Interview

Das neue Sprachrohr der Mannschaft des Handball-Zweitligisten ASV Hamm-Westfalen

Fabian Huesmann und seine Kollegen sind am Sonntag in Dessau gefordert
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Geht künftig voran: Der neue ASV-Kapitän Fabian Huesmann geht in sein zehntes Jahr beim ASV.

Wenn für den ASV Hamm-Westfalen am Samstag (19.15 Uhr/Westpress Arena) mit der Partie gegen den TSV Bayer Dormagen die Saison beginnt, geht Fabian Huesmann bereits in seine zehnte Saison im Hammer Osten. Zum ersten Mal wird der Linksaußen dann das Team in der Meisterschaft als Kapitän auf die Platte führen. Mit welchen Erwartungen der mittlerweile 28-Jährige in die Spielzeit startet, was es für ihn bedeutet, das Kapitänsamt zu übernehmen und welche Rolle er seiner Mannschaft in dieser Serie zutraut, verriet er im Gespräch mit Günter Thomas.

Ihnen ist von Trainer Michael Lerscht das Kapitänsamt übertragen worden. Wie fühlt sich das an?
Gut. Es macht einen stolz. Ich denke, es ist eine sehr verantwortungsvolle Rolle, auch der Mannschaft gegenüber. Ich habe gehofft, dass ich zumindest zu den engeren Kandidaten gehöre. Dann hat Micha mich angequatscht und gefragt, ob wir mal Abendessen gehen wollen. Da haben wir uns darüber unterhalten, wie ich die Rolle bekleiden würde. Damit konnte er sich identifizieren und hat gesagt, dass er das mit mir machen möchte.
Hat er das Essen bezahlt?
(lacht) Er hat bezahlt, ja.
Kann man das Amt überhaupt ablehnen, wenn der Trainer wählt?
Als Spieler musst du auch Bock darauf haben, sonst sollte man das Amt ablehnen. Das anzunehmen und nicht mit Verantwortung auszufüllen, wäre fehl am Platz. Die Aufgaben neben dem Handballfeld, sind nicht zu unterschätzen. Ich glaube aber, dass Micha gespürt hat, dass ich mich dafür interessiere. Ich habe hier schon viel Verantwortung im Verein übernommen, habe versucht, die Jüngeren im Verein ankommen zu lassen.
In früheren Jahren hat auch mal die Mannschaft den Kapitän gewählt. Sie wurden aber vom Trainer für das Amt bestimmt.
Ja, da gibt es beide Möglichkeiten. Ich glaube aber, dass die Trainer da meistens einen Touch für haben und nicht jetzt unbedingt jemanden nehmen, mit dem keiner gerechnet hat.
Kapitän heißt ja nicht nur, als erster in die Halle zu laufen. Dazu gehören ja auch Aufgaben. Welche?
In erster Linie ist man das Sprachrohr der Mannschaft gegenüber dem Trainer. Ich finde, dass man eine Meinung haben sollte, dafür stehe ich als Kapitän ein. Auch gegenüber Thomas Lammers als Geschäftsführer, wenn es um organisatorische Dinge geht. In allererster Linie geht es darum, für das Wohl der Mannschaft zu sorgen, dafür, dass jeder der Neuen hier möglichst schnell ankommt, den Verein aufsaugt und verstehen lernt. Diesen Zusammenhalt zu fördern ist eine der wichtigsten Aufgaben.
Worin unterscheiden Sie sich von Ihrem Vorgänger Jakob Schwabe?
Ich denke, dass uns beiden der Zusammenhalt super wichtig ist. Jakob und ich haben ein super Verhältnis, immer noch. Auch wenn er jetzt in Emsdetten spielt. Ich glaube, dass wir vom Typ her unterschiedlich sind. Er ist eher introvertiert, sachlicher. Ich lebe vom Bauchgefühl, von Emotionen. In der Herangehensweise unterscheiden wir uns, aber wir haben immer das gleiche Ziel.
Sie sind jetzt im zehnten Jahr in Hamm. Was hat sich in der Zeit verändert, wie hat sich der Verein entwickelt?
Ich glaube, dass sich der Verein in seinen Strukturen schon weiterentwickelt hat, dass er dafür sorgt, dass die Mannschaft ein sehr professionelles Umfeld vorfindet. Da spreche ich in erster Linie von der Kooperation mit der Physiotherapie. Das Ärzteteam drumherum ist sehr eingespielt, da bekommst du sehr schnell Termine und Diagnosen. Es gibt eine Optimierung dahingehend, dass verletzte Spieler sehr schnell wieder fit werden, was zu professionellen Strukturen dazu gehört. Dazu glaube ich, dass sich der Verein, was organisatorische Dinge angeht, breiter aufgestellt hat. Auch im Social Media Bereich, der immer größer wird. Da hat der ASV eine große Reichweite für einen Zweitligisten. Und es wurde geschafft, Sponsoren im Boot zu halten, ohne die es keinen Profisport gibt. Auch der Hauptverein hat eine gute Entwicklung genommen, aber das ist ein anderes Thema.
Sie haben vom Jugendkoordinator bis zum -trainer schon einige Rollen im Hauptverein ausgefüllt. Ist für solche Dinge noch Zeit?
Ja. Ich werde zusammen mit Jens Gawer das Trainerteam für die B-Jugend bilden. Da ist es aber erstmal so vorgesehen, dass ich einmal die Woche für die Jungs da sein möchte. Ich möchte gerne mit denen im individuellen Bereich arbeiten. Ich möchte den Kontakt zum Hauptverein dadurch gerne halten, damit wir es schaffen, eine Identifikation zu haben.
Das Team hat sich stark verändert. Ist es schon zusammengewachsen?
Ich glaube, der Kern, der schon viele Jahre dabei ist, hat es geschafft, die Neuen zu integrieren. Mein Gefühl ist, dass die sich wohl fühlen, Bock auf die Mannschaft und vor allem den Saisonstart haben. Natürlich kann eine Vorbereitung ohne Druck und mit einer gewissen Euphorie gespickt, viele Dinge einfach machen. Aber ich denke, die Mannschaft ist schon vom Zusammenhalt so gefestigt, dass sie für schwierige Phasen gewappnet ist.
Mit Alexander Reimann haben Sie auf Linksaußen einen neuen Partner. Hat das irgendeine Bedeutung für Sie oder ist er unabhängig von der Position einfach nur ein weiterer Mitspieler?
Für mich ist es immer interessant, mit wem ich die Position bekleide. Ich bin sehr glücklich über die Verpflichtung. Er erinnert mich an mich selbst. Er trägt das Herz ein bisschen auf der Zunge, schiebt ein, zwei Sachen vielleicht ein bisschen zu schnell raus, aber im positiven Sinn. Er ist ein guter Typ, sehr ehrgeizig, wissbegierig. Er kommt mit vielen Dingen zu mir und fragt mich, wie ich etwas löse. `Wie verhältst Du dich bei einem Wurf in der fünften und wie bei einem in der 55. Spielminute. Was geht da in Dir vor.` Solche Dinge sind für ihn unglaublich interessant. Dann habe ich natürlich Spaß daran, mit ihm zusammenzuarbeiten. Ich glaube schon, dass es wichtig ist, dass die Jungs, die im Team eine Position bekleiden, in einem engeren Austausch stehen. Früher war ja Vyron Papadopoulos der alte Hase auf Linksaußen, jetzt bin ich es. Ich bin auch schon zweimal von Alex „Opa“ genannt worden – mit 28 finde ich das aber noch ein bisschen früh.
Wie schätzen Sie die Spielstärke der Liga und die Ihrer eigenen Mannschaft in dieser Saison ein?
In meinen Augen ist das die stärkste 2. Liga, die wir je hatten...
...wie jedes Jahr...
Ja, okay. Aber du hast vier Erstligaabsteiger, die in meinen Augen personell zugelegt haben und Anwärter auf den Wiederaufstieg sind. Dazu kommen Mannschaften wie Dresden, Gummersbach, die mit zur Verfolgergruppe gehören. Und es gibt nur zwei Aufstiegsplätze. Ich glaube, am Ende der Saison ist es möglich, dass du behaupten kannst, du hast eine richtig gute Saison gespielt und bist vielleicht trotzdem nur Siebter oder Achter. Es wird sehr eng auf den ersten acht Plätzen. Und bezogen auf das untere Drittel genauso. Wen es dann als Absteiger erwischen wird, wird sich sehr, sehr spät entscheiden.
Und wo landet Ihr Team?
Bezogen auf uns glaube ich, dass die Mannschaft sehr viel Potenzial hat. Aber um das einzuordnen: Wir haben mit Alex Reimann einen Linksaußen und mit Dani Baijens einen Mittelmann aus der 1. Liga verpflichtet. Aber die Jungs sind nicht 28 oder 30 Jahre alt, mit Erfahrung gespickt und nehmen die Rolle ein, die über Aufstieg und Nichtaufstieg entscheidet. Nehmen wir Tim Wieling mit dazu, der in der 2. Liga Torschützenkönig war und in der ersten Erfahrung gesammelt hat. Die Jungs wollen alle dahin zurück. Und ich glaube, dass wir das Potenzial dazu haben. Aber sie werden und dürfen Fehler machen. Insofern: Wir können zur direkten Verfolgergruppe gehören, und dann entscheiden Kleinigkeiten. Etwa, ob wir verletzungsfrei durchkommen. Wenn ja, und wir erwischen eine kleine Welle, können wir oben mitspielen. Aber es ist für mich vermessen, über das Thema Aufstieg zu reden. Die Topfavoriten sind für mich Nordhorn und Essen. Für mich ist es wichtig, das Potenzial der Mannschaft, die wir jetzt haben, zu erkennen und langfristig an uns zu arbeiten.
Ist vielleicht der ständige Umbau der Mannschaft mit daran Schuld, dass es nach ganz oben für den ASV in den vergangenen Jahren nicht geklappt hat?
Ich glaube, es gibt mehrere Faktoren, wobei ich mir gar nicht anmaßen will, darüber zu urteilen. Es ist ja nicht immer so, dass der Verein entscheidet, was machen wir mit den Spielern und was lassen wir. Vielleicht möchte ja auch der Spieler eine Veränderung haben. Ich glaube aber, dass wir jetzt eine gute Mischung gefunden haben. Ich bin jetzt so lange hier dabei und habe viele Konstellationen erlebt, so dass ich sagen kann, wir sind nicht nur sportlich gut aufgestellt für die Zukunft, sondern auch charakterlich. Und wenn die Charaktere zueinander passen, wirst du schwierige Phasen kurz halten können. Das entscheidet nachher darüber, ob du oben mitspielst oder nicht.
In dieser Vorbereitung war im Gegensatz zur Vorsaison, wo es zahlreiche Ausfälle zu beklagen gab, Ihre Fingerverletzung bisher die schlimmste Blessur.
Genau. Das ist tatsächlich so. Wir hatten bis auf die zwei Tage bei mir keinen einzigen Ausfall. Das ist mit Sicherheit ein riesengroßer Faktor. So eine Vorbereitung ebnet schon den Weg dafür, wo die Reise hingeht. Natürlich haben sich Michael Lerscht und Thomas Lammers Gedanken darüber gemacht, wann starten wir in die Vorbereitung, wie lang und mit welcher Intensität ziehen wir die überhaupt. Wir waren vor der vergangenen Saison viereinhalb Monate aus dem Handballsport raus. Das war eine Situation, die für alle neu war. Die Verletzungsstatistiken sprechen für sich.
Wie sehen Ihre persönlichen Ziele aus?
Die habe ich, verbunden mit der neuen Rolle, unterteilt. Rein sportlich gesehen habe ich das Ziel, die vergangenen zwei Jahre nochmal zu verbessern. Ich glaube, dass ich jetzt in meine besten Jahre komme. Natürlich ist es mein Ziel, nochmal erste Liga zu spielen. Dafür werde ich alles investieren. Dazu kommt die Rolle als Kapitän, die mit den sportlichen Zielen einher geht. Ich habe gesagt, ich möchte als Kapitän das bestmögliche Umfeld schaffen. Dafür sorgen, dass Einflüsse von außen nur zur Mannschaft durchdringen, wenn es sie etwas angeht. Ich bin so lange hier, fühle mich so wohl in Hamm. Daher habe ich in allererster Linie das Ziel, den Aufstieg irgendwann mit dem ASV zu schaffen.
Angebote von oben wird es ja sicherlich auch gegeben haben...
Es gab Gespräche, ja. Aber realistisch eingeordnet war es keine einfache Situation, als Zweitligaspieler in die erste Liga zu wechseln. Gerade auf der Linksaußen-Position, wo es viele junge Leute gibt, die mit Sicherheit eine andere Erwartungshaltung an einen Erstligavertrag mitbringen, als ich es mit 28 tue. Die Möglichkeiten sind dann auch bei Erstligisten nicht so gegeben, dass sie sagen, wir verpflichten einen Zweitliga-Linksaußen mit den Vorstellungen, die er hat - nicht mal finanziell gesehen, sondern auch vom sportlichen Anspruch her. Die Entfernung ist dabei für mich von sekundärer Bedeutung, auch wenn ich es genieße, von Hamm aus jederzeit meine Familie zu sehen. Von hier nach Recklinghausen ist es eine dreiviertel Stunde Autofahrt, also überschaubar.
Sie kennen alle Gegner in der Liga gut. Gibt es da Vereine, wo man lieber hinfährt oder welche, wo man sagt, ne, da nehme ich mir lieber vorher eine Verletzung?
Tatsächlich nein. Als Linksaußen steht man ja immer im direkten Duell mit dem gegnerischen Torwart. Mit Sicherheit gibt es Torhüter, auf die man lieber zuspringt. Ich kann aber nicht behaupten, dass es einen gab, bei dem ich immer alles getroffen oder alles verworfen hätte. Es ist mehr diese Tabellensituation, wenn man sagt, jetzt geht es zu dem Drittplatzierten - das sind die Spiele, wo man besonders heiß ist. Jetzt kommen die Zuschauer wieder dazu. Wenn Mannschaften in den Topregionen zu finden sind, sind die richtig gut besucht - das sind Spiele, die richtig Bock machen.
Können Sie sich noch an Ihre erste Wohnung in Hamm erinnern? Gefühlt war das ja eine Wohngemeinschaft mit Felix Storbeck.
Will man meinen, weil wir so viel Zeit zusammen verbracht haben. Tatsächlich ist es so, dass wir keine Wohnung zusammen hatten, ich nur in meiner kaum noch gewohnt habe. Wir kannten uns vorher gar nicht, waren aber im gleichen Alter, sind uns in vielen Dingen sehr ähnlich. Dann haben wir gleich nach den ersten Vorbereitungstagen gesagt, komm lass mal zusammen Mittag essen. Im Nachhinein hätte ich meine Wohnung gleich kündigen und mich bei Störte an der Miete beteiligen sollen, dann hätten wir beide viel Geld gespart.
Zum Schluss das Wichtigste: Was machen die Socken? Früher haben Sie ja immer zwei Paar beim Sport übereinander getragen.
(lacht) Es sind deutlich weniger geworden. Das zweite Paar ist jetzt einem Sprunggelenkstape gewichen. Das ist dem Verschleiß geschuldet. Ich freue mich insofern darüber, als dass ich deutlich weniger Zeit an der Waschmaschine verbringe.

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