Handball

Der erste Eindruck von ASV-Neuzugang Tim Wieling passt

Aus Bielefeld über Stuttgart nach Hamm: Tim Wieling greift als Rechtsaußen an.
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Aus Bielefeld über Stuttgart nach Hamm: Tim Wieling greift als Rechtsaußen an.

Der erste Eindruck ist ja meist der entscheidende: Wenn diese Binsenweisheit auch für Handballer gilt, darf sich Tim Wieling auf eine erfolgreiche Zukunft beim ASV Hamm-Westfalen freuen. Acht Treffer gelangen dem Rechtsaußen, der mindestens in den kommenden zwei Jahren für den Hammer Zweitligisten auflaufen wird, zum Testspielauftakt gegen den Drittligavertreter HSG Krefeld bei acht Versuchen.

Hamm - Eine 100-prozentige Quote. Wobei: „Einen hab ich ja verworfen“, sagt der 24-Jährige selbstkritisch. Dass dieser Versuch nicht in die Statistik eingeht, weil Wieling in der Szene gefoult wurde und einen Freiwurf erhalten hat, macht für den Rechtsaußen keinen Unterschied.

Viele Talente

Sonnyboy, Justin-Bieber-Gesichts-Double, Michael Jackson-Tanzschritt-Experte – Tim Wieling hat in seiner noch jungen Handball-Karriere schon einige Vergleiche über sich ergehen lassen müssen. Dass er es aber auch handballerisch draufhat, durfte er in den vergangenen zwei Jahren beim Erstligisten TVB Stuttgart für seinen Geschmack zu selten beweisen. „Ich habe in Stuttgart nicht die Rolle und die Spielanteile gehabt, die ich mir vorgestellt habe“, begründet er seinen Wechsel aus der ersten in die zweite Liga nach 27 Einsätzen und 35 Toren im ersten und 35/21 im zweiten Jahr. „Ich will aber spielen. Und Hamm kam im Winter relativ schnell mit der Anfrage auf mich zu – das hat mir gut gefallen.“

Gemeint ist das gesamte Paket: „Ein Verein, der etwas bewegen will, der in naher Zukunft den Schritt in Richtung Bundesliga gehen möchte und der eine gute Truppe zusammen hat“, sagt Wieling. „Deswegen habe ich gedacht, da passe ich ganz gut rein. Und dazu kommt als Bonus, dass ich aus Bielefeld komme und nicht mehr fünfeinhalb Stunden nach Hause fahren muss, sondern 35 Minuten. Aber wäre Hamm der selbe Verein im Süden, Osten oder Norden der Republik gewesen, hätte ich es trotzdem gemacht.“

Wie oft der bekennende Flachwitz-Fan die Bemerkung, dass es Bielefeld doch gar nicht gibt, schon gehört hat, beantwortet der im Stadtteil Sennelager geborene Handballer mit schmerzverzogenem Gesicht: „Ahhhhh...zu oft“, sagt er. „Ich habe Leute aus anderen Ländern im Urlaub getroffen, die kannten Köln nicht, aber die wussten, dass es Bielefeld nicht gibt.“

Handball schon mit vier Jahren

Mit vier Jahren hat Wieling in Ostwestfalen angefangen, Handball zu spielen, „weil ich zuhause alles kaputt gemacht habe mit dem Tennisball“, erinnert er sich. „Ich habe gleichzeitig Fußball gespielt, aber Handball hat mir immer mehr Spaß gemacht.“ Nach dem Start beim TuS Sennelager ging es noch in der Jugend zum TuS Jöllenbeck und im zweiten B-Jugendjahr zum Bundesligisten GWD Minden, wo er in fünf Jahren auch Einsätze in der zweiten Mannschaft und mit der ersten trainiert hatte. „Bei den Spielen waren da aber 14 Männer auf der Bank und ich dahinter. Ich habe jedes Training mitgemacht, bin bei jedem Spiel dabei gewesen, habe aber sehr wenig gespielt und dann gesagt, okay, ich möchte Einsätze – aber in einer Mannschaft, die nach oben will.“

15 Tore in einem Spiel

So kam der Linkshänder zum damaligen Drittligisten TSV Bayer Dormagen, mit dem prompt direkt der Aufstieg gelang. Und ein persönlicher Torrekord, den es erst einmal zu knacken gilt. Denn gegen den TV Emsdetten gelangen dem Neu-Hammer einmal 15 Tore in einem Spiel. „Das Witzige ist, dass mein Trainer Dusko Bilanovic mir vor dem Spiel vorausgesagt hat, dass ich 15 machen werde“, sagt Wieling, der aber nichts davon hält, sich selbst vor einem Spiel solche Marken zu setzen. „Wenn ich den Ball habe, will ich ihn einfach nur reinmachen.“

Ein Jahr blieb der Bielefelder noch, dann rief der TVB Stuttgart – und die 1. Liga. Und auch dort lief es zunächst ganz gut für Wieling. „Aber im ersten Jahr, das irgendwann abgebrochen wurde, habe ich tatsächlich mehr gespielt als im zweiten“, sagt der Rechtsaußen. „Dann war für mich klar: Bundesliga ist mein Traum, ich kann da spielen, ich muss da spielen – aber nicht um jeden Preis.“

Gute Kommunikation mit dem ASV-Trainer

Zum Bankdrücker verkommen, unter einem Trainer, der lieber auf andere setzt, wollte er nicht. Also reifte der Entschluss, einen Schritt zurück zu machen, um vorwärts zu kommen. Nach Hamm. „Hier findet die Kommunikation mit dem Trainer auf jeden Fall schon mal statt“, lächelt Wieling, der von seinem neuen Coach Michael Lerscht angetan ist. „Ich finde es wichtig, einen Trainer zu haben, der mit den Spielern spricht und jedem sagt, das ist deine Rolle, und wenn die größer werden soll, dann mach bitte X, Y, Z. So dass jeder Spieler das Gefühl hat, einen Platz in der Mannschaft zu haben und wichtig zu sein. Mit Michael haben wir einen richtig guten Trainer, der viel fordert. Und wir haben eine Truppe mit viel Potenzial.“

Studium und Modelabel nebenher

Schon als ganz junger Akteur in Dormagen hat der ASV-Neuzugang auf den Wunsch seiner Mutter gehört, die wollte, dass er sich neben dem Handball ein weiteres Standbein aufbaut. Das Sportmanagement-Studium in Köln liegt derzeit nach zwei Semestern zwar auf Eis, aber nur, weil eine andere Idee dermaßen gut eingeschlagen hat, dass für das Studium aktuell keine Zeit mehr bleibt. Mit vier weiteren Kollegen hatte der 24-Jährige „Bock, noch etwas anderes zu machen“ und ein Modelabel von Handballern für Handballer namens „Nahtstelle“ gegründet. Das ging vor einem Jahr an den Markt und läuft trotz widriger Startbedingungen (Wieling: „Mitten in der Corona-Zeit war das vielleicht nicht so clever.“) mittlerweile so gut, dass insgesamt zwölf Mitarbeiter dort beschäftigt sind. „Mein Ziel ist es trotzdem, wenn meine Karriere vorbei ist, das abgeschlossene Studium zu haben“, betont Wieling. „Aber im Moment ist mein Hauptberuf Handball, und die zweite Priorität hat Nahtstelle. “

In seinem Sport will er nun den nächsten Schritt machen. Das persönliche Ziel ist hoch gesteckt: „Zeigen, dass ich in die erste Liga gehöre“, betont er. „Mit allem, was dazu gehört. Auf und neben dem Platz, Quote, Präsenz. Ich will nicht stagnieren, will zeigen, dass ich straighter, geworden bin, professioneller.“

Seine größten Stärken auf diesem Weg sind seine Wurfvariabilität und die gute Quote – als ausbaufähig erachtet er sein Gegenstoßverhalten. „Körperlich kann ich auch noch ein bisschen was drauflegen. Und in der Abwehr kann man sich sowieso immer verbessern, wenn du den Trainer fragst.“

Klare Ziele mit der Mannschaft für die kommende Saison mag Wieling, der nur ein paar Minuten von der Arena entfernt eine Wohnung bezogen hat, nicht kommunizieren.

Ziel Bundesliga

„Aber ich bin hier nicht hingekommen, um im Mittelfeld der zweiten Liga zu spielen. Wir wollen in nächster Zeit da oben wieder hin und irgendwann in die Bundesliga“, sagt er forsch. „Ich traue uns Einiges zu. Aber natürlich muss man sich erstmal als Team finden“, sagt er.

Den einen oder anderen seiner neuen Teamkollegen kannte Wieling bereits als Gegenspieler. Gegen Jan von Boenigk hat er seit der D-Jugend bereits in der Jugend gespielt. „Und ein paar habe ich schon auf Mannschaftsfahrten getroffen.“

Mit seinem direkten Konkurrenten auf der Rechtsaußenposition, Jan Pretzewofsky, versteht sich der Bielefelder „super. Klar gibt es einen Konkurrenzkampf, aber ich finde es wichtig, wenn man ein gutes Verhältnis zueinander hat.“

In der Westpress Arena hat der Bielefelder dagegen noch kein Pflichtspiel bestritten. „Als wir mit Dormagen hier waren, war ich krank“, sagt er. Ausgerechnet gegen den Ex-Klub wird er am 11. September Premiere feiern.

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