die jetzt zweigeteilte Oberliga wieder dorthin zurückentwickelt hätte. Doch die Mehrheit im Verband war nun einmal dagegen. In vier Jahren Regionalliga waren wir dreimal im Finale, einmal Meister. Wir haben uns auch dort stetig entwickelt. Wir wollen diesen geraden Weg in der Oberliga mit diesem Trainer fortsetzen, junge Talente nach vorn bringen. Wir geben uns selbst drei, vier oder fünf Jahre Zeit, um ein gutes Team in der Oberliga zu werden.

Wer gehört zu den Spitzenklubs, wie heißen die Vereine, an denen sich die Eisbären orientieren müssen?

Hoja: Herne hat in den vergangenen Jahren einen großen Schritt gemacht. Die haben sehr gute Arbeit geleistet. Herne hat vor allem eine sehr gute Personalplanung. Das Team wird immer wieder durch sehr junge Spieler hervorragend ergänzt. Herne ist für mich der Inbegriff eines Vereins, bei dem man sagen kann, die haben sich mal ein paar Gedanken gemacht. Die haben ein klares Konzept. Bei anderen Klubs regiert allein das Geld. Die kaufen dann immer fertige Spieler. Die Tilburg Trappers sind ein reines Profiteam. Wir müssen uns an den Mitaufsteigern aus Diez-Limburg und Herford oder an einem Verein wie Erfurt orientieren. Die Erfurter haben es auch immer mit bescheidenen Mitteln geschafft, in der Liga mitzuhalten.

Lautet das Ziel der Eisbären dann, nur nicht Letzter zu werden?

Hoja: Wenn ich spiele, will ich immer gewinnen. Doch die Oberliga wird für alle ein Lernprozess. Für die Spieler, auch für mich als Trainer. In der Regionalliga konnte ich die Aufstellungen der Gegner schon mitsingen, wusste, wer wie in Überzahl spielt. Jetzt muss ich alles neu beobachten. Für die Spieler wird die Belastung durch die höhere Zahl der Begegnungen und weiten Reisen größer. Auch das Training werden wir hochfahren. Das müssen sie erst einmal verkraften. Nur nicht Letzter zu werden kann nicht das Ziel sein, wir wollen uns entwickeln. Wir wissen ja derzeit auch noch nicht, wie die anderen Mannschaften aussehen werden. Wir haben aber selbst eine gute Teamstruktur, sind in weiten Teilen eingespielt. Deshalb bin ich ganz zuversichtlich, dass wir eine gute Rolle spielen werden.

Nimmert: Einer muss natürlich Letzter werden, doch wir werden alles daran setzen, dass unsere Mannschaft das nicht sein wird. In der vergangenen Saison war Krefeld in der Tabelle abgeschlagen, hat aber immer wieder auch gegen die Topklubs oft nur knapp verloren und auch einige Spiele gewonnen.

Koch: Der Unterschied zur Regionalliga wird sein, dass wir die Leistung, die wir ansonsten nur in den Playoffs abrufen mussten, jetzt über die gesamte Saison zwei bis dreimal die Woche auf das Eis bringen müssen. Das wird der gravierende Unterschied sein. In der Regionalliga wusste die Mannschaft ganz genau, dass es oft reichte, nur ein Drittel Vollgas zu geben. Das kann sie sich in der Oberliga nicht erlauben.

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