Tennis

Den Traum von Wimbledon will Marvin Netuschil noch nicht aufgeben

Der Hammer Tennis-Profi Marvin Netuschil will sich in der Weltrangliste wieder weiter nach oben kämpfen.
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Der Hammer Tennis-Profi Marvin Netuschil will sich in der Weltrangliste wieder weiter nach oben kämpfen.

Marvin Netuschil, in Hamm geborener und aufgewachsener Tennisspieler, hat in den vergangenen Jahren erleben dürfen, dass er auch glücklich und zufrieden ist, wenn alles eine Nummer kleiner ist. 

Hamm - „Natürlich habe ich früher davon geträumt, einmal in Wimbledon aufzuschlagen”, sagt der 29-Jährige, der mittlerweile in Erwitte wohnt und für den Tennispark Versmold in der zweiten Bundesliga spielt. „Aber ich habe andere schöne Erfolge gefeiert, die für mich persönlich eine hohe Bedeutung haben.”

Über seinen Vater, der früher beim ASV Hamm das Racket schwang, war Marvin Netuschil schon als kleines Kind mit dem weißen Sport in Berührung gekommen. Anschließend wechselten die Netuschils in den 1998 gegründeten und zehn Jahre später wieder aufgelösten TC Lippeaue, ehe der hoch talentierte Filius in die weite Tenniswelt auszog. Doch schnell musste er feststellen, dass der Weg nach oben ein harter und beschwerlicher ist. „Die Luft Richtung Spitze wird immer dünner”, sagt er.

Als Bundesligaspieler etabliert

Und während die Zverevs, Nadals, Federers oder Djokovics dieser Welt auf den großen Turnieren vor einem Millionen-Publikum um Siege, Pokale und immense Preisgelder kämpfen, hat sich Netuschil bei den Challenger-Turnieren oder auf der Tour der International Tennis Federation (ITF) einen Namen gemacht und hier in den vergangenen Jahren bereits zehn Turniersiege eingefahren. „Es gibt genug Spieler, die von einem ITF-Erfolg träumen. Und ich habe mich als Bundesligaspieler etabliert. Ich gehöre in Deutschland zur erweiterten Spitze. Es lief bei mir also definitiv nichts in die falsche Richtung”, stellt der Tennis-Profi klar. So hat er sich seit fast zehn Jahren im deutschen Ranking meist zwischen den Plätzen 25 und 30 bewegt, in der Weltrangliste, in der er augenblicklich auf Rang 570 steht, war er 2017 sogar mal als 306. notiert. Dass er derzeit so weit abgerutscht ist, ist der Tatsache geschuldet, dass er in den vergangenen zwölf Monaten aufgrund der Corona-Pandemie an kaum einem Turnier teilgenommen hat.

Viel größer wiegt allerdings das Problem, dass er dadurch seit einem Jahr kaum Einnahmen zu verzeichnen hatte. Denn Netuschil lebt als Profi von den Preisgeldern, die er durch seine Siege erhält. „Die ersten 100 der Weltrangliste fahren den Großteil der Gelder ein. Die durften ja auch während des Lockdowns spielen. Jenseits der ersten 100 ist es ein harter Kampf – und das auch schon zu den normalen Zeiten ohne Corona”, erklärt der Hammer, der alleine für Flüge, Hotelkosten und für seinen Trainer mit Ausgaben von 25 000 bis 35 000 Euro pro Jahr kalkulieren muss. „Mit diesem Minus startet man in jede Saison. Erst wenn man da drüber ist, ist man im Plus und hat eigene Einnahmen”, sagt er.

Die Spieler sind aus der zweiten Reihe sind betroffen

Seit dem Pandemie-Beginn hatte er zwar keine Ausgaben für Flüge oder Hotels zu verzeichnen, aber durch die fehlenden Turniere auch keinen Verdienst generiert. „Gerade wir Spieler aus der zweiten Reihe sind schon arg betroffen. Wir sind unser eigener Herr, müssen uns selbst krankenversichern und gelten als Künstler, so dass wir auch keine staatliche Unterstützung bekommen”, erklärt er. Besonders die Absage der Bundesligasaison im vergangenen Sommer hatte ein Loch in seine Kasse gerissen, denn im Ligabetrieb erhalten die Akteure Antrittsgelder, mit denen sie fest kalkulieren können. „Es gibt das ganz andere Schicksale. Aber ich habe das eine Jahr halbwegs gut überstanden. Ich habe ein Exhibition-Turnier spielen können und hatte letztlich einen Ausfall von 50 Prozent meiner Gelder. Das Loch habe ich dann durch meine Ersparnisse gestopft, die ich aufgrund meiner guten Resultate aus den Vorjahren hatte”, meint Netuschil, weiß aber nicht, ob er ein weiteres Pandemie-Jahr überstehen würde: „Wenn sich das Gleiche wiederholt, dann müsste ich mir Gedanken machen, ob das für mich finanziell machbar wäre. Das war schon ein verrücktes Jahr.”

Er hat die vergangenen Monate genutzt, um viel Zeit mit der Familie zu haben, hat seinem Körper und seinem Geist Ruhe gegönnt und die Seele ein wenig baumeln lassen. „Ich bin ja sonst viel unterwegs. Jetzt aber war es auch mal schön, mit meinen Eltern und meinen Geschwistern viel zu machen. Die Familie hat für mich einen hohen Stellenwert”, betont er.

Gruppenphase als Option in Corona-Zeiten

Dennoch war er froh, dass er vor einigen Tagen seine Tennistasche wieder packen durfte, um im türkischen Antalya an einem ITF-Turnier teilzunehmen. Allerdings schied er dort bereits in der ersten Runde aus – kein Wunder nach der langen Wettkampfpause. „Schade, dass man diese Turniere derzeit nicht mit einer Gruppenphase austrägt“, sagt er und weist auf die International Premier League (IPL) hin, einem Exhibition-Turnier für die Spieler aus der zweiten und dritten Reihe. Dort war im vergangenen Jahr in Gruppen gespielt worden, was Netuschil sehr gut gefallen hatte. Der Hammer hatte nach vier vorgeschalteten Turnierphasen in Halle, die alle in Gruppen ausgetragen wurden, beim IPL-Masters in Frankfurt letztlich einen starken fünften Platz belegt. „Es hat sich gezeigt, dass das stetige Reisen von uns Tennisspielern von einem Land ins andere bei so einer Pandemie nicht funktioniert. Es macht daher viel Sinn, so wie letztes Jahr bei der IPL, Turniere durch Blöcke zu bündeln“, merkt er an. „Und durch diese Gruppenphase wird man ein Stück weit den Spielern gerechter. Wenn man im K.o.-System einen schlechten Tag hat oder unglücklich verloren hat, ist man gleich raus – so wie ich letzte Woche in Antalya. Bei Gruppenspielen geht es nach einer Niederlage am nächsten Tag gleich weiter, man hat eine Chance, es besser zu machen. Und man hat eine feste Zahl an Spielen.” Aber Netuschil befürchtet, dass sich diese Gruppenspiele nicht durchsetzen werden: „Es ist nun mal ein Sport mit vielen Traditionen. Da tun sich die Leute schwer.”

Netuschil macht sich aber nicht nur Gedanken über eine der Pandemie angepassten Turnierordnung, sondern auch über seine eigene Zukunft. So hat er vor zwei Jahren erfolgreich die Prüfung zur Trainer-A-Lizenz abgelegt und kann daher auch als Coach arbeiten. Derzeit ist das aber keine Option für ihn. „Ich will das nicht vermischen. Wenn man beides gleichzeitig macht, kommt eines zu kurz. Noch sehe ich mich nicht als Trainer, noch bin ich Spieler und will mich darauf konzentrieren”, stellt er klar. Nach dem Ende seiner Karriere soll dann aber sein Fokus einzig und alleine der Trainertätigkeit gelten. „Ich habe mir in den vergangenen Jahren viele Fähigkeiten angeeignet, die ich dann gerne weitergeben möchte.”

Mit 29 im besten Tennisalter

Vorher aber will er noch – so lange es geht – als Spieler Turniersiege einfahren und sich in der ATP-Weltrangliste wieder nach vorne kämpfen. „Mit 29 Jahren bin ich ja im besten Tennissalter. Und so lange mein Körper mitmacht, will ich spielen. Ich hoffe, dass ich noch sechs, sieben gute Jahre vor mir habe und den Sprung unter die besten 250 der Welt schaffe. Dann wäre es nicht mehr weit, bei der Quali für ein Grand-Slam-Turnier dabei zu sein”, sagt er und könnte vielleicht doch noch nach Wimbledon kommen: „Träume sind dafür da, dass man sie sich erfüllt. Mein Traum von Wimbledon ist jedenfalls noch nicht ausgeträumt. Das ist weiter meine Motivation.”

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