Kanu

Olympia-Effekt ist nicht zu erwarten

Begeistert zeigten sich viele Hammer Grundschulkinder vom Ferien-Schnuppertraining des KR Hamm.
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Begeistert zeigten sich viele Hammer Grundschulkinder vom Ferien-Schnuppertraining des KR Hamm.

Vier Medaillenboote im Wildwasser, drei auf der Rennstrecke – für die deutschen Kanutinnen und Kanuten lief es bei den gerade beendeten Fünf-Ringe-Spielen in Tokio recht passabel. Doch einen Olympia-Effekt für ihre Sportart erwarten die Verantwortlichen im Kanu-Ring Hamm nicht.

Hamm - Um auf ihren Sport aufmerksam zu machen, sagt die Vorsitzende Sabine Matzka, müsse sie mit ihren Mitstreiterinnen und Mitstreitern auch weiterhin andere Wege beschreiten. „Wir haben die Erfahrung gemacht, dass es darauf ankommt, dass wir selber aktiv werden und in die Schulen gehen. Und schließlich auch ein Training anbieten, das den Kindern Spaß macht und viel Abwechslung bietet“, sagt Matzka. Für die Kinder und Jugendlichen, die den Kanusport für sich entdecken könnten, sei das Olympia-Programm aus Tokio ungeeignet gewesen. „Da hat sich ja alles nachts abgespielt“, sagt Matzka. Und bei den Eltern der idealen Zielgruppe im Alter von sieben bis neun Jahren sei der Aha-Effekt eher nicht zu erwarten, wenn der Augsburger Hannes Aigner sich im Kanu-Slalom seinen Medaillentraum erfüllt.

Es braucht lokale Helden

Da hätte es schon einen lokalen Helden zum mitfiebern gebraucht. Doch gerade die über Jahrzehnte erfolgreiche Abteilung Kanuslalom bereitet in Hamm die größten Sorgen. Aus der jüngsten Erfolgstroika des Kanu-Rings ist Sebastian Schubert bereits 2019 zurückgetreten, während Jasmin Schornberg, inzwischen 35 und Mutter, bei den Tokio-Spielen zwar zu sehen war, dies aber als Expertin bei Eurosport. Mit Stefan Hengst, noch amtierender Weltmeister im Extrem-Slalom und nationaler Dauerrivale von Bronze-Gewinner Aigner, taugt nur noch ein Aktiver als Vorbild für Hammer Kinder.

„Doch hier vor Ort kann er leider nicht mithelfen, etwas zu bewegen. Um in seinem Sport nach vorne zu kommen, musste er einfach zum Stützpunkt nach Augsburg gehen“, sagt der hauptamtliche Landestrainer Jürgen Schubert, der aktuell ein wesentlich größeres Problem sieht: „Wir haben in Hamm keinen geeigneten Trainer für den Wildwasser-Bereich.“ Der einzig adäquate Übungsleiter, Malte Rehkämper, hat sich beruflich verändert und steht deshalb nicht mehr zur Verfügung. Und Schubert selbst ist beim Landes- und Bundesverband als hauptamtlicher Trainer so eingespannt, dass er kaum noch Zeit für den Verein hat.

Tokio soll einen ehrenamtlichen Effekt haben

Schubert hofft in diesem Zusammenhang auf einen besonderen Tokio-Effekt: Einige Erwachsene, die eine Affinität zum Kanusport haben, mögen sich doch bitte beim Anblick der spektakulären Bilder aus Tokio daran erinnert fühlen, dass sie den Sport ehrenamtlich unterstützen könnten. „Aber wir sind ja bei weitem nicht die einzige Sportart, die ihre Schwierigkeiten damit hat, dass dies nicht geschieht“, sagt Schubert. Und schließlich zeige nicht nur Corona, sondern auch die gesellschaftliche Entwicklung oder auch der kommunale Sparzwang – oft einhergehend mit Bäderschließungen – eine Langzeitwirkung: „Zum Beispiel wegen der Kinder, die deswegen gar nicht oder nicht richtig schwimmen lernen. Da wird es uns noch richtig hart treffen...“, sagt Schubert.

In Hamm sei die Entwicklung aber noch ausgesprochen positiv – vor allem dank der Rennsportsparte. „Der Kanu-Ring kann sich dabei glücklich schätzen, dass er sein neues Wassersportzentrum hat und die Verbindung zu den Schulen speziell im Innenstadtbereich“, sagt Schubert.

Schnupperkurs-Angebot

Für die schnellen Boote meldet der Kanu-Ring gut 50 Kinder, die von den Coaches in mehreren Gruppen betreut werden. Und als Angebot für die Sommerferien läuft derzeit ein Schnupperkurs für insgesamt 32 Grundschulkinder, den die Hammer im Rahmen eines vom Landesportbund geförderten Programms anbieten. „Einige der Teilnehmer sind von der Sportart so begeistert, dass sie direkt ins Anfängertraining einsteigen möchten“, freut sich Sabine Matzka.

Medaillenchancen bei der DM

Die intensive Arbeit des Trainerteams macht sich im sportlichen Bereich deutlich bemerkbar. Sieben Talente aus dem Kanu Ring fahren in dieser Woche im Rahmen der Deutschen Meisterschaft in Hamburg – zumindest zwei von ihnen werden ab Freitag in Hamburg große Medaillenchancen eingeräumt: Marie Allendorf und Fiona Trojca, beide 17 Jahre jung. „Wir hoffen da schon auf Medaillen und darauf, dass sie dann bei den Olympic Hope Games starten dürfen“, sagt Sabine Matzka. Außerdem ist Allendorf als Vize-Europameisterin mit dem deutschen Vierer-Kajak für die Junioren-Weltmeisterschaften qualifiziert, die Anfang September in Portugal stattfinden sollen.

Aber auch in der Breite bewegt sich im Kanusport etwas – und das sogar wegen Corona. „Wir hatten viele Anfragen, weil Kanusport im abklingenden Lockdown ja einzeln oder in Kleingruppen möglich war. Die Leute wollten einfach mal so ein Boot mieten. Aber da mussten wir absagen, denn das geht ja nicht so einfach ohne Schulung“, sagt Jürgen Schubert. Er hofft nun, dass sich im Zuge dessen die Freizeitgruppe im neuen Zentrum vergrößert – und vielleicht „doch der eine oder andere im Kanuslalom aktiv sein möchte“.

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