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ASV wird kein Harakiri begehen

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Von: Rainer Gudra

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ASV-Geschäftsführer Thomas Lammers (links) steht derzeit unter Dauerstress. © Reiner Mroß/Digitalbild

Am Montag, 18. Juli, hat Aufsteiger ASV Hamm-Westfalen die Vorbereitung auf die Saison 2022/23 in der Handball-Bundesliga final aufgenommen – nicht nur auf der Platte. Gerade im operativen Bereich haben Geschäftsführer Thomas Lammers und seine Mitstreiter bis zum Saisonstart Anfang September viel Arbeit zu verrichten. Wie die etablierte Konkurrenz den Neuling in der Eliteklasse begrüßt hat, welche Neuheiten es gibt und wie Fans und Sponsoren auf den Aufstieg reagiert haben, das erzählt Lammers im Gespräch mit Rainer Gudra.

Herr Lammers, worin unterscheidet sich grundsätzlich die Vorbereitung auf eine Erstliga-Saison im Vergleich zu einer Zweitliga-Spielzeit?

Im sportlichen Bereich unterscheidet sich das gar nicht so sehr. Aber in der Sponsorenbetreuung und beim Dauerkartenverkauf gibt es da schon einiges, was anders ist als in den Vorjahren. Für die 2. Liga waren die Abläufe bei allen bekannt und die Vorbereitung verlief in allen Bereichen sehr eingespielt. Durch den Aufstieg kommen aber jetzt einige Neuerungen auf uns zu – und auch unabhängig vom Aufstieg. Neu ist Kinexon. Sie werden die Leistungsdaten aller Spieler bis ins letzte Detail aufwändig erfassen mit Chips unter den Trikots und im Ball. Für uns neu ist Sky als Broadcaster aller unserer Spiele. Bisher hatten wir drei Kamerapositionen. Im Termin haben wir besprochen, wie die Anforderungen je nach Übertragungsszenario sind. Dann kommt die Handball-Bundesliga, die ja auch Werbeplätze gebucht hat, die wir jetzt nach ihren Vorgaben umsetzen müssen – mit der DKB, mit Liqui Moly als Namensgeber. Es wird noch einen Delegierten am Zeitnehmertisch geben, das hatten wir zuvor nur bei außergewöhnlichen Spielen. Wo halten sich die zusätzlichen Leute vor, während und nach dem Spiel auf, welche Räume müssen wir zur Verfügung stellen?

Am vergangenen Dienstag gab‘s Besuch in der Westpress Arena: Die Datensammelspezialisten von Kinexon waren da, Sky und die HBL auch. Und alle hatten spezielle Wünsche. War‘s am Ende ein Teuer-Schock für den ASV-Geschäftsführer?

Na ja, es ging. Klar, jeder hatte seine Wünsche. Wir mussten einiges anpassen, aber einiges, was da auf uns zukommt, wussten wir schon. Für Kinexon ist die Daten-Infrastruktur aufwändig mit 18 Punkten unter der Hallendecke, die mit Sendern bestückt werden. Das bedeutet Manpower, da müssen Fachkräfte ran und das kostet ein paar Euro. Wir hatten unsere Technik-Partner dabei, und die haben Lösungen und wissen, wie sie das angehen müssen. Sky hat auch Wünsche, wir haben zum Beispiel die Kamerapositionen etwas geändert. Dann müssen Stellplätze für Ü-Wagen, die Stromversorgung und Kabelwege geklärt werden sowie ein paar andere Dinge – da war jetzt aber nichts dabei, was uns komplett umhauen würde. Und die HBL hat die Infrastruktur noch einmal durchgecheckt, damit es in der Saison keine unliebsamen Überraschungen gibt. Am Hallenboden müssen wir noch etwas machen. Bisher war der hellblau und im Sechsmeterkreis dunkelblau. Nun muss der Boden einheitlich in einer Farbe sein, da müssen wir den Kreis anpassen. Da sind wir mit dem Hersteller im Austausch, und der hat für uns eine einfache Lösung parat.

„Sponsoren rennen uns die Bude ein“

Wie waren die Reaktionen bei den Fans und Sponsoren auf den Aufstieg?

Nach dem Aufstieg am 3. Juni hat ein Run auf die Dauerkarten begonnen, das haben Katrin Schittek und Larissa Schneider in der Geschäftsstelle alles weggearbeitet. Ich habe mich vornehmlich mit der Sponsorenbetreuung beschäftigt, nachdem die Spielerplanung abgeschlossen war. Jeder hat Bock auf die 1. Liga, keine Frage. Für einige ist es in der 1. Liga natürlich interessanter durch die deutliche höhere Reichweite, andere sind mit ihrem Unternehmen oder Produkt auf den lokalen Markt konzentriert. Sponsoren laufen uns im Moment tatsächlich die Bude ein. Unser VIP-Raum ist schon mehr oder weniger ausvermarktet. Das ist Fluch und Segen. Wir können am Spieltag rund 300 Gäste begrüßen. Aber wenn die 300 Karten weg sind, sind sie weg. Mehr ist dann nicht möglich. Und auch unsere Werbeflächen sind begrenzt. Bodenaufkleber, Trikots et cetera, alles, was im Fernsehen präsent ist: vermarktet. Klar gibt es hier und da noch Sachen, die man in der Hinterhand behält, vielleicht für jemanden, der jetzt sagt: Ich will hier groß einsteigen. Wir sind zuversichtlich, in der nächsten Woche einen neuen Hauptsponsor präsentieren zu können, der eigentlich nur drauf gewartet hat, dass wir aufsteigen. Ein Unternehmen aus Hamm, das gesagt hat: genau unsere Plattform. Die Reichweite ist medial sehr viel größer. Wir spielen ja jetzt auch in den Metropolen wie Leipzig, Stuttgart, Berlin, in Kiel oder Hamburg. Das ist für so ein Unternehmen noch mal etwas anderes.

Aus der 2. Liga direkt in die beste Liga der Welt…

… Ja, das ist wirklich so. Deswegen haben wir einige, die diese Plattform jetzt auch nutzen wollen. Hast du jemanden, der deutschland- oder europaweit unterwegs ist, ist die Spielwiese natürlich größer als für den lokalen Dienstleister. Aber auch er freut sich, dass jetzt die Elite hier spielt, und wir auch in Hamm selbst noch einmal eine ganz andere Bekanntheit erreichen. Das wissen wir ja auch noch aus dem ersten Erstligajahr 2010.

Waren die Gespräche über die Summen schwierig?

Grundsätzlich wissen alle, dass die 1. Liga auch einen finanziellen Mehraufwand bedeutet. Anfangs ist viel Smalltalk und viel Euphorie, aber irgendwann geht es ja auch einmal ans Eingemachte. Und da haben eigentlich alle mit einer Erhöhung gerechnet. Es ist ja nicht so, dass ich gleich sage: doppelter Preis. Aber es ist ein anderes Kaliber. Umso schöner ist es natürlich, wenn Unternehmen auf uns zukommen und sagen: jetzt würden wir gerne einsteigen oder mehr machen. Wir werden tatsächlich mehr Sponsoren haben. Das liegt am Aufstieg, es liegt aber auch an der Markenstärkung.

Etat im Liga-Vergleich ganz unten

Wo liegt der ASV mit seinem Etat im Ligavergleich?

Vermutlich unten. Ganz unten. Ich weiß jetzt nicht genau, was die anderen so haben, aber ich bin mir sicher, dass wohl wenigstens eine Drei vorne steht und bei uns eine Zwei. Wir sind rein wirtschaftlich vermutlich Schlusslicht. Die, die Jahre lang in der 1. Liga und in Europa spielen, haben eine andere Substanz, und Gummersbach ist alleine vom Namen her auch kein normaler Aufsteiger. Jeder kennt deren Historie. Okay, die waren jetzt drei Jahre in der 2. Liga, aber die haben einen ganz anderen Background mit der Halle, mit ihrem Namen, auch die Sponsoren, die sie haben. Das ist noch einmal ein ganz anderer Schnack.

Wie war denn unter diesen Umständen die Reaktion der Liga auf den Aufstieg des ASV?

Die Reaktion der anderen Geschäftsführer war und ist total positiv. Die freuen sich, dass wir aufgestiegen sind. Man kennt sich ja auch. Da kommt mit uns mal wieder eine neue Mannschaft nach oben, die ja auch frische Impulse gibt. Wir werden da jetzt auch nicht belächelt. Jeder weiß, dass wir mit unseren Möglichkeiten, wenn wir über die Abstiegskandidaten reden, sicher als Erstes oder Zweites genannt werden. Auf der anderen Seite haben wir ein einfach zu definierendes Ziel: Wir wollen in der Liga bleiben. Heißt, wir müssen zwei Mannschaften hinter uns lassen. Die zu finden, und das zu schaffen, wird eine riesige Aufgabe, das wissen wir alle. Aber es ist nicht so, dass wir als Handball-Touristen kommen und sagen: Ah, ich freue mich darauf, mal die Halle in Kiel zu sehen oder in Berlin. Ja, vielleicht auch ein bisschen, aber es geht um sportlichen Ehrgeiz. Und wir sind ja auch ein Wirtschaftsunternehmen.

Fürchten Sie, dass Leute im näheren Umfeld die Nerven verlieren werden, wenn es mal längere Durststrecken gibt oder der Start voll in die Hose geht?

Der Underdog der Liga

Uns ist klar, dass in schwierigen Phasen Kritiker schnell auf dem Plan sind. Das kennen wir aber auch aus den Vorjahren. Wichtig ist: Wir definieren klare Ziele für uns, wir lassen uns von Momentaufnahmen nicht aus der Ruhe bringen. Was nicht heißt, dass wir unsere Arbeit nicht intern auch kritisch beleuchten können – aber eben genau das: intern. Das war auch im Aufstiegsjahr ein Schlüssel zum finalen Erfolg. Wir sind der Underdog in der Liga. Von den ersten sieben Gegnern sind drei aus den Top 5, vielleicht kann es auch passieren, dass wir mit sieben Niederlagen starten. Aber ich habe die Jungs gerade noch im Training gesehen und bin optimistisch, dass das nicht passieren wird und wir die Ziele, die wir verfolgen, auch erreichen werden.

Das aber nicht auf Teufel komm raus...

...Wir werden kein Harakiri begehen – sportlich wie wirtschaftlich. Wenn im Fall des Falles etwas machbar wäre, dann würden wir natürlich überlegen. Aber sportlich wie wirtschaftlich ist unsere Kaderplanung abgeschlossen. Wir sind zufrieden damit. Und wir haben ja noch die Zweite in der 3. Liga, auf die wir zurückgreifen werden, wenn wir keine langfristigen Ausfälle wegen schwerer Verletzungen haben.

Ist es ein Nachteil, beim Meister starten zu müssen und dann mit Rhein-Neckar Löwen einen echten Klotz für das erste Heimspiel zu haben?

Ich finde das richtig gut. Alle wissen dann: tatsächlich Bundesliga. Und wenn wir in Magdeburg mit zehn verlieren, sagen alle: okay, war beim Deutschen Meister. Und bei allem, was besser läuft: cool. Vielleicht nehmen wir ja einen Punkt mit. Am ersten Spieltag, egal ob Fußball, Handball, Basketball, da weiß keiner, wo er wirklich steht. Und dann kommen die Rhein-Neckar Löwen, die internationale Ansprüche haben, da erwartet auch keiner etwas von uns. Da hat man erst einmal ein Auswärts- und ein Heimspiel, in denen man sich die Hörner abstoßen kann. Die Jungs kommen erst einmal in der Liga an. Einige haben ja noch gar nicht darin gespielt, oder aber es ist für sie schön länger her.

Der Samstag als Spieltag entfällt in der 1. Liga. War das ein Thema beim ASV?

Zeiten und Tage – also Mittwoch, Donnerstag, dann Samstag, Sonntag – waren schon ein Thema. Warum? König Fußball. Freitag und Samstag wird von Sky dafür geblockt. Aber wenn ich die Chance habe, so einen Handball hier zu sehen, dann fahre ich halt am Donnerstag zu 19 Uhr in die Halle. Das sehe ich entspannt. Sonntags ist immer das Topspiel um 14 Uhr, so wie wir zum Auftakt in Magdeburg, alle anderen sind um 16 Uhr dran. Eine Umstellung ist sicherlich, dass die Spiele immer blockweise für einige Zeit im Voraus terminiert werden können und wir alle unseren Terminplan nicht schon für ein Jahr fix haben. Die Halle wird voll werden, da bin ich mir ziemlich sicher – denn die Leute bekommen die Topstars der Branche zu sehen.

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