Viel Kopfschütteln

Von pingelig bis unnötig: Diese Regeln sorgen bei Hamms Sportlern für Kopfschütteln

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ASV-Rechtsaußen Marten Franke ist sich sicher: sich einig: Regeln gehören zum Sport dazu, ergeben aber nicht in allen Fällen einen Sinn.

Handspiel, Abseits, unnötige Härte. Regeln sind im Sport nötig, jedoch nicht immer sinnvoll, wie Hamms Sportler finden.

Hamm – Montagabend, Hannover, 87. Spielminute. 96-Mittelfeldmann Marc Stendera erlöst mit seinem 2:2-Ausgleich seinen kriselnden Fußball-Zweitligisten. Der Jubellauf ist euphorisch, wenn auch nur von kurzer Natur, weil Schiedsrichter Martin Thomsen die wohl mittlerweile unbeliebteste Handbewegung des modernen Sports ausführt. Ein Griff ans Ohr und eine Intervention mit dem Kölner Videokeller später nimmt der 34-Jährige den Treffer zurück, wurde er doch Augenblicke zuvor vom Ball getroffen. 

Die Begründung: Die in dieser Saison neu gefasste Regel 09, laut der der Ball aus dem Spiel sei, wenn er einen Spieloffiziellen berührt. Sie reiht sich damit ein in eine Liste von Bestimmungen, die für die Hammer Sportler besser heute als morgen abgeschafft – oder zumindest überarbeitet – gehören.

Handball - Franke kritisiert überempfindliche Schiedsrichter

Es war wie der gemütliche Sonntagsspaziergang, den Marten Franke und Co. am fünften Spieltag gegen den TV Emsdetten unternahmen (29:17). Gleich in der Anfangsphase setzte sich der Zweitligist ASV Hamm-Westfalen mit einer mehr als komfortablen 8:0-Führung ab und verwandelte die Westpress Arena in ein Tollhaus. 

In der Defensive funktionierte beinahe alles, und vorne dominierte der ASV den TV nach Belieben. Zu einfach, dachte sich Franke, der gegen seinen Ex-Klub leichtes Spiel hatte. Dass der 24-jährige Rechtsaußen, wie auch seine Mitspieler, einen Sahnetag erwischt hatten, war unabstreitbar. 

Die Art und Weise, wie Franke wie ein heißes Messer durch die Emsdettener Deckung glitt, macht jedoch auch ihn noch Wochen danach ein wenig stutzig. „Es ist nicht unbedingt eine neue Regel“, fängt Franke an, „aber die Schiedsrichter sind in dieser Saison viel pingeliger, was uns Rechtsaußen angeht. Beinahe jeder Kontakt wird zu unseren Gunsten für einen Siebenmeter abgepfiffen“, kritisiert der Sommerneuzugang, obwohl er doch eigentlich seinen Nutzen daraus ziehen sollte. „Das tu ich auch“, gibt der Rechtsaußen zu. 

Der Spaß an den Duellen mit seinem ehemaligen Teamkollegen Dirk Holzner hielt sich jedoch in Grenzen. „Er hat mich einfach werfen lassen“, erinnert sich Franke schulterzuckend. In einen ähnlichen Regelstreik ist der ASV-Akteur auf der Gegenseite nicht getreten. Probleme mit dieser neuen Regelauslegung hat er dennoch. 

In der Offensive würde er sich lieber körperlich durchsetzen und sich nicht auf die Entscheidung des Unparteiischen verlassen. Wenn es darum geht, seinen Torhütern Felix Storbeck und Oliver Krechel so gut wie möglich in der Deckung zuzuarbeiten, dann ist er beinahe nur noch genervt, wenn ein schriller Pfiff ertönt: „Es gibt genug Spieler, die einfach nur noch den Kontakt suchen – leider.“ 

Etwas Positives sprang für Holzner und Franke nach dem körperlosen Duell dennoch heraus: „Wir haben anschließend lange telefoniert und viel gelacht“, berichtet Franke.

Fußball - "Regelauslegungen im ständigen Wandel"

Lange muss Frederic Westergerling, Torhüter des Oberligisten Hammer SpVg, nicht überlegen. Nach gerade einmal fünf Spielminuten verschwand der damals 22-Jährige in Diensten des SC Roland 1962 mit gesenktem Kopf in der Kabine. „Und das ausgerechnet gegen meinen Ex-Klub SV Lippstadt“, berichtet Westergerling. 

Mittlerweile kann er über seine Notbremse schmunzeln, damals jedoch wäre er am liebsten im Erdboden versunken. „Der Stürmer ging an mir vorbei, ich treffe ihn unglücklich und er geht zu Boden“, erinnert sich Westergerling, der mit Rot vom Platz gestellt wurde und anschließend dabei zusah, wie der anschließende Strafstoß in die Maschen gehämmert wurde.

 „Glücklicherweise gibt es diese Art von Doppelbestrafung heute nicht mehr. Da habe ich mich persönlich sehr drüber gefreut. Das zeigt ja auch, dass die Regelauslegung im ständigen Wandel ist“, so der HSV-Keeper, der sein genanntes Beispiel als weiteren Denkanstoß nutzt.

HSV-Keeper Frederic Westergerling hat Hoffnung, was die Regelanpassung betrifft.

Sein Fokus: Die allseits umstrittene und zugleich undurchsichtige Handspielregel. „Es gibt natürliche Handbewegungen, die sich nicht vermeiden lassen. Heutzutage ist es so, dass sofort Elfmeter gepfiffen wird, sobald der Ball an den Arm prallt“, bemängelt er und fügt das Bild seiner Vordermänner an, die mit verschränkten Armen dem Gegenspieler hinterher jagen. 

„Solange man nicht absichtlich die Körperfläche vergrößert, ist es für mich kein Handspiel. An der Regel kann man bestimmt noch etwas pfeilen“, so Westergerling. Ein absolutes Tabu sieht er zudem wöchentlich im deutschen Oberhaus: „Ich bin ganz froh, dass ich mit dem VAR (Video-Assisant-Referee, Anm. d. Red.) nichts zu tun habe. Dort ist es ja noch schlimmer. Und dann kommt dazu, dass man nie weiß, ob man sich über ein Tor freuen darf oder nicht.“

Rollhockey - Die künstlich erzeugte Spielverzögerung

Wo es im Fußball die Hand ist, ist es im Rollhockey der Fuß, wie Kevin Karschau, Torjäger des Deutschen Meisters SK Germania Herringen, nur zu gut weiß: „Es lässt sich in vielen Situationen einfach nicht vermeiden, dass man die Kugel mit dem Fuß berührt.“ 

Besonders ein Begriff stößt bei ihm bitterlich auf: die Auslegungssache des Schiedsrichters. Eine Bewertung der Aktion ist in den meisten Fällen eine subjektive – genau das Gegenteil von dem, was sich Kevin Karschau und wohl der Rest der Sportwelt von Regeln erhoffen. „Es gibt keine klare Auslegung“, bemängelt Karschau, der als vermeintlicher „alter Hase“ schon etliche solcher Szenen erlebt hat. 

„Manchmal stehst du im Sechs-Meter-Raum und kriegst einfach nur den Ball an den Fuß geschossen. Wenn der Schiri dann auch noch auf Penalty entscheidet, wirst du eigentlich für nichts doppelt bestraft“, so der SKG-Offensivmann. 

Lucas Karschau (rechts) und der wöchentliche Kampf, dem Spielgerät mit dem Fuß auszuweichen.

Sein Bruder pflichtet ihm bei: „Während der Fahrtbewegung ist das besonders bitter und natürlich Quatsch, wenn das abgepfiffen wird.“ Vielmehr jedoch stört ihn die künstlich herbeigeführte Unterbrechung des Spielflusses, sobald die Kugel im Aus landet. Denn während ein schnell ausgeführter Einwurf im Fußball ein bewährtes Mittel darstellt, ist das Weiterspielen im Rollhockey ohne Signal des Schiedsrichters ein klarer Regelverstoß. 

„Das wurde leider erst vor kurzem so festgelegt und ich bin mir sicher, die meisten wissen gar nicht davon“, bedauert der SKG-Kapitän einen weiteren Eintrag in den Statuten. „So stehen wir an der Seitenlinie und warten darauf, dass der Unparteiische endlich anpfeift“, betont er. 

„Es gibt unzählige Gelegenheiten, in denen man das Spiel schnell machen könnte, wenn die gegnerische Abwehr ungeordnet ist“, sagt Lucas Karschau. So komme es aber immer wieder zu unnötigen Unterbrechungen, an denen der Geschehensfluss deutlich leide.

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