Zeichen gegen Zweiklassen-Gesellschaft

Deutscher Rollhockey-Verband sagt aus Protest EM-Teilnahme ab

Herringens Kapitän Lucas Karschau (Mitte) muss vorerst weiter auf Länderspiele verzichten. Der Verband sagte die EM-Teilnahme ab.
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Herringens Kapitän Lucas Karschau (Mitte) muss vorerst weiter auf Länderspiele verzichten. Der Verband sagte die EM-Teilnahme ab.

Sein letztes Länderspiel absolvierte Rollhockey-Nationalspieler Lucas Karschau im Juli 2019 im Rahmen der Weltmeisterschaft in Barcelona gegen Mosambik. Weitere werden für den Kapitän des SK Germania Herringen und des Nationalteams so schnell nicht hinzukommen. Denn der Deutsche Rollsport- und Inlineverband (DRIV) hat die Teilnahme an den Europameisterschaften, die vom 18. bis zum 25. Juli ausgetragen werden, abgesagt.

Hamm – Die Entscheidung fiel auch vor dem Hintergrund der Corona-Pandemie – aber nicht nur deshalb. Der DRIV will ein Zeichen setzen gegen eine Zweiklassen-Gesellschaft im europäischen Rollhockeysport.

Sein letztes Länderspiel absolvierte Rollhockey-Nationalspieler Lucas Karschau im Juli 2019 im Rahmen der Weltmeisterschaft in Barcelona gegen Mosambik. Weitere werden für den Kapitän des SK Germania Herringen und des Nationalteams so schnell nicht hinzukommen. Denn der Deutsche Rollsport- und Inlineverband (DRIV) hat die Teilnahme an den Europameisterschaften, die vom 18. bis zum 25. Juli ausgetragen werden, abgesagt. Dies auch vor dem Hintergrund der Corona-Pandemie – aber nicht nur deshalb. Der DRIV will ein Zeichen setzen gegen eine Zweiklassen-Gesellschaft im europäischen Rollhockeysport.

„Ärgerlich ist das schon, denn als Spieler willst du dich ja gerade bei den Europa- oder Weltmeisterschaften präsentieren“, sagt Karschau, der auch Aktivensprecher ist. Allerdings hat der 28-Jährige Verständnis für die Entscheidung des DRIV, der bereits seit geraumer Zeit über Kreuz liegt mit dem europäischen Dachverband World Skate Europe.

Profis gegen Amateure

Zuvorderst stehen bei der Entscheidung die gravierenden Wettbewerbsnachteile im Zuge Corona-Pandemie, die Rollhockey in den Nationen zur Pause zwingt, in denen er als leistungsorientierter Freizeitsport ausgeübt wird. Die Herringer bestritten ihr letztes Bundesligaspiel am 26. September 2020, siegten beim RSC Cronenberg mit 5:4. Bereits ab März 2020 war im ersten Lockdown an Teamsport nicht zu denken, die Saison 19/20 wurde abgebrochen und Herringen zum Deutschen Meister erklärt – es war der insgesamt fünfte Titelgewinn.

„Wir haben dann sechs Wochen vor Beginn der neuen Saison wieder mit dem Training begonnen, aber nach dem ersten Saisonspiel ging nichts mehr“, sagt Lucas Karschau. Inzwischen ist die Bundesliga-Spielzeit abgesagt worden, Training auf Rollen ist fast unmöglich. Unter diesen Umständen gegen die Profis aus den Top-Nationen halbwegs konkurrenzfähig antreten zu können – unmöglich.

Modus lässt kleinen Nationen keine Chance

Dabei nehmen die Großen keine Rücksicht auf die Kleinen. Im Gegenteil: World Skate Europe, dessen Schlüsselpositionen durch Vertreter der südeuropäischen Klubs besetzt sind, beschloss jüngst eine Zweiklassen-EM, reduzierte das Teilnehmerfeld von 24 auf zwölf Nationen – und machte damit auch die Deutschen zu großen Verlierern.

Das Team um Lucas Karschau, zu dem aktuell auch Liam Hages, Torjäger Christoph Rindfleisch und Torhüter Timo Tegethoff vom SK Germania gehören, wäre in der Gruppe B an den Start gegangen – zwar mit der Chance, im Duell mit dem Sechsten und Letzten der A-Gruppe dorthin aufzusteigen, aber ohne Chance, das Halbfinale zu erreichen. Und nur das hätte zur Teilnahme an der Weltmeisterschaft in Argentinien berechtigt.

„Die letzten Jahre haben wir dieses Ziel zwar verpasst. Aber jetzt überhaupt keine Chance darauf zu haben, ist sehr, sehr bitter“, sagte der in Recklinghausen lebende Rindfleisch gegenüber dem Portal Vest24.

Ärger mit dem Weltverband auf mehreren Ebenen

Der neue EM-Modus brachte beim deutschen Verband das Fass zum Überlaufen. Weil die Klubs aus Spanien, Italien und Portugal ohne größere Beeinträchtigung weiter spielen konnten, hielt der Verband trotz des Stillstands in den meisten anderen Nationen an seinem Programm fest und verhinderte damit die Teilnahme zum Beispiel der Herringer an der Euroleague. Wobei World Skate Europe keinen Gedanken daran verschwendet, den durch Behördenanordnungen ausgeschlossenen Teams die bereits gezahlten Startgelder zu erstatten. „Eine bodenlose Frechheit, das war quasi höhere Gewalt“, meinte auch Herringens Vorsitzender Michael Brandt.

Der im DRIV zuständige Thomas Ullrich wartete jüngst zudem vergebens auf eine offizielle EM-Anfrage – die kam nur über Umwege zu ihm. Bereits im Februar hatten Deutschland, Andorra, Belgien, England, Israel, Österreich sowie die Niederlande unter Führung des schweizerischen Verbandes bei World Skate Europe ihr Recht auf Mitbestimmung in der strategischen Ausrichtung des europäischen Rollhockeys eingefordert – mit offenbar sehr bescheidenem Erfolg. „Es war aber auf jeden Fall der richtige Schritt“, sagt Lucas Karschau, „jetzt müssen wir mal sehen, ob sich was tut, oder ob die lieber unter sich bleiben wollen.“

Herringer halten sich fit - so gut es halt geht

Wie es national mit dem Rollhockey-Sport weitergehen wird, steht noch in den Sternen. „Es ändert sich ja von Woche zu Woche etwas, da ist es schwer, etwas vorauszusagen“, sagt Karschau. Die Hoffnung lebt, im September mit der Saison beginnen zu können. „Aber da brauchen wir eine entsprechende Vorbereitung von gut sechs Wochen“, sagt der Kapitän. Augenblicklich sei es schon schwer, sich fit zu halten: „Ich mache zuhause viel Krafttraining mit dem eigenen Körpergewicht.“

Einige Kollegen würden auch auf Strecke mit Inlinern skaten oder auch auf Rollschuhen fahren, denn „dann behält man wenigstens die Bewegung drin. Das ist ja beim Laufen mit Schuhen nicht so“.

Dass der Verband die – im Gegensatz zur Bundesliga noch nicht abgesagte – Pokalrunde 2020/21 im Sommer austragen möchte, sieht Karschau mit gemischten Gefühlen und macht gleich einen Vorschlag: „Bisher war immer der Super-Cup der Einstieg in die Saison. Vielleicht können wir stattdessen kurz vor Saisonbeginn den Pokal ausspielen, und danach wieder in den normalen Rhythmus kommen.“

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